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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNeue Mütter, neue Väter?11.10.2007

Neue Mütter, neue Väter?

Was es heute heißt, Eltern zu sein

Über neue Väter und neue Mütter, über verändertes Familienleben, über zuwenig Kinder, über alte und neue Rollen wird gegenwärtig heftig diskutiert. Provozierende Äußerungen wie die der Fernsehmoderatorin Eva Hermann sind weniger Teil dieser Diskussion, als vielmehr ein Gradmesser, wie heftig das Thema die Gemüter bewegt. Zur Frage, was es heute heißt, Eltern zu sein, fand Ende vergangener Woche an der Universität Hannover eine Tagung des Instituts für Soziologie und Sozialpsychologie sowie dem Deutschen Jugendinstitut statt.

Von Inge Breuer

Vor allem die "medialen Inszenierungen" von Elternschaft waren Thema in Hannover.  (AP)
Vor allem die "medialen Inszenierungen" von Elternschaft waren Thema in Hannover. (AP)
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" Also, es gibt 6 Kinder, die bürgerliche Mutter sitzt und handarbeitet und der Junge liest und denkt. Und die jungen Damen, die handarbeiten und sind nach innen der Familie zugewandt. Und diese ganz klassische Form der Biedermeierfamilie steht in einem Wohnzimmer, sehr kühl, gekachelt, mit einem riesigen Flachbildschirm, ganz große Fensterfronten, und das sieht man erst auf den zweiten oder dritten Blick. "

Dr. Paula Irene Villa, Privatdozentin an der Universität Hannover und Mitveranstalterin der Konferenz in Hannover, beschreibt das Titelbild zu dem aktuellen "Spiegel"-Spezial "Sehnsucht nach Familie": ein traditionelles Familienidyll in modernem Schöner-Wohnen-Ambiente! - Immer war die glückliche bürgerliche Familie allerdings mehr Wunsch als Wirklichkeit. Doch bis heute bleibt sie das Ideal, an dem sich alle anderen Lebensformen zu messen haben. Intakte Ehe, genug Geld, 2 Kinder, Haus - vielleicht auch noch ein Hund, das wünscht sich auch heute die Mehrzahl aller Deutschen. Dr. Barbara Thiessen vom deutschen Jugendinstitut München und ebenfalls Konferenzorganisatorin:

" Das ist die Erfolgsgeschichte der Moderne, dass eine bestimmte Vorstellung von Normalfamilie sich tief eingegraben hat, die sich trotz aller Prozesse und Brüche überhaupt nicht aus den Köpfen herausarbeiten konnte. Selbst die gegenteiligsten Erfahrungen scheinen immer nur die Sehnsucht nach diesem heilen Familiemodell zu nähren. "

Altbundeskanzler Gerhard Schröder fand Familienpolitik noch "Gedöns". Doch kinderlose Akademikerinnen, eine schrumpfende Bevölkerung - und nicht zuletzt Familienministerin Ursula von der Leyen haben das Familienleben aus der "Mutti-Ecke" herausgeholt. "Mütter-Väter" war denn auch der Titel der dreitägigen internationalen Konferenz, die vergangene Woche an der Universität Hannover stattfand. Die Rollen sind nämlich in Bewegung geraten allen traditionellen Familienidealen zum Trotz. Die Machtverhältnisse übrigens auch - und das ist ja durchaus die Grundlage für viele aktuelle Diskussionen:

" "Wenn man sich klar macht, dass noch bis vor 25 Jahren in Deutschland Ehefrauen nicht arbeiten durften ohne das schriftliche Einverständnis ihres Ehemanns. Das hat sich natürlich geändert, also wer das Geld verdient, hat auch ne gewisse Position innerhalb einer Familie. Nun haben wir sozialpolitische Instrumente, die darauf anzielen, die Ehefrauen für den Arbeitsmarkt zu aktivieren wie die Männer. Also da geht der Staat in einer geschlechterdemokratischen Art an Ehepaare und sagt, die Frau muss auch arbeiten, die wird nicht verschont von Erwerbstätigkeit. Also das sortiert Machtpositionen neu. "

"Doing family", heißt es heute: Familie muss ständig neu erfunden werden. Leidenschaftlich wird darum gerungen, wie und was "Familie" sein soll. Das Thema "Mütter - Väter" steht im Blickfeld des öffentlichen Interesses: Da geistert die kinderlose Karrierefrau als Totengräberin Deutschlands durch die Prognosen der Demografie. Beim Prekariat wird der Erziehungsnotstand ausgerufen. Und dann gibt es noch neue Väter, Supernannies, Patchworkfamilien, Rabenmütter - und so weiter, und so weiter.

" Also Repräsentationen gibt es ganz stark in den Nachmittagstalkshows im sogenannte Unterschichtenfernsehen, zwischen 12 - 15 Uhr. Und wenn man die sich über einen längeren Zeitraum anschaut, stellt man fest, dass in über 80 % der Sendungen dieser Art Mutterschaft und Elternschaft verhandelt wird. Teeniemütter, zu jung um Kinder zu haben, was mach ich mit meinem Kind? Also klassisch würde man dort eine 18, 19jährige finden, die das dritte oder zweite Kind bekommt. Und es wird da immer wieder verhandelt, darf die eigentlich, soll die ein Kind haben, ist es falsch, ist es richtig? Das Publikum beschimpft, das ist inszeniert und sehr beliebt in solchen Sendungen! "

Vor allem die "medialen Inszenierungen" von Elternschaft waren Thema in Hannover. Wie werden Familienrealitäten in Bilder gefasst, welche "Diskurse" werden zum Thema Mütter und Väter geführt, welche Leitbilder ergeben sich daraus? Und so gab es viele Vorträge und Workshops, in denen vor allem klar wurde, dass keine Rollengewissheit mehr existiert, dass Tradition und Neuerung nebeneinander stehen. Der glanzlose Alltag von Windelwechseln, durchwachten Nächten und Zeitmanagement, der freilich bleibt in den Medien oftmals unsichtbar.

" Was ich sehr spannend finde, wie die neue Vaterrolle verhandelt wird, in Werbespots, wo der Vater mit den Kindern auf dem Fußboden spielt, es ist aber auch das aufregende Spiel, er ist sozusagen der Held mit den Kindern und die Mutter bringt dann noch die Schokolade dazu. Es gibt aber auch viele Talkrunden, da werden erfolgreiche Frauen mit Kindern sehr heldenhaft inszeniert - also die Superfrauen! "

Villa: " Es gibt ja sehr viele Spielfilme, so Abendfilme, da ist das immer wiederkehrender Topos, die Frau die ungewollt oder unglücklich ist, aber es vielleicht noch nicht gemerkt hat, weil sie kein Kind hat. Die erfolgreiche Anwältin, die bis der richtige Mann ihr über den Weg läuft, gar nicht wusste, wie unglücklich sie ist, aber dann auch Mutter wird. "

Thiessen: " Selbst in einer konservativen Försterserie gibt es mehrfache Patchworksituationen in der Familie, weil das einfach spannender ist. "

Die Medien inszenieren, ja dramatisieren den Ausbruch der Mütter aus Küche und Kinderzimmer in die Chefsessel von Institutionen und Konzernen. Dies forciert natürlich Widerspruch. Kein Wunder also, dass mit ebenso großem Medienrummel auch "alte Zöpfe neu geflochten" werden: die Beschäftigung mit dem "Mythos Mutterschaft", der Rückkehr zur alten Mutterrolle, wie Professor Elisabeth Klaus von der Universität Salzburg ausführte:

" Die Diskussionen rund um Eva Hermann zeigen, dass sich das Spektrum des Sagbaren hin zu fundamentalistischen Positionen verschoben hat, wir können diesbezüglich von einer Repolarisierung des Geschlechterdualismus sprechen. "

So sehr die Konferenz ja eigentlich von Müttern und Vätern handeln wollte, so sehr dominierten dennoch - Frauen die Tagung wie die Tagungsthemen. Zwar beanstandete man, dass stets nur von kinderlosen Frauen, nie jedoch von kinderlosen Männern gesprochen werde. Doch Männer, so offenbarte sich auch hier, sind mehr oder weniger "diskursresistent". D.h.: Sie zeigen wenig Interesse fürs Thema. Ein Indiz sicherlich dafür, dass ihr Leidensdruck, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen, nicht sonderlich hoch ist. Frauenlastigkeit bescheinigte Elisabeth Klaus auch den in den letzten Jahren erschienenen Sachbüchern zum Thema "Elternschaft":

" Die Leerstelle Männer - alle diese Bücher richten sich an Frauen an ihre Hauptzielgruppe. Sie werden damit zu den Adressantinnen für den Umgang mit demografischem Wandel und die Gestaltung sozialer Beziehungen. Väter kommen fast nicht vor, nicht wenige Autorinnen beklagen das Schweigen der Männer, das die Emanzipation der Frauen angeblich verursacht hat. In der Tat schweigen die Männer weitgehend und überlassen es wieder einmal den Frauen, die vermeintlichen Frauenthemen Familie und Mutterschaft zu diskutieren. "

Frau gab sich in Hannover feministisch. Frau gab sich selbstbewusst. Frau gab sich emanzipiert. Mit Recht natürlich, sind doch die Teilnehmerinnen an einer akademischen Konferenz meist promoviert, ja habilitiert - Karrierefrauen also. Und Karrierefrauen zeichnen das Bild der aufstrebenden Mittelschichtfrau mit Kinderwunsch, die durch fehlende Vereinbarkeit von Kind und Beruf oft an ihrer Karriere - oder am Kind - gehindert wird. Zweifellos richtig!

Doch - trügt der Eindruck, dass Frau sich manchmal emanzipierter gibt, als sie wirklich ist? Wenn auf der Podiumsdiskussion am Donnerstag Abend erwähnt wurde, dass auch kinderlose Frauen nicht unbedingt Superkarrieren vorzuweisen hätten, wenn in einem Workshop ausgeführt wurde, dass westdeutsche Frauen sich nach wie vor einen starken Ernährer als Ehepartner und Familienvater wünschen, dann drängt sich die - politisch unkorrekte? - Vermutung auf, viele Frauen seien dem in Hannover bekämpften Rollenbild doch mehr verhaftet, als sie selber zugeben.

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