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StartseiteCorsoBrauchbare Menschen02.10.2019

Neue FilmeBrauchbare Menschen

Gut 50 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist der Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz fürs Kino verfilmt worden. Im Science-Fiction-Thriller „Gemini Man“ trifft ein Agent seinen Klon. Vier Gedächtnissportler stellt der Dokumentarfilm „Memory Games“ vor.

Von Jörg Albrecht

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Zwei Männer im Profil, die sich gegenüberstehen (www.imago-images.de)
"Gemini Man" von Regisseur Ang Lee mit Schauspieler Will Smith (r.) (www.imago-images.de)
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Wie an einer Perlenkette aufgereiht, stehen im Wattenmeer zwei Dutzend Staffeleien und brennen lichterloh. Früh im Film "Deutschstunde" versucht Regisseur Christian Schwochow die Worte von Siegfried Lenz in eine filmische Sprache zu übertragen. Das ist gut. Selbst wenn das Symbolhafte dieser Bilder immer auch Gefahr läuft, zu ausgestellt und banal zu sein. Schließlich übernimmt der Filmemacher schon unverändert das dramaturgische Gerüst der literarischen Vorlage, in der Lenz die Geschichte des Heranwachsenden Siggi Jepsen erzählt.

"Siggi, sag den Herren, wie das Thema des Aufsatzes ist!"
"Die Freuden der Pflicht."
"Die Freuden der Pflicht."

Die Szenen in der Erziehungsanstalt für Jugendliche, in der Siggi Anfang der 1950er-Jahre einsitzt, bilden den Rahmen der in Rückblenden aufgefächerten Handlung. Schauplatz ist ein Dorf an der Nordseeküste im Zweiten Weltkrieg. Dort leben Siggis Vater, der Polizist Jens Jepsen, und sein Patenonkel, der Maler Max Nansen. Die Freundschaft der beiden Männer steht vor einer Zerreißprobe, als Jepsen aus Berlin den Befehl erhält, Nansen ein Malverbot auszusprechen.

"Ich habe das alles verstanden: Malverbot, Berufsverbot, Essverbot, Trinkverbot?"
"Ich habe mir das nicht ausgedacht. Das Verbot ist beschlossen und ausgesprochen. Mich haben sie beauftragt, das neue Verbot zu überwachen."

Konventionelle Adaption

Dazu spannt Jepsen auch Siggi ein, der daraufhin in einen Gewissenskonflikt gerät. Denn bei dem einfühlsamen Maler fühlt sich der Junge mehr zu Hause als bei seinem autoritären Vater, der von Pflichterfüllung angetrieben wird.

"Brauchbare Menschen müssen sich fügen, mein Junge. Aus dir machen wir was Brauchbares."

Christian Schwochow und seiner Darstellerriege, der Ulrich Noethen und Tobias Moretti angehören, ist eine sorgfältige und konventionelle filmische Adaption eines der wichtigsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur gelungen. Mitunter schafft sie es sogar, den leicht penetranten didaktischen Ansatz des Romans vergessen zu machen.

"Deutschstunde": empfehlenswert

"Dein Vater hat mir vor 25 Jahren Blut abgenommen und mich geklont. Er hat dich aus mir geschaffen. Er hat mich ausgewählt, weil es einen wie mich noch nie gegeben hat, und damit du mich ersetzen kannst, wenn ich eines Tages alt werde."

Zur Überraschung des von Will Smith gespielten Agenten Henry Brogan bedeutet "ersetzen" allerdings töten. Es ist sein gerade einmal halb so alter Klon, der ihn – den weltbesten Scharfschützen – aus dem Weg räumen soll. Als Auftraggeber entpuppt sich Brogans ehemaliger Chef.

Schwachbrüstige Handlung

Das ist sie dann auch schon: die überschaubare, wenig aufregende Geschichte des Science-Fiction-Thrillers "Gemini Man" von Ang Lee.

"Es gibt so viele, die mich hätten jagen können. Warum schickt er ausgerechnet dich?"
"Ich bin eben der Beste."

Die schwachbrüstige Handlung, der es oft an Logik und durchweg an Tiefgang mangelt, ist es also schon einmal nicht, die an "Gemini Man" interessiert. Bleibt noch die bereits im Vorfeld der Filmveröffentlichung angepriesene technische Innovation. Da ist zum einen die im Computer entstandene junge Version von Will Smith. Der digitale Klon kann durchaus mit dem echten Schauspieler mithalten. Problematischer ist da schon die extrem hohe Bildrate von 120 Aufnahmen pro Sekunde, mit der "Gemini Man" gedreht worden ist. Das Ergebnis sind gestochen scharfe Aufnahmen. Die aber irritieren unsere Sehgewohnheiten mehr, als dass sie faszinieren.

"Gemini Man": enttäuschend

"One, zero, seven, eight, six, zero, nine, eight …"

Sechs, sieben Ziffern mögen sich die meisten ja noch merken können, aber wie sieht es bei einer Reihe von dutzenden, ja hunderten Zahlen aus, die nur ein einziges Mal vorgelesen werden? Hier trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

"Also ich bin persönlich kein Fan davon, dass ich jetzt vollkommen ausgefallene Bilder nehme. Eigentlich eher Dinge, die sich schön harmonisch einfügen und mir selber auch gefallen."

Die Tricks der Erinnerungsakrobaten

Der Gedächtnissportler Simon Reinhard, mehrfacher Weltmeister aus München, erklärt seine Merktechniken. Den Zahlen ordnet er Bilder zu, die er später wieder abrufen wird.

Simon Reinhard ist einer von vier Protagonisten, die die Filmemacher Janet Tobias und Claus Wehlisch in "Memory Games" vorstellen und denen sie in ihren Gedächtnispalast folgen. Mit Hilfe von Tricksequenzen werden die Techniken sichtbar gemacht. Dabei unterstreichen die Erinnerungsakrobaten nicht nur, zu welchen Leistungen das menschliche Gehirn fähig ist. Sie betonen auch den Wert ihres Könnens in der heutigen Zeit.

"Ich denke mir, dass es eine sehr enge Verbindung gibt zwischen Erinnern, Gedächtnis und Identität auf der anderen Seite."

Eine spannende These im digitalen Zeitalter, in dem sich Menschen nichts mehr merken müssen. Die hätte diese recht unterhaltsame, auf Dauer aber etwas redundante Doku gern noch ausführlicher ausbreiten dürfen.

"Memory Games": akzeptabel

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