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StartseiteEuropa heute"Wenn Du zu machst, wird es schwierig"31.07.2018

Neue Heimat Triest (2/5)"Wenn Du zu machst, wird es schwierig"

Ob Griechen, Armenier, Ungar oder Deutsche – alle haben sie Triest etwas gegeben. Wirtschaftsimperien wie illycaffè oder die Versicherung Generali wurden von Immigranten gegründet. Das prägt den Umgang miteinander bis heute.

Von Kirstin Hausen

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Zwei Frauen sitzen im Kaffeehaus Caffe San Marco in Triest (Archivbild 2009) (imago / IPON Trieste )
Das Kaffeehaus von 1914 ist seit jeher ein Treffpunkt für die Menschen in Triest (imago / IPON Trieste )
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Ockerfarbene Wände, gedämpftes Licht, dunkler Holzboden, Sitznischen. Das Antico Caffè San Marco strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Gelassenheit ist wichtig in aufreibenden Zeiten.

Das Kaffeehaus von 1914 liegt an einer viel befahrenen Straße, die das Zentrum von Triest mit den nördlichen Außenbezirken verbindet. Zwei Frauen um die 50 trinken Kaffee mit einer Haube aufgeschäumter Milch, sie sind ganz in ihr Gespräch vertieft.

"Als ich auf die Universität ging, kam ich mit meinen Kommilitonen hierher, um zu lernen. Wir haben nur Kaffee und Wasser bestellt, trotzdem durften wir uns hier stundenlang aufhalten und uns gegenseitig abfragen vor den Prüfungen."

"Was ich schon damals gemocht habe an diesem Ort ist die entspannte und ruhige Atmosphäre.

So tickt der Osten

Das hält der Besitzer Alexandros Delithanassis auch heute noch so. Im Sommer sitzt er an immer einem der Tische draußen, vor sich einen Kaffee, später ein Glas Wasser mit Pfefferminzsirup oder ein Bier.

"Ich arbeite, indem ich hier sitze und mit allen rede, die vorbei kommen."

Er lächelt ironisch – und doch ist es wahr.

"Diese Begegnungen öffnen deine Sicht auf die Welt. Du begreifst, wie der Osten tickt und wie der Norden, einfach dadurch, dass du in Kontakt kommst mit Menschen von dort. Ich lerne ständig neue Leute kennen und ich finde das fantastisch. Wenn du dagegen zu machst, kann Triest eine sehr schwierige Stadt werden."

Alexandros Delithanassis hat das historische Kaffeehaus vor fünf Jahren übernommen, um es nach einer Zeit des Niedergangs wieder zu seiner alten Berufung zurückzuführen.

"Das hier war immer schon ein wunderbarer Ort der Begegnungen und wir haben es geschafft, dieses offene Ambiente wieder zum Leben zu erwecken. Hier trifft sich der kosmopolitische Teil der Stadt und viele Vereine machen ihre Veranstaltungen bei uns. Gegenüber auf der anderen Straßenseite hat der slowenische Kulturverein seine Büros, nebenan die jüdische Gemeinde ihren Sitz."

Der Café-Besitzer Alexandros Delithanassis sitzt an einem Tisch auf dem ein fast leeres Weinglas und eine Platte mit Häppchen stehen (Deutschlandradio / Kirstin Hausen)Café-Besitzer Alexandros Delithanassis mag die entspannte Atmosphäre (Deutschlandradio / Kirstin Hausen)

Alexandros rückt seine schwarze Brille zurecht. Er ist Anfang 40. Griechisch-italienischer Staatsbürger. Sein Vater flüchtete vor den Obristen aus Thessaloniki nach Triest. Auf seine griechischen Wurzeln ist der Kaffeehausbesitzer stolz.

"Mein Vater ist hierher geflüchtet, weil es hier bereits eine bedeutende griechische Gemeinde gab. Die ist sogar noch älter als der moderne griechische Staat, weil sie 1780 gegründet wurde. Es heißt, die griechische Verfassung sei teilweise hier geschrieben worden. Triest war auch Zufluchtsort für griechische Rebellen gegen die Ottomanen im 17. Und 18. Jahrhundert. Heute leben in Triest ungefähr 200 griechischstämmige Familien, und es kommen immer wieder Studierende nach, so dass die Gemeinde wächst. Es ist keine sehr große Gemeinde, aber sie hat am Aufbau dieser Stadt mitgewirkt."

Alexandros Tochter Sofia ist vier und auch sie hat einen italienischen und einen griechischen Pass. Das ist für Alexandros kein Widerspruch. Wenn ihn jemand fragt, ob er sich als Grieche oder als Italiener fühlt, antwortet er: sowohl als auch.

In Triest der Grieche, in Griechenland der Italiener

"Die Probleme entstehen dann, wenn diese verschiedenen Facetten nicht als Reichtum verstanden werden, wenn sie nicht integriert werden können. Dann entsteht leicht das Gefühl, der Andere, der anders aussieht, anders spricht, anders denkt, sei eine Bedrohung für die eigene Identität. Ich habe zum Beispiel kein Problem damit, dass ich hier in Triest "der Grieche" genannt werde und in Griechenland "der Italiener". Wenn jemand gar nicht mehr weiss, wie er mich einordnen soll, sagt er, ich sei ein Kommunist. Das ist aber auch ziemlich daneben, weil ich Unternehmer bin, Gewinn erwirtschafte und 20 Angestellte habe, aber weil ich eine offene Mentalität habe, bin ich dann Kommunist."

Alexandros begrüßt einen Geschäftsfreund. Fabrizio Polojaz. Grau melierte Schläfen, Brille, Polohemd und Jeans. Geboren wurde er in Rijeka, im heutigen Kroatien, aufgewachsen ist er in Triest als Sohn slowenischer Eltern. Heute gehört ihm eine der wenigen noch verbliebenen Kaffeeröstereien von Triest. Fabrizio Polojaz röstet auch die spezielle Kaffeemischung des Antico Caffè San Marco – und erinnert sich daran, dass die Slowenen in seiner Kindheit gar nicht gut angesehen waren in Triest.

Integration braucht Zeit und Respekt

"Das hatte historische Gründe. In früheren Jahrhunderten war die Bourgeoisie in Triest deutsch- oder italienischsprachig. Die Slowenen wurden als sozial niederer angesehen, weil sie aus den umliegenden Dörfern stammten und nur sehr wenig Schulbildung besassen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam dann noch die politische Ideologie hinzu: Die Italiener wurden zu Faschisten, die Slawen zu Kommunisten abgestempelt.

Daraus entstand Misstrauen, sogar Hass. Als ich vor 40, 45 Jahren hier in Triest eine slowenische Grundschule besuchte, die gemeinsam mit der italienischen in einem Gebäude untergebracht war, habe ich in den fünf Jahren meiner Schulzeit kein einziges Mal ein Kind der italienischen Schule zu Gesicht bekommen. Wir fingen zu unterschiedlichen Zeiten an, hatten verschiedene Pausenzeiten und getrennt Schulschluss."

Inzwischen ist das anders. Und auf den Straßen von Triest ist viel slowenisch zu hören, niemand schämt sich mehr dafür. Integration braucht Zeit und Respekt, davon ist Fabrizio Polojaz überzeugt. Und vielleicht auch Orte der Begegnung wie das Antico Caffè San Marco.

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