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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNoam Chomskys scharfer Blick auf die Gegenwart24.10.2016

Neue Bücher vor der US-PräsidentenwahlNoam Chomskys scharfer Blick auf die Gegenwart

Seit den 60er Jahren zählt der amerikanische Linguist Noam Chomsky unermüdlich die vermeintlichen Schandtaten der diversen amerikanischen Regierungen auf. Vor der US-Präsidentschaftswahl sind zwei neue Bücher von Chomsky auf deutsch erschienen. Sein scharfer Blick auf Gegenwart und Zukunft ist pessimistisch.

Von Christoph Fleischmann

Der Philosoph und Linguist Noam Chomsky (dpa/picture-alliance/Martin Bialecki)
Der Philosoph und Linguist Noam Chomsky (dpa/picture-alliance/Martin Bialecki)
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Wenn ein Autor immer dasselbe schreibt, dann würde man ihn normalerweise der Fantasielosigkeit zeihen. Bei dem amerikanischen Linguisten Noam Chomsky ist das anders: Da erschreckt man beim Lesen, dass er immer wieder neue Belege und Beispiele für seine immer gleichen politischen Aussagen findet: Das amerikanische Hegemonialstreben verletze Menschenrechte weltweit und sei ein Risiko für das Überleben der Menschheit, im eigenen Land exekutiere die amerikanische Regierung einen Klassenkampf im Interesse der Konzerne. Auf beiden Feldern stünden die Herrschenden gegen die Mehrheit der Menschen.

Ein ebenfalls wiederkehrendes Moment seiner Analysen ist auch, dass demokratische Präsidenten in dieser Hinsicht nicht besser seien als ihre republikanischen Kollegen:

"Bushs Politik bestand darin, Verdächtige zu fangen (und zu foltern), während Obama sie einfach ermordet, wobei er den Einsatz von Terrorwaffen (Drohnen) und Spezialeinheiten (vielfach Tötungskommandos) drastisch verstärkte. Solche Sonderkommandos sind schon in 147 Ländern eingesetzt worden. Bei dieser Truppe, die inzwischen so groß ist wie Kanadas gesamte Armee, handelt es sich im Prinzip um eine Privatarmee des Präsidenten." 

Ihm wird angekreidet, er liefere Stoff für billigen Anti-Amerikanismus

In seinem neuen Buch "Wer beherrscht die Welt" versammelt Chomsky Analysen aus den letzten Jahren, die aber oft weit zurückgreifen. Eine aktuelle Einschätzung zur bevorstehenden Wahl findet man in dem Buch noch nicht. Dazu muss man sich durch die zahlreichen Podcasts zappen, die es im Netz gibt.  

"Es ist von Bedeutung, wer im Weißen Haus sitzt, wer die höchsten Richter ernennt und über Krieg und Frieden entscheidet und über die Umwelt, das ist nicht egal, aber es ist nicht das  Hauptproblem. Das Hauptproblem ist, welche einheimischen Kräfte zwingen uns und bestimmen die gesetzgeberischen Entscheidungen? Und da gibt es eine Kraft, die immer da sein wird: privates, konzentriertes Kapital, Konzern-Macht." 

Dass Hillary Clinton, wie kürzlich auf Wikileaks veröffentlicht wurde, Fantasie-Honorare von Banken eingenommen hat, passt zu Chomskys Bewertung, dass die Parteien sich immer mehr in die Abhängigkeit der Unternehmen begeben hätten. Während in vielen Analysen zur Globalisierung von einem Gegensatz zwischen Politik und Wirtschaft geredet wird, sieht Chomsky einen engen Zusammenhang zwischen beiden, er spricht auch von Staatskapitalismus. Ein Zusammenhang, der durch ideologische Auseinandersetzungen über den Neoliberalismus eher verdunkelt werde: 

"Eine der Paradoxien des Neoliberalismus ist, dass er weder neu noch liberal ist. Es ist Heuchelei, wenn sie sagen, wir sollten keine Institutionen mit Steuergeldern unterstützen. Denn tatsächlich ist der Finanzsektor im Wesentlichen steuerfinanziert. Erinnern Sie sich an die IWF-Studie über die führenden amerikanischen Banken: So gut wie ihr gesamter Profit kommt von der impliziten Versicherungspolitik der Regierung, von billigen Krediten, Zugang zu höheren Kredit-Ratings, Anreizen für riskante Transaktionen, die profitabel sind, und wenn es problematisch wird, zahlen Sie alle dafür."  

Hierzulande wird Chomsky mitunter angekreidet, er liefere Stoff für billigen Anti-Amerikanismus. Wer aber sorgfältig liest, merkt, dass Chomskys Sicht auch viele Selbstverständlichkeiten der europäischen Diskurse hinterfragt: So zum Beispiel beim Krieg gegen den Terror: Chomsky verweist auf die Verantwortung der amerikanischen Politik, der Bin Laden in die Falle gegangen sei. Der Krieg gegen den Terror habe mehr Dschihadisten hervorgebracht, als er eliminiert habe. Damit relativiert er die Verbrechen der Dschihadisten nicht, er unterstellt aber, dass auch Verbrecher meist nicht irrational handelten und dass man zur Erklärung ihrer Motivation keine Koranexegese betreiben müsse.

Das Denken ist für Chomsky frei und äußert sich in der Sprache

"Die Invasoren – möglicherweise unter Verkündung vollkommen gut gemeinter Motive – werden naturgemäß nicht geliebt von der Bevölkerung, die sich ihnen widersetzt, anfangs nur im Kleinen und dadurch eine starke Antwort auslöst, die wiederum den Widerstand und dessen Rückhalt stärkt. Der Zyklus der Gewalt eskaliert, bis die Eindringlinge wieder abziehen – oder ihre Ziele durch Maßnahmen erreichen, die unter Umständen einem Völkermord nahekommen." 

Ein Charakteristikum von Chomskys politischen Texten ist, dass er kein Rezept gibt, wie es besser zu machen wäre, gleichwohl will er zum widerständigen Handeln ermutigen. Die Leute wüssten schon, was sie tun müssten, sagte er früher auf entsprechende Vorhaltungen.  

Da gibt es nun eine interessante Verbindung zu Chomskys Sprachlehre. In dem kleinen Band "Welche Lebewesen sind wir?", der zeitgleich zu seinen neuen politischen Analysen auf Deutsch erscheint, stellt er – nicht ganz voraussetzungsfrei – dar, worum es ihm bei seinen linguistischen Forschungen ging und geht: Seine Vorstellung einer Universalgrammatik, also einem Set bestimmter Operationen, die allen Sprachen zugrunde liegen und wohl genetisch festgelegt sind. Diese Vorstellung grenzt sich ab von behavioristischen oder strukturalistischen Konzepten: Das Denken ist für Chomsky frei und äußert sich in der Sprache, es ist nicht von der sozialen oder der Sprachwelt determiniert: 

"Es gibt auch heute keinen Grund, an der grundlegenden kartesianischen Erkenntnis zu zweifeln, dass der Gebrauch von Sprache einen kreativen Charakter hat: Er ist normalerweise grenzenlos innovativ, den Umständen angemessen, aber – ein kritischer Unterschied – nicht durch sie verursacht und kann in anderen Gedanken hervorrufen, von denen sie erkennen, dass sie sie selbst hätten äußern können. Dabei mögen wir, wie Descartes' Nachfolger es formulierten, durch die Umstände und innere Zustände 'angeregt' oder 'geneigt' sein, bestimmte Dinge zu äußern, andere dagegen nicht, aber wir sind nicht dazu 'gezwungen', dies zu tun." 

Chomskys Glaube an den Menschen wird auf eine harte Probe gestellt

Der Vielschreiber Chomsky setzt auf Überzeugung und auf den kreativen Menschen – allein, Chomskys Glaube an den Menschen wird derzeit auf eine harte Probe gestellt: Warum würden viele weiße Amerikaner der Unterschicht Donald Trump wählen und damit einen Politiker, der erklärtermaßen gegen ihre wirtschaftlichen Interessen agieren würde – das klingt nicht rational. 

"Es ist völlig klar, was für die wachsende Zustimmung für Donald Trump verantwortlich ist, da gibt es eine einhellige Meinung: Schauen Sie nur auf die ökonomischen Statistiken. Die hauptsächliche Unterstützung für Trump kommt von weißen Leuten, Arbeiterklasse und arm, die in der neoliberalen Periode auf der Strecke geblieben sind. Sie haben eine Generation der Stagnation oder gar des Rückfalls erlebt: Die Realeinkommen der Männer sind etwa dieselben wie in den 1960er-Jahren; es gab einen Niedergang im Funktionieren der Demokratie; die Verachtung für die Institutionen, besonders den Congress, hat enorm zugenommen."

Das ist das alte Chomsky-Problem: Wieso verfängt die dümmste Propaganda immer wieder, wenn die Menschen doch zu kreativem und rationalem Handeln qua Geburt bestens ausgestattet sind? Sind sie etwa doch durch ihre Umwelt und ihr Unbewusstes mehr bestimmt als dem großen Liberalen und Anarchisten recht ist? So bekommen Chomskys immer gleiche Analysen durch ihre stete Wiederholung und Erneuerung einen traurigen Ton: Es scheint sich nichts zu ändern, die Hoffnung auf die Menschen wird schwer. Umso heroischer aber erscheint der unermüdliche Noam Chomsky, der sich auch mit 87 Jahren noch nicht zur Ruhe gesetzt hat.

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