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StartseiteMusikjournalDas Gewandhausorchester in Zeiten der Diktatur17.06.2019

Neue ChronikDas Gewandhausorchester in Zeiten der Diktatur

Im zweiten Band der "Neuen Chronik des Gewandhausorchesters" geht es auch um dessen Rolle in der Nazizeit und der DDR. "Es war in die beiden Diktaturen weit mehr involviert, als es uns heute lieb wäre", sagte der Autor Claudius Böhm im Dlf.

Claudius Böhm im Gespräch mit Susann El Kassar

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14.03.2018, Sachsen, Leipzig: Das Gewandhaus und der Mendebrunnen sind am Abend festlich erleuchtet. Der Schriftzug "275 Jahre Gewandhaus Orchester" ist am Gebäude zu sehen. (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Der jüdische Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy war eng mit dem Gewandhausorchester verbunden (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
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Der kürzlich erschienene zweite Band der "Neuen Chronik des Gewandhausorchesters" umfasst die Jahre 1893–2018. Geschrieben hat sie der Leiter des Gewandhausarchivs, Claudius Böhm. Er sagte im Dlf: "Leider reiht sich das Gewandhausorchester in die trübselige Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Es war in die beiden Diktaturen, die dieses Jahrhundert geprägt haben - zumindest hier im europäischen Raum - weit mehr involviert, als es uns heute lieb wäre."

Der jüdische Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy war eng mit dem Gewandhausorchester verbunden, weil er dort ab 1835 einige Jahre als Kapellmeister tätig war. Doch diese Beziehung wurde dem Orchester während des NS-Regimes nicht zum Verhängnis, da es eben nicht nur das Orchester des Gewandhauses gewesen sei, so Claudius Böhm. Es habe auch ein wesentliches Standbein in der Oper und in der städtischen Kirchenmusik gehabt - das habe sich auch bis heute so erhalten. "Deswegen war das Orchester relativ unabhängig." Die Nationalsozialisten hätten den Namen Bartholdys ausgelöscht bzw. unterschlagen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges habe das Gewandhausorchester seine Werke wieder aufgeführt. Wirklich aufgearbeitet worden sei diese Zeit während des Nazi-Regimes erst weit nach 1990.

Die Ruine des Leipziger Gewandhauses im Jahr 1962 (picture alliance / dpa / our-planet.berlin / Heinz Krimmer)Die Ruine des Leipziger Gewandhauses im Jahr 1962 (picture alliance / dpa / our-planet.berlin / Heinz Krimmer)

Er habe während seiner Arbeit weitgehend versucht, neutral als Chronist zu arbeiten, erklärte Böhm im Interview. An einigen Stellen begebe er sich aber ganz bewusst in die Rolle des wertenden Kommentators. Er habe das gesamte Wissen, das er während seiner jahrzehntelangen Arbeit angesammelt habe, in diese Chronik gesteckt.

"Eine solche Chronik könnte in naher Zukunft nicht noch einmal von einer Einzelperson geschrieben werden. Es bedürfte sicher eines Forscherkollektivs; der Weisheit einer Forschergruppe. In dem Sinne wünsche ich mir durchaus, dass da eine Gesamtschau stattfindet, die auf die verschiedenen Entwicklungsstränge näher eingehen kann."

Claudius Böhm: Neue Chronik des Gewandhausorchesters. 2. Band: 1893–2018.
Kamprad Verlag, Altenburg 2019. 436 Seiten, 39,80 Euro.

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