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StartseiteDie neue PlatteDonner und Sehnsucht30.12.2018

Neue Musik für SchlagwerkDonner und Sehnsucht

Die junge Perkussionistin Leonie Klein wagt sich auf ihrer Debüt-CD an Klassiker für Schlagwerk solo. Das heißt: Sie spielt experimentelle Musik. Gelernt hat sie bei Schlagzeuger-Legende Isao Nakamura. Auch von ihm ist vor kurzem eine Solo-CD erschienen. Die ehemalige Schülerin muss den Vergleich mit dem Lehrer aber nicht scheuen.

Am Mikrofon: Egbert Hiller

Eine junge Frau mit vier Trommel-Klöppel in der Hand (Andreas Orban)
Die Schlagzeugerin Leonie Klein in Aktion (Andreas Orban) (Andreas Orban)

Musik: Karlheinz Stockhausen - "Zyklus" (Ausschnitt). Leonie Klein, Perkussion

Leonie Klein war an der Karlsruher Musikhochschule eine der begabtesten Schülerinnen von Isao Nakamura und Mitglied in dessen dort gegründeten Schlagzeug-Ensemble. Heute steht sie auf eigenen Füßen. Sie hat sich beträchtlich weiterentwickelt und wird bereits, gerade einmal 25 Jahre alt, als Shooting Star der Schlagzeuger-Szene gehandelt. Da ist es nur logisch, dass vor wenigen Wochen auch ihre erste Solo-CD erschien. "Gathering Thunders", ins Deutsche übersetzt "versammelte Donner" - so lautet der sinnfällige Titel dieser CD, um die es in der heutigen Sendung mit Neuer Musik geht. Im Vergleich dazu die bereits im Frühjahr 2018 veröffentlichten neue Solo-CD ihres Lehrers Isao Nakamura.

Musik: Iannis Xenakis - "Psappha" (Ausschnitt). Leonie Klein, Percussion

Klassiker für Schlagzeug solo

"Psappha" ist ein Klassiker des Repertoires für Schlagzeug solo, komponiert 1975 von Iannis Xenakis. Gleich mehrere Klassiker vereinte Leonie Klein auf ihrer CD – neben "Psappha" noch "Zyklus" von Karlheinz Stockhausen, entstanden 1959, und Helmut Lachenmanns "Intérieur I" von 1966. Damit setzt sie Zeichen und regt auch zu Vergleichen an, denn fast alle Schlagzeugsolisten und -solistinnen, die etwas auf sich halten, haben sich an diese Werke herangewagt. Und Leonie Klein kann sich in diesem Kreise behaupten – mit einem ebenso sicheren wie konzentrierten Zugriff, der jede Tendenz ins Spektakuläre und Manieristische vermeidet, so wie in "Thunder", einem Solo für Basspauke von Peter Eötvös.

Musik: Peter Eötvös - "Thunder" (Ausschnitt). Leonie Klein, Timpani

Ob es ein Zufall war, dass Isao Nakamura auf seiner neuen Solo-CD ebenfalls "Thunder" von Peter Eötvös aufnahm, sei dahingestellt. Nun, die Gelegenheit zu einem direkten Vergleich ist zu gut, um sie sich entgehen zu lassen. Isao Nakamura ist das 1993 komponierte Werk auch zugeeignet.

Musik: Peter Eötvös - "Thunder" (Ausschnitt). Isao Nakamura, Timpani

Von gravierenden Unterschieden, zumal Qualitätsunterschieden, in der Interpretation kann keine Rede sein. Leonie Kleins Ansatz ist insgesamt ein wenig nüchterner, während Isao Nakamura eindringlicher in die Glissandi der Pauke eintaucht, sie genüsslicher auskostet. Ansonsten widmen sich beide auf ihren CDs zum Teil zwar den gleichen Komponisten, so Nicolaus A. Huber und Iannis Xenakis, aber verschiedenen Stücken. Ein Alleinstellungsmerkmal hat Nakamura allerdings mit seiner tiefen Neigung zum Samba, die er im Solo aus "Exotica" von Mauricio Kagel mit Stimme und Tamburin exzessiv auslebt.

Musik: Mauricio Kagel - Solo aus: "Exotica"(Ausschnitt). Isao Nakamura, Stimme und Tamburin

Geräuschvoll und mechanisch

Jetzt aber zurück zu Leonie Klein, die auf ihrer CD auch eine Weltersteinspielung unterbrachte: "Gathering" von 2018 für präpariertes und erweitertes Vibraphon von Johannes Julius Fischer. Fischer ist selbst Schlagzeuger, Schlagzeugprofessor in Lübeck, und wusste genau, was er tat, als er "Gathering" konzipierte. Der zweite von drei Teilen, die sehr gegensätzliche Klangcharaktere ausloten, trägt die Satzüberschrift "noisy and mechanical" – "geräuschvoll und mechanisch".

Musik: Johannes Julius Fischer - "Gathering, II" (Ausschnitt). Leonie Klein, Vibraphon

In "Gathering" zeigt sich Leonie Klein von ihrer experimentellen und verspielten Seite. Die junge, 1993 in dem Moseleifel-Städtchen Wittlich geborene Schlagzeugerin hat viele Gesichter. Mit sechs Jahren erhielt sie ihren ersten Unterricht, und schon bald gewann sie Preise auf Landes- und Bundesebene bei "Jugend musiziert". 2011 wurde sie als Jungstudentin an der Karlsruher Musikhochschule aufgenommen, wo sie zurzeit ihren Master im Fach Schlagzeug macht.

Doch damit nicht genug. Seit April 2017 studiert sie auch Musikjournalismus für Rundfunk und Multimedia; daneben strebt sie ihre Promotion an. 2016 war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Inspiriert wurde Leonie Klein nach eigenem Bekunden von Musikerpersönlichkeiten wie Helmut Lachenmann, Vinko Globokar, Dieter Schnebel und Nicolaus A. Huber sowie von dem Musikwissenschaftler Rudolf Frisius, der auch den klugen und sehr informativen Booklettext für ihre Solo-CD verfasste. Von Nicolaus A. Huber ist "Póthos" von 2010 auf der CD vertreten:

Musik: Nicolaus A. Huber - "Póthos" (Ausschnitt). Leonie Klein, Percussion

Sehnsucht eines Klanges

"Die Sehnsucht eines Klanges zum nächsten, die auch bestimmt, wie dieser Klang zu sein hat", so beschreibt Nicolaus A. Huber ein wesentliches Element seiner Vorgehensweise, die zum Ziel hat, voneinander isolierte Klangereignisse sinnlich und sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Auch "Póthos" meistert Leonie Klein bravourös. Das Werk reiht sich ein in eine Zusammenstellung solistischer Schlagzeugaufnahmen, die sich, so Rudolf Frisius im Booklet, "als vielseitige Anregung nicht nur zum Anhören neuer Kompositionen und Interpretationen" eignet, "sondern auch einen repräsentativen Einblick in einen Zentralbereich Neuer Musik" gibt. Zu diesem Zentralbereich gehört zweifellos auch Helmut Lachenmanns "Intérieur I". Ihre starke Interpretation erarbeitete Leonie Klein mit dem Komponisten im Rahmen einer von ihrem Lehrer Isao Nakamura geleiteten Schlagzeug-Meisterklasse.

Musik: Helmut Lachenmann - "Intérieur I" (Ausschnitt). Leonie Klein, Percussion

"Intérieur I" für Schlagzeug solo von Helmut Lachenmann spielte Leonie Klein ein für ihre beim Label WERGO vor wenigen Wochen veröffentlichte Solo-CD "Gathering Thunders". Sie enthält zudem Stücke von Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Nicolaus A. Huber, Peter Eötvös und Johannes Julius Fischer. Die CD "Isao Nakamura spielt Werke für Soloschlagzeug" mit Musik von Elliott Carter, Nicolaus A. Huber, Mauricio Kagel, Younghi Pagh-Paan, Peter Eötvös, Iannis Xenakis und Toshio Hosokawa war bereits Ende März dieses Jahres beim Label NEOS erschienen.

Gathering Thunders.
Leonie Klein, Perkussion
Werke von Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis, Helmut Lachenmann, Nicolaus A. Huber, Peter Eötvös und Johannes Julius Fischer
CD WERGO 7375 2

Isao Nakamura plays Works for Solo Percussion. 
Isao Nakamura, Perkussion
WERKE VON Elliott Carter, Nicolaus A. Huber, Mauricio Kagel, Younghi Pagh-Paan, Peter Eötvös, Iannis Xenakis, Toshio Hosokawa
CD NEOS 10819

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