Donnerstag, 25.02.2021
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteKommentare und Themen der WocheMerkels Ruf als Krisenmanagerin steht auf dem Spiel 21.01.2021

Neue Corona-BeschlüsseMerkels Ruf als Krisenmanagerin steht auf dem Spiel

Wegen einer Mutante aus Großbritannien, über deren Verbreitung hierzulande wenig bekannt ist, sollen wir uns noch länger zusammenreißen. Diese Wissenslücke sei ein Problem, meint Theo Geers. Je öfter so etwas passiere, desto schwieriger werde es für Angela Merkel, die Menschen bei der Stange zu halten.

Ein Kommentar von Theo Geers

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (l, SPD) und der CSU-Vorsitzende Markus Söder kommen zur Pressekonferenz im Bundeskanzleramt, um über die Ergebnissen der Bund-Länder-Beratungen zu informieren. Der bis Ende Januar befristete Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Deutschland wird bis Mitte Februar verlängert. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Angela Merkels Ruf als Krisenmanagerin steht trotz mancher Erfolge auf dem Spiel – zu Recht und zu Unrecht, meint Theo Geers (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Mehr zum Thema

Gesundheitsexperte zu verlängertem Lockdown "Es ist fast unmöglich, Pflegeheime komplett zu schützen"

Lockdown-Maßnahmen BDI-Chef: "Wir müssen das Leben in einem Industriestaat aufrechterhalten"

Gezielte Lockerungen oder No-Covid Wissenschaftler streiten über die Wege aus der Coronakrise

Vernünftig regieren will Angela Merkel in dieser Jahrhundertkatastrophe – und zwar bis zu letzten Tag ihrer Amtszeit. Man nimmt es ihr ab. Angela Merkel ist eine ehrliche Haut. Ihre Sorge um die Gesundheit der Bürger, das daraus resultierende Handeln aus Vorsorge – alles daran ist ehrlich und echt. Und zaghafte Erfolge wie die leicht sinkenden Infektionszahlen bestätigen ihren Kurs: Der Kollaps in den Kliniken ist ausgeblieben, das war im November keineswegs ausgemacht; die Lockerungen über Weihnachten haben keinen großen Schub bei den Infektionen gebracht. Merkels Botschaft "es ist ernst" ist den Köpfen, in den meisten zumindest, angekommen. Keine schlechte Bilanz, wie ein Vergleich, ganz aktuell etwa mit Portugal, zeigt.

Für potemkinsche Dörfer bei Impfzentren kann Merkel nichts

Andererseits: Vieles müsste besser laufen. An erster Stelle der Schutz älterer Menschen in den Pflegeheimen, aber auch mehr Hilfen für Eltern, die sich durch geschlossene Schulen und Kitas und von einer kafkaesken Bildungsbürokratie im Stich gelassen fühlen. So steht Angela Merkels Ruf als Krisenmanagerin trotz mancher Erfolge auf dem Spiel – zu Recht und zu Unrecht. Zu Unrecht wegen des Impfens. Wer schon vor Weihnachten genau hinhörte wusste, dass zu wenig Impfdosen da sein würden - übrigens überall, nicht nur hierzulande.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Dass Deutschland theoretisch mehr Dosen hätte bestellen können, weil es notfalls jeden Preis hätte zahlen und damit andere Länder im Wettlauf hätte ausstechen können – auch das wäre womöglich gegangen. "Germany first" mitten in Europa. Wollte man das im Ernst, wo man ansonsten den Tag herbeisehnte, an dem "America first" im Hubschrauber endlich davonfliegen würde? Und was heißt überhaupt: Zu wenig Impfstoff? In einer Zeit, in der dieser nach knapp einem Jahr zur Verfügung steht? Gemessen an dieser wissenschaftlichen Jahrhundertleistung wirken Klage über verspätete Lieferungen kleinkrämerisch. Es wäre besser gewesen, hätten die, die jetzt jammern, die von ihnen geschürten Erwartungen besser gezügelt, etwa als sie Impfzentren aufbauen ließen, die jetzt wie potemkinsche Dörfer herumstehen.  Für so was kann Merkel nichts.

Mit Proben zur Mutante zu spät begonnen

Aber ihr Krisenmanagement und auch ihre Kommunikation könnte um Längen besser sein. Und jetzt sollen wir uns noch länger am Riemen reißen, aus Vorsorge wegen der Virus-Mutante aus Großbritannien. Doch wer wie Merkel aus Vorsorge handeln will, braucht festen Grund unter den Füßen, muss wissen und auch sagen, wie weit sich die Virus-Mutante hierzulande schon ausgebreitet hat. Das aber weiß Merkel nicht – und andere wissen es auch nicht, weil die nötigen Proben viel zu spät anliefen. Wieder ist etwas schiefgelaufen. Je öfter so was passiert, desto größer ist aber auch Merkels Problem, die Bürger bei den Zumutungen bei der Stange zu halten. Wer nicht weiß, wieso und warum worauf hinarbeitet wird, macht auch nicht mit – irgendwann zumindest nicht mehr.

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk