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StartseiteSprechstunde"Romantisierende Darstellung kann Nachahmerfunktion hervorrufen"11.07.2017

Netflix-Serie über Selbstmord"Romantisierende Darstellung kann Nachahmerfunktion hervorrufen"

Die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" ist bei Jugendlichen beliebt. Darin geht es um ein Mädchen, das Selbstmord begeht. Viele Ärzte fordern deswegen ein Verbot der Serie - so auch Hermann Josef Kahl vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Er sagte im Dlf, man dürfe die Suizidgefahr von Jugendlichen nicht unterschätzen.

Hermann Josef Kahl im Gespräch mit Casten Schroeder

Die Schauspielerin Katherine Langford bei der Premiere der Netflix-Serie "13 Reasons Why", auf deutsch "Tote Mädchen lügen nicht". Sie spielt Hannah Baker, eine Schülerin, die sich das Leben nimmt. (imago - UPI Photo)
Die Schauspielerin Katherine Langford bei der Premiere der Netflix-Serie "13 Reasons Why", auf deutsch "Tote Mädchen lügen nicht". Sie spielt Hannah Baker, eine Schülerin, die sich das Leben nimmt. (imago - UPI Photo)
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Selbstmord Jugendliche voller Selbstzweifel und Konflikten

Tabuthema Suizid Wie kann ein offener Umgang mit dem Thema gelingen?

Carsten Schroeder: Selbstmord ist ein Thema, mit dem wir Journalisten sehr vorsichtig und zurückhaltend umgehen müssen. Natürlich müssen wir darüber informieren – schließlich sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, deswegen ist es ein wichtiges Thema –, aber seriöse Medien werden keine Details über Selbstmorde veröffentlichen, aus einem einfachen Grund: Die Erfahrung hat gezeigt, dass solch detaillierte Berichte Nachahmer hervorrufen, labile Menschen, die das als Vorbild missverstehen. So weit, so gut. Nun gibt es aber auf einem Internetfernsehkanal, der bei Jugendlichen sehr beliebt ist, jetzt eine 13-teilige Fernsehserie über den Suizid eines jungen Mädchens. Diese Serie stößt bei Kinderärzten, bei Kinder- und Jugendpsychiatern auf massive Kritik. Am Telefon ist Dr. Hermann Josef Kahl, Pressesprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Guten Tag, Herr Dr. Kahl!

Hermann Josef Kahl: Guten Tag, Herr Schroeder!

"Die Konsequenzen sind natürlich katastrophal"

Schroeder: Ihnen gefällt diese Serie überhaupt nicht, sie fordern sogar ein Verbot. Warum?

Josef Kahl: Sie haben es ja schon angedeutet: Eine Serie, in der ein Selbstmord romantisierend dargestellt wird, kann unter Umständen natürlich schon Nachahmerfunktionen hervorrufen. Wir wissen, dass Jugendliche, vor allen Dingen labile Jugendliche, mit dem Gedanken der Selbsttötung schon mal spielen. Und wenn sie eine solche Sendung sehen, dann kann das einen Nachahmereffekt haben, und die Konsequenzen sind natürlich katastrophal.

Schroeder: Sie sagten, das ist eine romantisierende Darstellung dieses Mädchens, die dann da irgendwie zum Selbstmord kommt. Geht es da um diese romantisierende Darstellung, oder darum, dass ein Selbstmord, ein Suizid, auch richtig gezeigt wird?

Josef Kahl: Auch, dass er richtig gezeigt wird. Denn das ist ja etwas, was natürlich die Nachahmung noch erheblich erleichtert. Man kann sich ja vorstellen, dass jemand, der in einer Phase des Lebens ist, in der er sowieso schon depressiv ist oder traurig gestimmt ist, durch so eine detaillierte Darstellung sehr wohl zur Nachahmung letztendlich aufgefordert wird und es auch leicht findet, das dann zu machen.

Selbstmord zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen

Schroeder: Noch mal zurück zu diesem Romantisierenden. Man nennt das ja auch den Werther-Effekt, das geht ja auf den Erstlingserfolg von Johann-Wolfgang Goethe zurück, "Die Leiden des jungen Werther". Der hat ja auch zahlreiche Suizide damals nach sich gezogen.

Josef Kahl: Das wird so behauptet. Das können wir, glaube ich, gar nicht beweisen. Aber der Werther-Effekt hat natürlich inzwischen eine internationale Bedeutung, dieses Wort, das ist klar. Und jeder, der den Werther gelesen hat, der weiß auch, dass das ein Buch ist, das sehr wohl, Leute in einer fragilen Phase antreffend, animieren kann, das nachzumachen. Das könnte ich mir schon vorstellen, dass das häufiger dann auch stattgefunden hat.

Schroeder: Sind Kinder und Jugendliche für solche Nachahmungstaten besonders gefährdet, mehr noch als Erwachsene?

Josef Kahl: Wir wissen ja, dass im jugendlichen Alter die Todesursache Selbstmord die zweithäufigste Todesursache ist. Das ist schon ein Alter, in dem viele Umstellungen erfolgen, in der Pubertät, in der Postpubertät, in der Suche nach dem Beruf, in der Suche nach der Identität, in der Suche nach der Partnerschaft et cetera. Das sind ja Riesenschritte, die vollzogen werden, und da kann es natürlich sehr schnell zu Brüchen kommen, zu Sand im Getriebe kommen. Da kann es sehr gut schnell zu Enttäuschungen kommen, und das ist offensichtlich dann auch eine Ursache dafür, dass viele Jugendliche sich mit dem Gedanken Suizid beschäftigen.

"Man darf das überhaupt nicht leicht nehmen"

Schroeder: Was sollten Eltern tun, wenn sie mitbekommen, dass ihr Kind eventuell Suizidgedanken trägt und dass es von dieser Serie besonders fasziniert ist?

Josef Kahl: Da sind wir extrem vorsichtig. Wenn Eltern oder wenn Jugendliche sagen, dass sie sich mit Selbstmordgedanken beschäftigen in letzter Zeit, gehört am selben Tag eine Abklärung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater. Es muss sofort entweder in einer Klinik oder in einer Ambulanz abgeklärt werden, ist dieses Kind oder dieser Jugendliche tatsächlich gefährdet? Und wenn ja, muss man sehr konsequente Maßnahmen ergreifen, damit das nicht passiert. Man darf das überhaupt nicht leicht nehmen, denn wenn man es bagatellisiert, passieren Katastrophen, die man hätte verhindern können. Und deswegen sind wir auch hier so allergisch gegen die Darstellung des Selbstmords im Fernsehen. Es ist nicht gut, wenn Jugendliche eine solche Serie sehen, wenn sie vor allen Dingen in einer gefährlichen/gefährdeten Situation sind.

Schroeder: Vielen Dank! Das war Dr. Hermann Josef Karl, Pressesprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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