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StartseiteComputer und KommunikationTelefonieren über All-IP26.04.2014

NetztechnikTelefonieren über All-IP

Mit dem amerikanischen Telefonnetz wird eines der ältesten und größten Telefonnetze auf All-IP umgestellt. Auch in Deutschland und Europa ist die Umstellung im Gange. Technik-Journalist Thomas Reintjes über Vor- und Nachteile von All-IP-Netzen.

Thomas Reintjes im Gespräch mit Manfred Kloiber

Kabel, die aus einer Wand kommen. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Deutschland will bis 2018 ihr deutsches Netz auf IP umstellen. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Manfred Kloiber: Thomas Reintjes, Sie haben mit Netzbetreibern und Regulieren gesprochen. Worin bestehen denn noch die großen Herausforderungen für den Wechsel?

Thomas Reintjes: Die Anbieter sagen: In 90 oder 99 Prozent der Fälle sei die Umstellung gar kein Problem. Aber manche Fälle sorgen für Kopfzerbrechen. Im alten Telefonnetz sind vor allem bei Geschäftskunden so viele Speziallösungen entstanden, dass sich Anbieter praktisch mit jedem einzelnen Fall beschäftigen müssen und klären müssen, wie er sich in die Zukunft überführen lässt. Das fängt bei der Steuerung von Tiefkühltruhen an, geht über Lösungen für den Rundfunk, wie wir sie hier im Deutschlandfunk auch noch jeden Tag einsetzen, bis hin zu Notrufsystemen und zur Flugsicherung.

Kloiber: Da geht es dann also auch um öffentliche Sicherheit. Für die ist ja nicht nur wichtig, dass Kommunikation möglich ist, sondern sie muss auch zuverlässig möglich sein. Sind denn die neuen Netze genauso zuverlässig wie die alten?

Reintjes: Bei AT&T hieß es, das Bell-Telefonnetz sei ein Fünf-Neunen-Netz: zu 99,999 Prozent verfügbar. Dass das IP-Netz diesen Wert ebenfalls erreicht, darauf wollte sich der Vertreter des Unternehmens nicht festlegen. Man mache keine Abstriche bei der Qualität, hieß es nur. Ähnlich die Deutsche Telekom. Ihr Sprecher führt das Argument an, moderne Netze würden mit deutlich weniger Technik auskommen, was die Stabilität erhöhe. Ein Nachteil hinsichtlich Zuverlässigkeit ist, dass Geräte über das IP-Netz nicht mit Strom versorgt werden. Fällt bei einer Naturkatastrophe der normale Haushaltsstrom aus, besteht bisher die Chance, dass Telefone weiterhin funktionieren. In Zukunft müssen Geräte, die ausfallsicher sein sollen, hingegen mit Batterien ausgestattet werden.

Kloiber: Wie sieht denn der weitere Fahrplan aus?

Reintjes: Ein Land hat bereits die Umstellung hinter sich: Mazedonien. Dort hat eine Tochter der Telekom alle Anschlüsse umgestellt - inklusive der Flugsicherung übrigens. Dennoch heißt es aus dem Unternehmen: Noch nicht für alle exotischen Fälle sind Lösungen da. Trotzdem will die Telekom bis 2018 ihr deutsches Netz komplett auf IP umgestellt haben. Zwei Millionen Privatkunden seien bereits angeschlossen. Neun von zehn Neuanschlüssen seien nicht ISDN, sondern IP-Anschlüsse. Niemand werde aber zum Wechsel gedrängt.

Kloiber: Gibt es denn Gründe, heute einen IP-Anschluss haben zu wollen?

Reintjes: Sie können sich zuhause den Splitter und den NTBA sparen. Dass das Netz mit weniger Technik auskommt, gilt also auch für den Anschluss zuhause. Aber davon abgesehen ist All-IP derzeit sicher vor allem für die Netzbetreiber interessant. Sie sparen Wartungskosten, Energiekosten und werden flexibler. Neue Dienste für Kunden sind noch nicht stark verbreitet und werden erst noch entwickelt. Am bekanntesten ist vielleicht HD-Telefonie, also die Möglichkeit, dass Sie am Telefon endlich eine bessere Sprachqualität haben als Mittelwellenradio. Außerdem können Sie Ihren Anschluss mitnehmen - zum Beispiel von zuhause ins Büro. Was aber kommen wird, sind Dienste, wo klassische Sprachtelefonie angereichert wird - etwa durch Video, aber auch durch Text oder sogar Gebärdensprache. Für Unternehmen interessant: Sie können in zukünftigen Netzen kurzfristig Bandbreite hinzubuchen - kein Techniker muss dafür mehr Leitungen umklemmen. Und für die nächste Generation von Breitbandinternet auf Kupferleitungen, das sogenannte VDSL-Vectoring, ist IP ebenfalls Voraussetzung.

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