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StartseiteKommentare und Themen der WocheAus der Kandidatin der Herzen wird ein Risiko für die SPD28.11.2020

Neue Berliner SPD-Chefin GiffeyAus der Kandidatin der Herzen wird ein Risiko für die SPD

Die Wahl von Franziska Giffey zur neuen Berliner SPD-Chefin wird überschattet von den Plagiatsvorwürfen um ihre Doktorarbeit. Mit ihrem Verhalten stelle sie sich gerade selbst ein Bein, kommentiert Claudia van Laak. Wer hohe politische Ämter anstrebe, werde daran gemessen, wie er oder sie mit eigenen Fehlern umgehe.

Ein Kommentar von Claudia van Laak

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Franziska Giffey, neue Vorsitzende der Berliner SPD, steht bei einer Pressekonferenz zum Parteitag der SPD Berlin.  (dpa/Christophe Gateau)
Franziska Giffey, neue Vorsitzende der Berliner SPD (dpa/Christophe Gateau)
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Spätestens jetzt ist klar – die Hauptstadt-SPD hat eine Kandidatin der Herzen. Was für ein Unterschied zum staubtrockenen Michael Müller, der auch in den eigenen Reihen als Büroklammer verspottet wurde. Franziska Giffey hat gute Laune, Spaß an der Macht, eine klare Agenda, die dem schlampigen Berlin guttun würde und nicht zuletzt Charisma. Außerdem: endlich, endlich wird die Berliner SPD von einer Frau geführt. Wer die Bundesfamilienministerin auf der Straße erlebt hat, in Gesprächen mit Polizistinnen, Flüchtlingen, Unternehmerinnen oder Obdachlosen – der weiß – Giffey kann Menschen motivieren und überzeugen, sie kommt an – am Stammtisch und in der Vorstandsetage. Wer daran Zweifel hat, sollte sich einfach in Berlin-Neukölln auf einen belebten Platz stellen und nach der früheren Bezirksbürgermeisterin fragen – kaum jemand, der sie nicht lobt. 

Giffey stellt sich gerade selber ein Bein

Franziska Giffey, die Lichtgestalt also für die Metropole Berlin, die lange, zu lange, schlecht regiert wurde? Leider nein. Giffey stellt sich gerade selber ein Bein. Sie verhält sich wie ein zweijähriges Kind, dass sich die Augen zuhält und glaubt, es wird nicht gesehen. Die Bundesfamilienministerin ist tatsächlich der Ansicht, wenn sie ihren Doktortitel nicht mehr führt, über ihre verunglückte Dissertation nicht redet und entsprechende Fragen nicht beantwortet, dann erledige sich das Thema irgendwann von alleine. Das Gegenteil ist der Fall. Die Freie Universität Berlin prüft gerade erneut – und im Moment deutet vieles darauf hin, dass ihr der Doktor-Titel Ende Februar entzogen wird. Was passiert dann? Tritt sie als Bundesfamilienministerin zurück – wie sie es selber angekündigt hatte – ist sie dann als Regierende Bürgermeisterin noch tragbar? Und was bedeutet das für den Wahlkampf? 

Ein Risiko für die SPD

Tritt sie allerdings nicht zurück und klammert sich an ihr Amt – mit dem Argument, sie führe den Titel ja gar nicht mehr – dann, ja dann würde sie das noch stärker beschädigen. Im Moment zieht sich die neue Berliner SPD-Chefin auf folgende Position zurück: Ein Titel sei unwichtig, was sie als Mensch ausmache, liege nicht in diesem akademischen Grad begründet. So hat sie es fein säuberlich mit Füller auf ein Blatt Papier geschrieben, fotografiert und auf Facebook veröffentlicht. Franziska Giffey hat recht. Um eine gute Bundesministerien zu sein, ein guter Regierender Bürgermeister, braucht es keine Dissertation, noch nicht einmal Abitur. Allerdings wird jemand, der ein hohes politisches Amt innehat und ein weiteres anstrebt, daran gemessen, wie er oder sie mit eigenen Fehlern umgeht. Die Wählerinnen und Wähler würden es Franziska Giffey hoch anrechnen, würde sie jetzt sagen: tut mir leid, ich habe an der einen oder anderen Stelle schlampig gearbeitet, ich war gestresst, weil ich neben meinem Job promoviert und auch noch ein Kind zur Welt gebracht habe. Eine Dreifachbelastung also. Hut ab – würden alle sagen, Vertrauen und Glaubwürdigkeit wären wiederhergestellt. Aber so? So wird aus der Kandidatin der Herzen ein Risiko für die SPD.

Claudia van Laak  (Deutschlandradio / Bettina Straub) Claudia van Laak (Deutschlandradio / Bettina Straub)Claudia van Laak, Jahrgang 1963, zog nach ihrem Studium von Germanistik, Journalistik und Wirtschaftswissenschaften in die "Noch-DDR". In Thüringen arbeitete sie beim MDR, wechselte dort als Landeskorrespondentin zum Deutschlandradio. Danach Korrespondentin in Brandenburg, jetzt Leiterin des Landesstudios Berlin.

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