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StartseiteDie neue PlatteHans Werner Henzes Werke für Kontrabass01.03.2020

Neue MusikHans Werner Henzes Werke für Kontrabass

Hans Werner Henzes Konzert für Kontrabass entstand, als die Musik zu neuen Formaten und Konzeptionen aufbrach. Das Werk ist allerdings dreisätzig konzipiert und beschränkt das Orchester auf die Besetzung der Wiener Klassik. Daniele Roccatos Neueinspielung rückt es ins Zentrum einer neuen Wergo-CD.

Am Mikrofon: Ingo Dorfmüller

Ein Musiker spielt vertieft mit geschlossenen Augen auf einem Kontrabass (Ariele Monti)
Der Solist der CD: Kontrabassist Daniele Roccato (Ariele Monti)
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Musik: Hans Werner Henze - "Trauer-Ode" 

Im Barockzeitalter wurden Instrumente in Basslage noch ganz selbstverständlich für virtuose Soli eingesetzt - Bassgambe und Fagott, Posaune und Violone, die ursprüngliche Bassgeige. Doch die Orchesterbesetzungen wuchsen zusehends und dem Violone fehlte es an der notwendigen Durchschlagskraft im tiefen Register: Der Kontrabass trat an seine Stelle. Er spielte - die vielfältigen Sonderformen einmal beiseitegesetzt - im Sechzehn-Fuß-Register, also eine Oktave tiefer als der Violone. Im Orchester erfüllte das neue Instrument seinen Zweck perfekt, als Soloinstrument hingegen erwies sich der Kontrabass als heikel. Die schiere Größe des Instrumentes, das seinen Spieler bisweilen überragt, macht die Handhabung gerade bei raschen Spielfiguren schwierig. Für das solistische Spiel ist außerdem der Klang ein Problem. Er ist vergleichsweise arm an Obertönen. So sind im extrem tiefen Register die Tonhöhen bisweilen schwer zu unterscheiden; im hohen Register wird der Klang eigentümlich hohl und falsetthaft.

Es bedurfte der Virtuosen des 19. Jahrhunderts, um den Kontrabass so beweglich zu führen wie etwa ein Solocello, und dabei seine eigentümlichen Klangfarben als Reiz und Vorteil ins Feld zu führen. Von diesen Virtuosen stammen die einschlägigen Solokonzerte für den Kontrabass: Bottesini, Dragonetti, oder der später als Dirigent berühmt gewordene Sergej Koussevitzki. Erst viel später kam noch ein weiteres Konzert hinzu: Das von Hans Werner Henze, entstanden 1966 - ein Stück von legendärem Ruf unter Kontrabassisten, ob seiner Schwierigkeit gefürchtet, und darum nur selten gespielt. Es erschien zu einem Zeitpunkt, als die Musik zu neuen Formaten, neuen Besetzungen, neuen Konzeptionen aufbrach - was auch den Kontrabass bisweilen vor ganz neue Aufgaben stellte. Es hat also etwas zu bedeuten, wenn Henze ganz im Gegensatz dazu hier ein klassisch dreisätziges Konzert konzipiert und das Orchester auf die Formation der Wiener Klassik beschränkt.

Musik: Hans Werner Henze - "Konzert für Kontrabass"

Tönend bewegte Form

Henzes Kontrabaßkonzert wurde von Gary Karr angeregt und ihm auch gewidmet - und wiewohl Karr schon damals einer der ganz großen Virtuosen seines Faches war, musste er den Komponisten um ein paar kleinere Retuschen bitten. Zum Zerwürfnis kam es bei einer anderen Frage: Henze schreibt in diesem Stück die tiefe Orchesterstimmung vor; für den solistischen Kontrabass wird aber seit Bottesini die um einen Ganzton höhere, sogenannte "Solostimmung" bevorzugt. Der Klang wird dadurch obertonreicher, heller, brillanter. Genau diesen Effekt wollte Henze aber vermeiden, und dieser Punkt war ihm so wichtig, dass er dafür in Kauf nahm, die Aufführungschancen des Stücks drastisch geschmälert zu sehen. Gary Karr hat es bald nach der Uraufführung aus seinem Repertoire gestrichen.

Musik: Hans Werner Henze - "Konzert für Kontrabass"

Warum also diese Fixierung auf die Orchesterstimmung? Und warum ein dreisätziges klassisches Konzert? "Reine und absolute Musik sollte es sein", schreibt Henze dazu in seiner Autobiographie, ja, er zitiert sogar Eduard Hanslick: "Tönend bewegte Form." Das steht in bemerkenswertem Widerspruch zu seinem ästhetischen Credo: Er, Henze, konzipierte ja eigentlich eine "musica impura", wie er schrieb, eine "unreine Musik", die mit dem "Menschlichen, Allegorischen, Literarischen involviert" war. Also das glatte Gegenteil von "absoluter Musik". Aber vielleicht ist ja das Absolute in diesem Zusammenhang auch wieder nur eine Chiffre, eine Allegorie: Der klassische Kanon, noch einmal, ja, aber diesmal als Ehrenbezeigung und Rehabilitation für einen Außenseiter, den ewigen Underdog des Orchesters.

So könnte auch Henzes Beharren auf der "Orchesterstimmung" zu verstehen sein: Der Kontrabass kommt nicht "verkleidet", durch die Konzertstimmung klanglich "aufgehübscht" daher, sondern es geht darum, das Instrument, so, wie es ist, mit den Mitteln der Komposition und virtuoser Spieltechnik zu emanzipieren und in ein neues Licht zu setzen. Es ist dies, zugegebenermaßen, Spekulation: Aber Henze nimmt schon sehr absichtsvoll an der noblen Tradition Mass. Das Finale seines Konzertes etwa, eine Ciacona von 17 Minuten Spieldauer, ließe sich in Anlage und Struktur durchaus mit dem Finale von Brahms' 4. Symphonie vergleichen.

Musik: Hans Werner Henze - "Konzert für Kontrabass"

Transzendierung des Instruments

Der Solist der bei Wergo erschienenen Neuaufnahme, Daniele Roccato, schildert im Booklet der CD anschaulich, welcher Mühe es bedurfte, dieses vertrackte Konzert im wahrsten Sinne des Wortes handhabbar zu machen: Für Intervalle etwa, die sich auf normale Weise nicht greifen ließen, entwickelte er eine Art Roll- und Drehbewegung der Griffhand, die es ihm ermöglicht habe, "die vom Komponisten geforderten Artikulationen auszuführen". Das Ergebnis ist vollständig überzeugend: Der Kontrabass "singt" mit großer Selbstverständlichkeit, der Ausgleich zwischen den verschiedenen Registern gelingt ebenso bruchlos, wie das Zusammenwirken mit dem präzise und klangschön spielenden Orchestra Sinfonica Abbruzese unter der Leitung von Tonino Battista.

Nur eine weitere Komposition hat Hans Werner Henze dem Kontrabass zugedacht, aber eine sehr persönliche. Es ist ein Solostück, entstanden 1977, und schon der Titel läßt einen privaten Anlaß vermuten: "San Biagio 9 agosto ore 12.07". San Biagio  ist eine Kirche in der Nähe der toscanischen Stadt Montepulciano, wo Henze 1976 sein Musikfestival, den "Cantiere Internazionale d'Arte" gegründet hatte. Was dort am 9. August um 12 Uhr 07 geschehen sein mag, bleibt ein Geheimnis - weder das Booklet noch sonstige Quellen äußern sich dazu. Das Stück trägt aber ziemlich deutlich den Charakter eines Gedenkstücks, das in etwa einen Verlauf von tiefer Niedergeschlagenheit über Aufbegehren und Resignation umreißt. Der Schluß mit seinen zart gehauchten Flageolettklängen zielt abermals auf eine vollkommene Transzendierung des Instrumentes und der ihm innewohnenden Erdenschwere.

Visitenkarte Daniele Roccato

Daniele Roccato spielt dieses Stück in Konzertstimmung - mit Erlaubnis Henzes, der damit von der auch für dieses Stück aufgestellten Forderung abweicht. Über der Partitur heißt es nämlich, der Komponist bitte die "Kollegen Kontrabassisten, dieses Stück nur in Normalstimmung zu spielen." Wie dem auch sei - Daniele Roccato trifft sehr genau den Ton verhaltener Trauer dieses im Grunde einfachen, aber klanglich überaus subtilen Stücks. "Ricordo per contrabbasso solo" - "Eine Erinnerung für Kontrabaß solo" - so der Untertitel.

Musik: Hans Werner Henze - "San Biagio"

Dieses Erinnerungsstück und das Konzert sind die einzigen Originalwerke, die Hans Werner Henze dem Kontrabaß zugedacht hat. Das Programm der CD wird ergänzt durch eine kleine Serenade für Solocello: ein Frühwerk aus dem Jahr 1949, das Lucas Drew 1981 für Kontrabass bearbeitet hat - sowie durch ein gewichtiges Ensemblestück, die "Trauer-Ode für Margaret Geddes". Prinzessin Margaret von Hessen und bei Rhein - geboren als Margaret Caldwell Geddes - war eine Freundin des Komponisten und eine große Musikmäzenin. Sie war auch mit Benjamin Britten und Peter Pears befreundet und war eine frühe Unterstützerin ihres Festivalprojektes in Aldeburgh.

Henzes Trauer-Ode ist für sechs Celli konzipiert und wurde 1997 beim Cello-Festival der Kronberg Academy uraufgeführt. Daniele Roccato hat das Stück  für die Gruppe "Ludus Gravis" bearbeitet: Ein Ensemble, das er 2010 mit dem Kontrabassisten Stefano Scodanibbio - einer zentralen Figur in der Neuen Musik Italiens - gegründet hatte. Wie ein dunkler Mantel hüllt der Klang der sechs Kontrabässe den Hörer ein, aus dem dichten Satz tritt fragmentweise Bachs Choralbearbeitung des "Deutschen Magnificat" hervor, "Meine Seele erhebt den Herren".

Hans Werner Henze - Kompositionen für Kontrabaß, mit dem Solisten Daniele Roccato. Die CD ist beim Label Wergo erschienen. Diese Sendung können Sie eine Woche lang nachhören: Sie finden Sie über das Musikportal unter deutschlandfunk.de oder über unsere Audiothek-App.

Musik: Hans Werner Henze - "Trauer-Ode"

Hans Werner Henze
Works for Double Bass
Daniele Roccato, Kontrabass
Orchestra Sinfonica Abbruzese
Ltg. Tonino Battista
CD Wergo

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