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StartseiteMusikjournalKein Männlein steht im Walde20.08.2018

Neue Musik-Festival RümlingenKein Männlein steht im Walde

Beim Schweizer Neue Musik-Festival Rümlingen werden die Opern nicht im Konzertsaal aufgeführt, sondern in der freien Natur. Die Besucher wandern von einer Station zur nächsten, hören Musikern zu, die durch die Wälder streifen. Hauptfigur ist die Landschaft selbst.

Von Torsten Möller

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Herbstwald im Morgenlicht (picture-allaince / dpa / Helmut Meyer zur Capellen)
Das Neue Musik-Festival Rümlingen findet in der Natur statt (picture-allaince / dpa / Helmut Meyer zur Capellen)

Kein Männlein steht da im Walde. Eher riesenhaft scheint diese rot gekleidete Sängerin auf ihrem versteckten Podest inmitten einer Waldlichtung. In etwa vier Metern Höhe singt die Sopranistin Eva Nievergelt Fragmente aus Opernarien, kurze Episoden aus Arnold Schönbergs Erwartung, aus George Bizets bekannter Oper Carmen oder aus Benjamin Brittens Peter Grimes. Nicht länger als 1 Minute dauern die Fragmente. Begleitet sind sie von einer Akkordeonistin, die, versteckt vom roten Gewand der Sängerin, Klänge des Schweizer Komponisten Mischa Käser spielt.

Spärlich, reduziert, nicht gerade fröhlich klingt das alles. Zum opernhaften Abgesangs-Charakter passen die im Wald verteilten Kostüme, abgenutzte Kleider aus offenbar vergangenen Zeiten, in denen Kassetten-Rekorder stecken. Lo-Fi müssten sie klingen, die verrauschten Aufnahmen von Opern der letzten Jahrhunderte, sagt Mischa Käser. Und er äußert sich auch zur Geburt seiner Tragödie in freier Natur:

"Zuerst war die Idee der Kostüme. Es hat auch viele andere Ideen gegeben, aber die hat sich halt durchgesetzt: Freier Wettbewerb im Hirn. Es war mir ziemlich schnell klar, dass die Kostüme für irgendetwas stehen. Nicht einfach für Stoff, für einen schönen Stoff, sondern für eine Geschichte, die darin mal erzählt oder gesungen wurde. Also für mich sind das wie ausgesteuerte Sängerinnen. Und die singende Live-Sängerin ist quasi die letzte, die noch übrig geblieben ist, bevor sie dann dazugehört. Das hat dann auch damit zu tun, wie ich die einzelnen Fragmente bearbeitet habe. Die sind ja zum Teil ziemlich ausgedünnt und nur noch Skelette."

Inszenierung schöner Schweizer Hügellandschaften

Mischa Käsers überzeugenden, seltsam-morbiden Opernszenen spielen auf etwa 750 Meter Höhe. Sie sind der Abschluss einer etwa dreieinhalb stündigen Wanderung, in deren Verlauf sechs Musikstationen auftauchen. Mitunter steil ist der Aufstieg. Manch einer gerät ins Schwitzen.

Naturnähe, die Inszenierung schöner Schweizer Hügellandschaften, hat beim Festival Rümlingen Tradition. Schon in den letzten Jahren gab es Nachtwanderungen, viele Installationen und Aufführungen, die man verorten würde zwischen Happening, Environment oder Performance. In diesem Jahr heißt das Motto "Landschaftsoper". Zum Hintergrund Daniel Ott, der das Festival mit Sylwia Zytynska gemeinsam leitet:

"Streng genommen: Den Begriff Landschaftsoper kenne ich vor allem von Peter Ablinger, der seine fast selbst erklärenden Stücke, wo Stühle, Sitzgelegenheiten in der Landschaft stehen, die nennt er schon lange Landschaftsoper. Und auf der einen Seite hatten wir das Gefühl, wir machen schon lange Landschaftsoper, also tatsächlich irgendeine Erzählung in der Landschaft, also wo die Landschaft selber zur Hauptfigur wird, wo die Landschaft was erzählt.

Wir hatten einerseits den Eindruck, lass uns an dieser Tradition in Rümlingen anknüpfen, dass wir schon lange versucht haben, Musikprojekte für die Landschaft zu konzipieren. Und jetzt mal schauen, was passiert, wenn wir diesen Begriff Landschaftsoper draufsetzen. Verändert sich dann was? Machen wir dann immer dasselbe?"

Etwa 50 Höhenmeter unter Mischa Käsers Opernfragmenten spielt das Stück "Im Wald" von Manos Tsangaris. Hauptfiguren sind ein Perkussionist und eine Sängerin. Zuerst gibt es verbale und nonverbal-musikalische Dialoge zwischen beiden in der Nähe des Publikums. Dann kommt der große Waldraum ins Spiel: es entfernt sich die Sängerin und singt – im Wald flanierend – weiter. Hinter Bäumen huschen Figuren hin und her, so zehn bis 20 Meter weg stehen Pauker.

Tsangaris ist ein Multitalent. Lichteffekte bezieht er mit ein, die im Hellen leider nicht so zur Geltung kommen. Nichtsdestotrotz macht die Wald-Szenerie Eindruck:

"Ich finde, es hat etwas opernhaftes im guten Sinne, weil es wird ja gesungen. Und mit der Narration: Für mich ist es in gewissem Sinne narrativ. Es ist ja ein Burroughs-Text eingefügt. "What does the money machine eat?" Das ist bewusst wieder ein sehr urbanes, gesellschaftliches Thema. Das mache ich oft. Wenn etwas in der idyllischen Landschaft stattfindet, dann bewusst konterkarieren. Man könnte natürlich hier auch die Shakespeare´schen Elementargeister auftreten lassen – aber das fände ich dann ein bisschen langweilig."

Festival bietet Freiräume

Nein, langweilig ist es nicht in Rümlingen. Das Festival bietet Freiräume - für Künstler wie für Hörer. Kontraproduktiv, unnötig diskurshemmend ist der einleitende Hinweis, nicht zu reden während der Wanderung. Nun, man musste sich ja nicht dran halten. Ebenso wenig Pflicht ist die Teilnahme an jeder Landschaftsoper-Station. Wem etwas nicht gefällt, wer gerade mehr Lust hat auf schöne Schweizer Hügellandschaften, der kann sich ja – anders als im Konzert- oder Opernsaal – einfach entfernen.

Der österreichische Komponist Peter Ablinger gestaltet seine "Mit Weitblick" genannte Szene ganz unprätentiös, ganz ohne eigene Klangbeigaben. Nur sieben sogenannte "Beduinenzelt-Kuben" stehen am Rand eines Waldes. An den Seiten quadratischer Holzgestelle flattern weiße Stofflaken im Wind. Innen liegen Teppiche, die der Imagination freien Lauf lassen. Ohne Kunst und Opernschwere kann man so einfach die Wolken betrachten, an Gustav Mahler denken, an Beethovens Pastorale oder – auch wenn es der Schweizer Wald ist – an Richard Wagners Siegfried im Waldweben.

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