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StartseiteKommentare und Themen der WocheChristine Lagarde - Kommunikatorin zur rechten Zeit01.11.2019

Neue EZB-PräsidentinChristine Lagarde - Kommunikatorin zur rechten Zeit

Mit ihrem politischen Geschick ist die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, die richtige Nachfolgerin für Mario Draghi, kommentiert Brigitte Scholtes. Ihre Fähigkeiten sind gefragt, um die Akzeptanz der Notenbank zurückzugewinnen und die Wogen innerhalb der EZB zu glätten.

Von Brigitte Scholtes

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Christine Lagarde, die erste Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) (dpa/ picture alliance / Jean Nicholas Guillo)
Seit dem 1. November Präsidentin der Europäischen Notenbank: Christine Lagarde (dpa/ picture alliance / Jean Nicholas Guillo)

An der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wird sich mit dem Amtsantritt von Christine Lagarde so schnell nichts ändern. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat mit dem neuen Anleihekaufprogramm dafür gesorgt, dass in dieser Hinsicht zunächst alles beim Alten bleibt. Die Französin hat aber auch schon deutlich gemacht, dass sie eine solche Geldpolitik vorerst für geboten hält, zumal die Wirtschaft im Euroraum sich abschwächt.

Lagarde muss sich um einige Probleme kümmern

Es ist vielleicht auch gut so, dass die aktuelle Geldpolitik nicht vordringlich ist. Denn die neue EZB-Chefin wird sich um einige Probleme kümmern müssen, die Draghi ihr hinterlassen hat. Da ist zum einen die Frage, ob die Strategie, die Fixierung auf eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent, noch angemessen ist in einer Zeit, in der die Preise langanhaltend niedrig bleiben. Der Versuch, die Inflationsrate hochzutreiben, ist also misslungen. Und darf deshalb nicht mehr als Grund dafür herhalten, warum so viel Geld über Anleihekäufe in die Märkte geflossen ist, und warum die Zinsen bis in den negativen Bereich gesenkt wurden.

Ein weiteres großes Thema für Lagarde ist der EZB-Rat, der in sich tief gespalten ist. Die Falken, also die Vertreter einer strafferen Geldpolitik, fühlten sich in dem Gremium unter Draghi auf verlorenem Posten. Nun gilt es, sie wieder in die Diskussion einzubinden und sich mit ihren Argumenten ernsthaft auseinanderzusetzen. Das bedeutet mehr und wahrscheinlich längere Diskussionen, dafür aber gewännen die Entscheidungen der EZB an Tiefe und Glaubwürdigkeit.

Bürgern im Euroraum die Zusammenhänge erklären

Denn die Akzeptanz der Notenbank hat gelitten - vor allem unter den Bürgern in Deutschland. Die haben nämlich kein Verständnis dafür, dass sie in Folge der Niedrigzinspolitik kaum noch Zinsen auf ihr Erspartes bekommen oder dafür, dass sie in Folge der stark gestiegenen Immobilienpreise die Mietpreise in den Städten kaum noch zahlen können. Diese Folgen will die neue EZB-Chefin im Blick behalten.

Da ist es also dringend geboten, den Bürgern im Euroraum die komplexen Zusammenhänge zu erklären. Denn Staaten und Unternehmen nehmen derzeit kaum Geld auf, und die Haushalte sparen, auch weil sie stärker fürs Alter vorsorgen wollen. Und wenn Geld für Kredite im Überfluss vorhanden ist, dann sinkt der Preis dafür – also der Zins. Und das ist nicht nur im Euroraum so, sondern in vielen anderen Ländern.

Gratwanderung für Lagarde

Christine Lagarde kommt mit ihren kommunikativen Fähigkeiten also zur rechten Zeit, nicht nur um all das zu erklären. Sie kann mit ihrer verbindlichen Art und ihrem politischen Geschick innerhalb und außerhalb der EZB die Wogen glätten. Sie kann darauf hinwirken, dass der Diskurs wieder in sachlichen Bahnen verläuft, dass die Regierungen sich ihrer Verantwortung stärker bewusst werden. Der EZB da mehr Gehör zu verschaffen, wäre eine vordringliche Aufgabe der Französin; aber auch eine Gratwanderung. Denn eines darf sie nicht tun: Die Unabhängigkeit der Notenbank gefährden.

Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat. 

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