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Startseite@mediasres"Die gleiche Chance das Publikum zu erreichen"14.12.2017

Netzneutralität"Die gleiche Chance das Publikum zu erreichen"

Nicht einmal die großen Medienhäuser in Deutschland hätten eine Chance "gegen wirklich große Inhalte-Anbieter wie Amazon, Netflix oder YouTube", sagte Christoph Fiedler vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger im Dlf. Daher betont er die Bedeutung der Netzneutralität für die Branche.

Christoph Fiedler im Gespräch mit Sebastian Wellendorf

Ein Mann hält am 20.08.2014 in Neumünster (Schleswig-Holstein) seine Hand vor einen Verteilerpunkt, in dem zahlreiche Glasfaserkabel unter anderem zur Übertragung von Hochgeschwindigkeitsinternet zusammenlaufen. (dpa / Daniel Reinhardt)
Deutsche Medienhäuser müssen sich noch keine Sorgen über Netzneutralität machen. (dpa / Daniel Reinhardt)
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Sebastian Wellendorf: Und hier in Europa? Ja, da haben wir sie - die Netzneutralität garantiert durch die BEREC (Body of European Regulators for Electronic Communicators). Die Frage ist: wie lange noch? Die USA sind ja kein kleines Land und regionale Grenzen setzen im Netz ist auch keine einfache Angelegenheit.  Viele Medienmacher in Deutschland blicken jedenfalls sehr aufmerksam auf die Entwicklung in den USA, z.B. die Printmedien. Ich habe mit Dr. Christoph Fiedler vom Verband Deutscher Zeitungsverleger* gesprochen und ihn gefragt, ob er eigentlich beunruhigt ist.

Christoph Fiedler: Durch die Entscheidung in den USA? Sie ist sicherlich mittel- und – wenn sie denn länger hält – langfristig ein schlechtes Signal für die weltweite Netzneutralität. Im Moment für Europa nur bedingt, denn was wir lange Zeit geschafft haben einfach durch den freien Markt sehen wir im Wesentlichen noch verwirklicht. Der kleinste Anbieter und das sind kleine Fachverlage, die mit ihren Seiten nur Eingeweihten bekannt sind, und die großen Anbieter haben alle technisch die gleiche Möglichkeit, zum Leser oder Zuschauer zu kommen. Das ist eine Ermächtigung und Befreiung durch das Internet, die es auf keinem Medienmarkt bislang so gab. Jeder hat technisch die gleiche Chance, das Publikum zu erreichen. Das ist zurzeit noch da, aber es ist sicherlich richtig, das auch politisch und rechtlich möglichst zu schützen. Da müssen wir in Europa sicherlich aufpassen, dass wir da nicht auch in eine falsche Richtung gehen.

Wellendorf: Gehen wir mal vorm worst case aus: Was würde es denn bedeuten, wenn hierzulande oder in Europa die Netzneutralität aufgehoben würde?

Kleine Anbieter könnten das Publikum nicht mehr erreichen

Fiedler: Jede Aufhebung der Netzneutralität würde diesen wirklich aufklärerisch-epochalen Schritt rückgängig machen, bei dem erstmals in der Geschichte der Menschheit jeder, der was zu sagen hat, jedenfalls technisch die Möglichkeit hat, alle in gleicher Qualität zu erreichen. Wenn Sie wissen, dass da eine Seite ist, die zum Thema Netzneutralität was sagt, dann kann die Sie genauso gut erreichen wie die größte Medienseite der Welt. Das hat es vorher nicht gegeben. Wenn jetzt aufgrund der ökonomischen Mechanismen wieder bestimmte Player durch Geldzahlungen einen besseren Zugang zum Publikum bekommen, dann besteht die Gefahr, dass man über Geschäftsmodelle der TK-Anbieter in eine Situation zurückkommt, in der über Spezialdienste oder über Qualitätsklassen die vielen kleinen Anbieter keine technisch vergleichbare Möglichkeit haben, das Publikum zu erreichen.

Wellendorf: Und konkret für die Printbranche. Bleiben wir mal bei z.B. kleinen Verlagen, die sich ja jetzt schon oder die sich ja behaupten müssen am Markt und andererseits große Verlage, wie z.B. der Springer-Verlag womöglich gegen Google und Facebook wahrscheinlich auch keine Chance hätten was das Finanzielle betrifft.

Fiedler: Das Risiko gibt’s natürlich auf allen Stufen. Zunächst einmal ist es sicherlich so, dass nicht einmal die Großen - aus unserer Sicht - großen Medienunternehmen wie sie von Ihnen genannt wurden, eine Chance hätten gegen wirklich große Inhalte-Anbieter wie Amazon, Netflix oder YouTube. Wenn die ihre Kassen aufmachen, um sich einen Vorrang im Netz zu erkaufen, dann hat keiner der Anderen eine Chance dagegen. Wenn es aber - und das wäre auch eine Idee der Telkos – jeder, der mehr Geld hat, kriegt bevorzugten Zugang, die Überholspur und die anderen ruckeln dann beim Video. Wenn es so kommen sollte, dann ist es natürlich ein Problem vor allen Dingen für die wirklich Kleineren. Da müssen Sie - um mal Zahlen zu nennen - davon ausgehen, dass wir in Deutschland alleine mehrere hunderte Verlage haben, die alle einen wachsenden Teil ihrer Leser und Kunden nur noch über das Internet erreichen und dass es sich um tausende Publikationen handelt, die auch alle immer häufiger über das Internet und zu einem immer größeren Anteil über das Internet transportiert werden.

In Europa sind es 10-, 15-, 20.000 Verlage und noch mehr Publikationen. Allein bei diesen Mengen ist klar, wenn da drei, vier oder auch fünf Konzerne oder auch 100 nur das Sagen oder den Vorrang haben, ist es für alle anderen ein Problem.

Europaparlament hat gute Arbeit geleistet

Wellendorf: Sie waren da eben so optimistisch, als Sie gesagt haben, ich glaube, da ist Europa noch auf der sicheren Seite. Auf der anderen Seite scharren jetzt z.B. die Telekom und Vodafone schon lange mit den Hufen. Deren Interesse an der Netzneutralität ist verständlich. Aus Ihrer Sicht, wo die USA damit Macht vorlegen: wie lange wird die EU da noch lange standhalten können?

Fiedler: Die Verbindung ist insofern richtig als der Marktdruck sicherlich auch die Bemühungen der Telkos hier in Europa verstärken wird, die Auslegungsspielräume in der EU-Verordnung, die die Netzneutralität sichern soll, auszutesten. Da muss man natürlich auch vor der eigenen Haustür kehren. Während das Europaparlament, das sicherlich nicht immer der beste Garant der Pressefreiheit auch in Europa ist. Das Europaparlament hat in dem Fall tatsächlich gute Arbeit geleistet und hat einen Vorschlag gemacht, der die Netzneutralität auch gegen Umgehungsmöglichkeiten wie Spezialdienste recht gut verteidigt hätte. Da haben die Regierungen und auch die deutsche Bundesregierung, die große Koalition, Vorschriften verwässert, so dass jetzt wieder die Möglichkeit einer Auslegung durch BEREC (Body of European Regulators for Electronic Communications) und die nationalen Netzaufsichtsbehörden besteht, die bestimmte Umgehungsmöglichkeiten erlauben würde. Ob das nun die BEREC macht, bzw. die nationalen umsetzenden Behörden, das ist offen. Wir haben uns auch beteiligt an Kommentaren zu den entsprechenden Auslegungsrichtlinien durch BEREC. Die sind an einigen Stellen viel zu weich und keine Garanten, wenn – wie Sie das vermuten oder wie Sie das für möglich halten – der Druck aus den Vereinigten Staaten steigt.

Wellendorf: Das heißt, ich verstehe Sie richtig: so richtig ist die jetzige Netzneutralität dann doch nicht.

Fiedler: Ich würde sagen, im Moment ist weitgehend die Netzneutralität faktisch gesichert. Aber die amerikanische Entscheidung könnte die europäischen Unternehmen ermutigen, mehr Druck zu machen, dass auch hier Geschäftsmodelle durchgesetzt werden, die dann die große Zahl der kleinen Anbieter in Medien, aber auch im anderen Bereich benachteiligen. Ja.

Wellendorf: Wenn es denn dann politisch gewollt ist.

Fiedler: Politisch gewollt ist und – ja, wobei wissen Sie, wenn Agenturen entscheiden, wo ist da der politische Wille? Der müsste ja sichtbar werden. Dafür müsste das genau verfolgt werden. Wenn das tatsächlich alles genau verfolgt wird von den Medien in Europa, dann ist zu hoffen, dass so was auch bekannt würde und zu einer politischen Frage wird. Ansonsten läuft das einfach verwaltungstechnisch.

Wellendorf: Wie reagiert die Zeitungsbranche auf die anstehende Aufhebung der Netzneutralität in den USA und was würde sie für die Medienlandschaft in Deutschland bedeuten? Darüber habe ich mit Prof. Dr. Christoph Fiedler vom Verband deutscher Zeitungsverleger* gesprochen. Danke Herr Fiedler. 

Fiedler: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

*Korrektur: Christoph Fiedler vertritt den Verband Deutscher Zeitschriftenverleger

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