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StartseiteForschung aktuellNetzhautprothese für Blinde10.05.2012

Netzhautprothese für Blinde

Netzhautimplantat hilft Patienten mit Retinitis pigmentosa

Medizintechnik. - Bei Retinitis pigmentosa degeneriert die Netzhaut, bis der Betroffene nichts mehr sieht. Weltweit arbeiten Wissenschaftler an Implantaten, die die Netzhaut ersetzen sollen, aber bisher gibt es nur ein einziges Implantat, das in Europa zugelassen ist. Argus II, so heißt die Prothese. Sie wurde in den USA entwickelt und darf seit Februar 2011 kommerziell zum Einsatz kommen. Die Fachzeitschrift "Ophthalmology" veröffentlichte nun eine Studie, die den Nutzen des neuen Implantats untersuchte.

Von Julia Beißwenger

Ein Implantat kann Retinitis-pigmentosa-Patienten ein Teil des Sinneseindrucks zurückgeben. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)
Ein Implantat kann Retinitis-pigmentosa-Patienten ein Teil des Sinneseindrucks zurückgeben. (Stock.XCHNG / Helmut Gevert)

"Das fing nach der Pubertät an. Und dann war ich mal beim Augenarzt und der hat festgestellt, dass ich die Krankheit habe, und mir auch gleichzeitig gesagt, dass ich irgendwann mal blind werde. Dann hab ich noch den Führerschein gemacht, bin noch Arbeiten gegangen und dann irgendwann: Tunnelblick, nachtblind und 2005, 2006 dann war Feierabend."

Günter Pawlitschko konnte gar nichts mehr sehen. Rund 35 000 Menschen in Deutschland leiden unter Retinitis Pigmentosa. Es ist eine Augenkrankheit, bei der die äußere Netzhauthälfte degeneriert, so dass die lichtempfindlichen Stäbchen und Zapfen nicht mehr arbeiten. Neue Hoffnung schöpfte Günter Pawlitschko vor einigen Monaten, als ihm ein Augenarzt von einer neuen Netzhaut-Prothese erzählte, die eine US-amerikanische Firma entwickelt hat. Die Prothese arbeitet mit einer Videokamera. Sie bildet quasi das neue Auge des Patienten und sitzt auf dem Nasenbügel einer Brille des Blinden. Ein kleiner Computer, zum Beispiel am Gürtel des Trägers, wandelt die Videobilder in elektrische Impulse um. Die gelangen über Funk zu einem wenige Millimeter großen Plättchen, das auf der Netzhaut des Blinden befestigt ist. Auf diesem Implantat sitzen 60 Elektroden, die durch die Impulse den Sehnerv stimulieren, sagt Bernd Kirchhof von der Universitäts-Augenklinik Köln.

"Der Patient, der aufgrund eines Objektes im Raum ein Lichtreiz empfindet, kann das mit nichts vergleichen, was er von früher kennt, er wird also einen hellen Fleck oder eine Linie sehen, die auch einem Objekt entspricht, aber es wird nicht die Farbe sein, es wird unscharf sein, es wird schwarz-weiß-Kontraste geben."

Zudem sieht der Prothesenträger stets nur einen kleinen Ausschnitt seiner Umgebung. Eine internationale Studie erfasste vor kurzem statistisch die Sehfortschritte durch das Implantat. Insgesamt 30 blinde Menschen sollten mit seiner Hilfe verschiedene Aufgaben lösen, zum Beispiel Buchstaben auf einem Bildschirm erkennen oder in einem Saal mit Hilfe weißer Striche auf dem Boden einen Parcours ablaufen, erzählt Peter Walter von der Universitäts-Augenklinik Aachen.

"Erst einmal kam raus, dass nicht alle Patienten gleich reagiert haben. Es gibt Patienten, die Sehschärfenwerte von etwa 1 bis 2 Prozent erreichen. Das ist also so ähnlich, wie wenn man einen Buchstaben, den man in zehn Meter Entfernung erkennen kann, wenn Sie einen solchen Buchstaben aus zehn Zentimeter Entfernung erkennen können. Es gibt aber auch Patienten, bei denen die Sehschärfe noch schlechter ist, bei denen nur Lichtfleckwahrnehmung nachweisbar ist."

Für etwa die Hälfte der Patienten ist das der Fall, so Peter Walter. Während der Studie löste sich bei einem Patienten das Implantat, bei zwei weiteren arbeitete es sich durch die Bindehaut. Diese Komplikationen erforderten weitere Eingriffe. Dennoch bewertet der Arzt die Ergebnisse positiv.

"Das ist im Grunde ja die erste größere Studie, die nachweist, mit statistischen Daten, dass Blinde von einem Implantat profitieren und das ist von daher schon sensationell."

Seit Februar letzten Jahres ist die Technik auf dem Markt. In Deutschland haben sie bisher nur einige wenige Patienten erhalten. In Köln, München, Aachen und Karlsruhe ist das möglich. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, die gegenwärtig pro Implantat bei bis zu 100.000 Euro liegen. Günter Pawlitschko bekam als einer der ersten im Dezember 2011 die Prothese. Von Außen ist sie nicht zu erkennen. Im Alltag ist sie auch nicht zu spüren, erzählt er. Der 58jährige übt täglich, die Lichtmuster zu interpretieren, die er mit der Prothese sieht. Dafür klebt seine Frau weiße Streifen auf eine schwarze Tafel, die der Blinde mit der Brille sucht. Durch das Training kann sich im Laufe der Monate die Sehleistung weiter verbessern, sagt Bernd Kirchhof. Er hat Günter Pawlitschko operiert und möchte das neue Netzhautimplantat bald weiteren Patienten einsetzen. Es lohnt sich allerdings nur bei völliger Blindheit, betont der Augenarzt.

"Wir sind sehr selektiv, was die Patientenauswahl angeht. Der Patient darf nicht zu alt sein, darf allgemein nicht zu gebrechlich und zu krank sein. Er sollte ein bisschen eine Pioniereinstellung haben, ohne von vornherein große passive Erwartungen an den Ausgang zu machen. Also, es ist etwas möglich, aber ob sich der Eingriff lohnt, das weiß man immer erst nachher."

Damit die Prothese in Zukunft schärfere Bilder liefert, arbeitet der Hersteller unter anderem daran, die Computerelektronik zur Modulation der Kamerabilder zu verbessern. Auch die Konkurrenz schläft nicht. Vor allem in Australien, Japan und Deutschland arbeiten Wissenschaftler an ähnlichen Prothesen, die teilweise ohne Kamera auskommen sollen, indem eine künstliche Netzhaut das Licht direkt empfängt. In wenigen Jahren, so schätzt Peter Walter, könnten drei bis vier konkurrierende Netzhautimplantate für Retinitis Pigmentosa-Patienten auf dem Markt sein.

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