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StartseiteRock et ceteraOrgeln, Chöre und hämmernde Grooves 08.12.2019

NeoProg-Band IQOrgeln, Chöre und hämmernde Grooves

Der Sound von IQ erinnerte anfangs an Genesis, die Livekonzerte an Pink Floyd, damit war die Tradition klar erkennbar. 40 Jahre später ist diese NeoProg-Welle zwar größtenteils abgeebbt, aber IQ gibt es noch immer. Mit treuen Fans, neuem Album, ungebrochener Kreativität und fast in Originalbesetzung.

Von Kai Löffler

Fünf Männer stehen oder sitzen vor einer Steinmauer. (IQ Resistance)
Die Band IQ zählt zu den Vertretern des NeoProg (IQ Resistance)
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Musik: "Subterranea"

Als Gitarrist Mike Holmes und Keyboarder Martin Orford im Jahr 1981 die Band IQ gründeten, war Prog-Rock nicht gerade die Musik der Stunde. Punk, New Wave und junger britischer Metal waren angesagt, Musik sollte rotzig klingen, nicht poliert. IQ dagegen war, wie ihre Kollegen von Marillion vor allem von Bands wie den frühen Genesis und Emerson Lake & Palmer beeinflusst und damit erst mal eine ziemliche Underground-Veranstaltung, sagt Mike Holmes.

Mike Holmes: "Das war eine komische Zeit für Progressive Rock. Das war damals in den 80ern fast ein Schimpfwort. Für ein Album wie "The Lamb Lies Down on Broadway" musste man sich im Plattenladen fast schon eine braune Plastiktüte geben lassen, damit niemand sehen konnte, was man da gekauft hatte; so etwa war die Stimmung. Aber was will man machen, man schreibt die Musik, die einen bewegt. Wir sind alle Prog-Musiker, also ist das für uns Prog. Im Endeffekt muss man sich vor allem selbst treu blieben, finde ich." 

Klarer Metal-Einschlag

In den letzten Jahren ist der Sound von IQ moderner geworden, hat sich etwas von seinen Genesis-Wurzeln entfernt. Gleichzeitig sind auch die Gitarrenriffs härter und die Musik hat spätestens seit dem Album "The Road of Bones" von 2014 einen klaren Metal-Einschlag. 

"Das passt einfach zur Musik die wir im Moment machen. Der erste Track auf dem neuen Album zum Beispiel ist so brachial, dass etwas härtere Gitarrenriffs damit einfach gut funktionieren." 

Musik: "A Missile"

In letzter Zeit hatte IQ eine Art Mini-Comeback, sicher auch weil Prog seit ein paar Jahren wieder eine blühende musikalische Subkultur ist. Ganz weg vom Fenster war die Band aber nie. Nach den ersten Jahren als lokale Kultband war IQ sogar eine Weile auf einem großen Label, wenn auch ohne Sänger Peter Nicholls, der kurz vorher gegangen war, um eine eigene Band zu gründen. Mit seinem Nachfolger Paul Menel haben sie die Alben "Nomzamo" und "Are You Sitting Comfortably" aufgenommen, und die können das Jahrzehnt ihrer Entstehung nicht leugnen.

"Stimmt schon, diese beiden Alben haben einen ein bisschen einen Achtziger-Vibe. Aber für mich war es toll mit diesen zwei Produzenten zu arbeiten; ich hab da unglaublich viel gelernt und es war eine gute Erfahrung. Außerdem ist auf den Alben auch vieles, was mir immer noch gefällt. Es sind nicht unbedingt die Lieblingsalben der Fans, aber klar, die klingen auch deshalb sehr anders, weil wir zum ersten Mal mit externen Produzenten gearbeitet haben. In gewisser Weise ist es die Produzenten-Version von IQ." 

Musik: "Promises"

Der zwei Alben dauernde Ausflug in etwas poppigere AOR-Sphären hat zwar musikalische Highlights, aber man hört der Band an, dass sie sich nicht so recht wohl fühlt. Kurz darauf trennte sich IQ dann auch wieder vom Label und gründete ein eigenes. Gleichzeitig kehrte Sänger Peter Nicholls zur Band zurück, mit besserer Stimme als vorher und die Musiker von IQ machten mit dem Album "Ever" ziemlich genau da weiter, wo sie acht Jahre vorher aufgehört hatten. Die Produktion allerdings war jetzt geschliffener und das Songwriting war deutlich fokussierter. Die Band hat sich seitdem von jedem Album zum nächsten entwickelt; vor ein paar Jahren machte sie nochmal einen Schub. Mike Holmes bekam die Gelegenheit, den Soundtrack für "Subterranea" zu schreiben, einen Film, der auf dem gleichnamigen IQ-Doppelalbum basiert. Und obwohl der Film ein kritischer und kommerzieller Flop war, hat sich das Projekt für Mike Holmes und IQ gelohnt.

Fünf Männer stehen bzw. sitzen in einem Wald. (Tony Lythgoe)Der Arbeitsprozess für Resistance nahm Jahre in Anspruch (Tony Lythgoe)

"Ich glaub, diesen Soundtrack zu schreiben, hat meine Augen und Ohren für neue Möglichkeiten mit IQ geöffnet. Ich gucke für mein Leben gern Filme, das könnte ich den ganzen Tag tun. Und es gibt viele Soundtracks, die ich ganz toll finde, von Komponisten wie Thomas Newman und Hans Zimmer. Ich war also dankbar für die Chance, etwas davon in die letzten zwei Alben von IQ einfließen zu lassen, also "Resistance" und "Road of Bones". Ich hab versucht, da etwas mit dieser Stimmung zu arbeiten."

Markanter Sound

"Road of Bones" war ein Wendepunkt. Mit Elementen von Metal und Film-Soundtracks ist der Sound von IQ noch markanter geworden, obwohl die Band ist sich im Kern treu geblieben ist. "Road of Bones" ist kein traditionelles Konzeptalbum wie etwa "The Wake", hängt aber textlich zusammen.

"Und die Idee für die Texte kam daher, dass ich zu der Zeit viele Skandinavische Thriller im Fernsehen geguckt habe, den ganzen Serienmörder-Kram. Das hat auf die Stimmung und eben auch auf die Texte abgefärbt. Der Song "Road of Bones" handelt von einem Serienmörder, da sieht man den Einfluss am direktesten. Aber überhaupt, diese Shows wie das dänische "The Killing" und "Die Brücke" hatten einfach diese großartige Atmosphäre, die so beeindruckend war. Die hatte auch insgesamt einen Einfluss auf den Sound von IQ."

Musik: "The Road of Bones"

"Eigentlich haben Martin und ich immer die Musik für IQ geschrieben, entweder zusammen oder jeder für sich. Wir waren eine Einheit. Und dann während der Arbeit an "Frequency", 2008 oder 2009, hat er plötzlich die Band verlassen. Daher musste ich das Album alleine zuende schreiben. Seitdem trägt jeder etwas zur Musik bei; gerade im Studio gibt es Input von allen Bandmitgliedern." 
 
Musik: "1312 Overture"

"Ich schreibe das meiste und nehme die Demos auf, meistens mit Pro Tools am Computer, und dann arbeite ich auch schon an den Sounds. Vielleicht ist das seltsam, aber obwohl ich Gitarrist bin, liebe ich Keyboards und habe im Computer massenhaft Keyboard-Plugins."  

Harte Gitarrenriffs und bombastische Synthesizer-Chöre 

Mit dem neuen Keyboarder Neil Durant, und zwei Rückkehrern, Schlagzeuger Paul Cook und Ur-Bassist Tim Esau, sind IQ mit "Road of Bones" und "Resistance" zu Höchstform aufgelaufen. Vielleicht auch, weil es in den letzten Jahren so gut wie kein Drama hinter den Kulissen gab, sagt Mike Holmes.

"Ich glaub schon, dass es in jeder Band auch interne Politik gibt; das ist mal gut und mal schlecht. Aber wir werden älter und hoffentlich weiser. Im Moment fühlt es sich an wie eine gut geölte Einheit. Es hat sich gut angefühlt, dass "Cookie" und Tim wieder zurückgekommen sind und Neil an den Keyboards passt auch super. Es ist einfach alles sehr harmonisch und fühlt sich im Moment richtig gut an."

Musik: "Erosion"

Seit fast vierzig Jahren gehört IQ zu den richtungsweisenden Progressive Rock-Bands. In den letzten Jahren hat sich mit Bands wie Haken und Leprous eine neue Prog-Szene gebildet, eine Post-Dream Theater-Generation. IQ war nie Teil einer Szene und gehört auch eigentlich eher zur prä-Dream Theater Generation. In den 80ern hatte die Band mit den Kollegen von Marillion und Pendragon nicht viel zu tun, sagt Mike Holmes, aber in zumindest einer Hinsicht fühlt er sich als Teil der neuen Prog-Szene. 

"Ich glaub schon, alleine schon weil die Leute, die IQ hören, auch Bands wie Haken mögen. Ich meine wir waren nie wirklich Teil einer Szene, auch nicht in den 80ern als das "Neo-Prog" hieß. Wir haben einfach immer Musik geschrieben die wir mochten und gehofft, dass andere Leute sie auch mögen. Aber unsere letzten beiden Alben passen tatsächlich ziemlich gut zur neuen Prog-Bewegung und zu genau dieser Art von Album."

Musik: "Fading Senses"

"Es war einfach aufregend; ein paar junge Kerle, die zusammen in einer Wohnung leben und ihrem Traum hinterherjagen. Das ist was was viele Leute gern tun würde, aber nur die wenigsten bekommen wirklich die Gelegenheit dazu."

In einer Zeit, in der Prog nicht gerne gesehen und vor allem gehört wurde, hätte eine Gruppe junger Genesis-Fans sicher nicht gedacht, dass sie mehr als 40 Jahre später noch als Band zusammenspielen, geschweige denn in einer erfolgreichen Band, die auf der Welle eines Prog-Revivals reitet und neue Relevanz findet. IQ hatte eine bewegte Karriere, hat eine spannende Stil-Evolution durchlaufen. Viele Bands sind in jungen Jahren Hip und kommen dann unter die Räder des Zeitgeschmacks. Bei IQ war es umgekehrt: Das Debütalbum "Tales from the Lush Attic" klang im Jahr 1983 altmodisch; 2019 dagegen ist der komplexe Prog-Rock von IQ mit seinen harten Gitarrenriffs und bombastischen Synthesizer-Chören auf der Höhe der Zeit. Und auch Mike Holmes ist mit seinem Leben und seiner Band rundum zufrieden.  

"Um ehrlich zu sein, ich bin nicht sicher, dass ich heute irgendwas anders machen würde. Ich hatte ein verdammt gutes Leben, mir hat eigentlich... ja, so ziemlich alles Spaß gemacht. Und ein großer Teil davon ist, dass ich in IQ bin. Also wenn man mich fragt, was ich an meinem Leben gerne ändern würde, würde ich sagen nichts. Nicht eine Sache. Ich hab tolle Leute kennengelernt, hab tolle Orte bereist und ich hatte einen Höllenspaß."

Musik: "Fire and Security"

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