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StartseiteDie neue PlatteSolisten des Ensemble Modern im Porträt08.10.2017

Neue MusikSolisten des Ensemble Modern im Porträt

Das Ensemble Modern ist ein Aushängeschild neuer Musik in Deutschland. Gut 20 Mitglieder prägen die Arbeit durch ihr musikalisches Handwerk als auch verschiedensten kulturellen Background. In der Ensemble-eigenen CD-Edition stellen sie sich persönlich vor, dieses Mal: Bratsche und Schlagwerk.

Am Mikrofon: Yvonne Petitpierre

Das Ensemble Modern mit Instrumenten der Sammlung Walter Smetak (Jörg Baumann/Ensemble Modern)
Miteinander hochkarätiger Solisten: das Ensemble Modern (Jörg Baumann/Ensemble Modern)

Seit inzwischen 37 Jahren gehört das in Frankfurt beheimatete Ensemble Modern zu den bedeutendsten Klangkörpern, wenn es um die Vermittlung zeitgenössischer Musik geht. Die Formation präsentiert sich seit 2000 auch mit Audio- und Videoproduktionen auf seinem hauseigenen Label Ensemble Modern Medien, kurz EMM auf dem Markt. Konserviert werden sollen hiermit vor allem einzigartige Aufführungen des Ensembles.

Eine unverwechselbare programmatische Bandbreite zeichnet jedoch die aktuelle Reihe "Ensemble Modern Porträt" in Co-Produktion mit dem Hessischen Rundfunk. Auf zwei aktuelle Porträt-Alben dieser Edition fällt heute der Blick - sie beleuchten langjährige Musikerinnen des Ensembles. Dabei handelt es sich nicht primär um solistische Darbietungen, sondern um deren Präsenz in kammermusikalischem Kontext. Auf sehr vielschichtige Weise wird der Hörer in die möglichen Klangwelten eines spezifischen Instrumentes entführt, auch wenn es in Interaktion zu anderen steht.

Die Schlagwerkerin Rumi Ogawa

Auf diese setzt vor allem die Perkussionistin Rumi Ogawa aus Tokyo, die seit 1981 Mitglied des Ensemble Modern ist. Mit Einspielungen auf der kürzlich erschienen Portrait-CD unter dem Titel "perc.width" thematisiert Ogawa ihre ganz persönliche Vorstellung über Möglichkeiten des Schlagzeugs, das erst durch andere Instrumente in unterschiedlichen Besetzungen zu vielfältigen Klängen erweitert werden könne. Nach eigenen Aussagen bietet das Schlagzeug ein Medium, um Erfindungen hörbar zu machen und vor dieser Kulisse beschreibt sie es als ihr emotionales Sprachrohr. Ogawa definiert das Schlagzeug bevorzugt in Assoziation mit Kammermusik. Mit ihrem impulsbetonten Instrumentarium sucht sie die Nähe zu anderen Instrumenten in Sinne eines kommunikativen Prozesses.

Am Beginn steht ein Ausschnitt aus den "Rondo Variations" für Klarinette, Schlagzeug und Klavier der Komponistin Keiko Harada, 1968 in Japan geboren. Deutlich hörbar wird, dass es nicht um ein Schlagzeugsolo mit Begleitung geht, sondern die gleichwertige Behandlung aller beteiligten Instrumente. Die spezifische Farbigkeit des Schlagzeugs kommt sehr subtil in verschiedenen Facetten zum Tragen. Die Komposition spielt mit einzelnen Versatzstücken, die unter den Instrumenten weitergetragen werden und sich erst im Verlauf zu einem Ganzen zusammensetzen. Der Pianist dieser Einspielung, Ueli Wiget beschreibt das Stück als eine Transformation im Reigen der Pedalklänge: "Das Klavier nähert sich dem Schlagzeug, das Schlagzeug den tiefen Streichern. All das passiert in einer trügerisch lauernden Ruhe, die immer wieder von virtuosen Ausbrüchen unterbrochen wird.". Neben Rumi Ogawa und Ueli Wiget hören Sie Nina-Janßen-Deinzer, Klarinette.

Musik: Keiko Harada - Rondo Variations

Kammermusikalisch abgestimmtes Musizieren

Die Nähe zwischen Material und Klangerzeugung beleuchtet die Komposition "Skins & Strings" aus dem Jahr 2006 von Manfred Stahnke. Das Schlagzeug begegnet hier Violine und Violoncello. Die Intonation jeder einzelnen Note ist in ihrer Tonhöhe so klar definiert, dass jede Nuance einer Verschiebung irritieren würde. Ein Stück, das eine sehr fragile Struktur trägt und Transparenz verlangt. Im Mittelpunkt steht die Rahmentrommel, die den rhythmischen Grundstein für die musikalische Entwicklung legt. Die Subtilität des Klanges entsteht durch die gleichzeitige Mischung mit den obertonreichen Streichern. Einen tänzerischen Gestus gewinnt das Stück dadurch, dass die Streicher zwischen den diversen Mustern der Trommel spielen.

Musik: Manfred Stahnke - Canonic fuge aus Skins & Strings

Das war die "Canonic fuge" aus "Skins & Strings" für Schlagzeug, Violine und Violoncello von Manfred Stahnke. Gemeinsam mit Rumi Ogawa, Schlagzeug, spielten Jagdisch Mistry, Violine, und Michael M. Kasper, Violoncello.

Aus der Feder des finnischen Komponisten Magnus Lindberg stammt das Duo "Metal Work", eine Begegnung zwischen Akkordeon und Schlagzeug, entstanden im Jahr 1987. Ein sehr komplexes rhythmisch aufgeladenes Klangspektakel, das von seinen Interpreten vor allem klare Phrasierungen verlangt.

Spieltechnisch höchst anspruchsvoll

Da ein Halten der Töne für Akkordeon leichter ist, realisiert Ogawa ihren Schlagzeugpart über die rhythmische Gestaltung in großen Phrasen. Für den Akkordeonisten Stefan Hussong stellte das zunächst eine besondere spieltechnische Herausforderung dar, doch zur Gestaltung der Partitur haben beide Musiker eine Lösung gefunden. Wenn es unglaublich eng und extrem schnell wird, "genau da habe es sehr geholfen, nicht nur zu versuchen übereinander und richtig zu spielen, sondern in Phrasen zu denken und auf einen bestimmten Punkt hin zu spielen".

Musik: Magnus Lindberg - Metal Work

Eine Einspielung, die eindrucksvoll belegt, dass sich Instrumente klanglich nicht immer verbindlich typisieren lassen und sehr feinnervige Annäherungen oder Ergänzungen zu jeweils anderen Klangwelten eingehen können. Beeindruckend sind die unzähligen farblichen Dimensionen des Schlagzeugs im Verhältnis zur rhythmischen Präsenz.

Megumi Kasakawa und die Geschichte der modernen Viola

Ein weiterer Blick im Rahmen der Reihe "Ensemble Modern Porträt" gilt der Bratschistin Megumi Kasakawa, die seit 2010 zum Ensemble gehört. Die von ihr eingespielten Werke konzentrieren sich auf 10 Komponisten des 20. Jahrhunderts, wobei diesmal solistische Literatur im Vordergrund steht. Kasakawa durchquert 100 Jahre Musikgeschichte mit teilweise sehr bekannten Kompositionen für Viola, begibt sich aber auch auf die Suche nach neuen Perspektiven für ihr Instrument. So präsentiert sie u.a. mit warmer Klanggebung die "Sonate für Viola solo" aus dem Jahr 1955 von Bernd Alois Zimmermann, die "Elegy für Viola" von Elliott Carter, oder die "Souvenirs trémaësques" für Viola von Heinz Holliger.

Das früheste der von Megumi Kasakawa gewählten Werke stammt von dem Amerikaner Quincy Porter, der 1897 geboren wurde und 1966 verstarb. Er selbst war auch Bratschist und studierte Komposition bei Vincent d’Indy sowie Ernest Bloch. Die "Suite for Viola alone" entsteht 1930 und wird von ihm selbst in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt. Dass Porter mit Streichinstrumenten wohl vertraut scheint, offenbart eine idiomatische Schreibweise. Die Harmonien bewegen sich im steten Wechsel zwischen Konsonanz und Dissonanz, klare melodische Linien bestimmen die musikalische Entwicklung. In allen vier Sätzen spielt Porter mit den spieltechnischen Möglichkeiten der Viola und gestaltet mit vielfarbigen Klängen, die Megumi Kasakawa sehr sensibel in Szene setzt.

Musik: Quincy Porter - Suite für Viola alone

Inspiriert von Spätbarock und Elektronik

Aus der "Suite für Viola Solo" von Quincy Porter hörten Sie hier den ersten Satz mit Megumi Kasakawa, Bratschistin des Ensemble Modern. Auf ihrem Porträtalbum ist auch sie vereinzelt in kammermusikalischem Kontext zu erleben, der zugleich von traditionellen Instrumentalkombinationen abweicht. So begegnen in dem Trio "- rivolto - (s’ouvrir et se changer)" von Helmut Zapf komponiert, Viola, Oboe und Kontrabass einander. Das musikalische Denken von Zapf ist von der Barockmusik ebenso inspiriert wie von der elektronischen Musikszene. 1989 anlässlich des 200. Jahrestages der Französischen Revolution komponiert Zapf das Stück im Auftrag des damaligen Zentrums für zeitgenössische Musik in Dresden. Im Rahmen der Wittener Tage für Neue Kammermusik wurde das Trio uraufgeführt. "Rivolto", das bedeutet Umkehrung und soll nach Zapfs eigenen Worten auf bestimmte Kompositions-Ttechniken hindeuten, die er im Werk vielfältig einsetzt. Beim Komponieren wollte er sich der Frage stellen, was Revolution für ihn im eigenen Leben bedeutet. Nichts sollte auf eine historische Aufarbeitung der Ereignisse in Frankreich zielen, sondern das eigene Denken und Fühlen zu diesem Thema auf den Prüfstand stellen. Ein hektisch anmutendes Stück, bei dem jedes Instrument immer wieder über einfachen melodischen Schritten und rhythmischen Akzenten inne hält, als würde es Fragen stellen. Unüberhörbar bleibt hier das verbindende Moment der Violastimme zwischen Oboe und Kontrabass, gespielt den beiden Ensemble Modern-Mitgliedern, Christian Hommel und Paul Cannon.

Musik: Helmut Zapf - rivolto- (s’ouvrir et se changer)

Eintauchen in Gewebe des Klangs

Eher unbekanntes Terrain auf dem Gebiet der neueren Literatur für Viola solo betritt Márton Illés mit seinem "Psychogramm I Jagatos" , also "Jammernd" aus dem Jahr 2013, das er Megumi Kasakawa gewidmet hat. Eine Komposition, die den Anfang einer eigenen Werkreihe bildet und Hörerwartungen irritiert. Márton Illés sucht nach körperhaft betonten Ausdrucksweisen und spricht von der "präzisen Darstellung feinster körperlicher Gesten und Reflexen, die ihn fasziniert". Kein Text könne so viel Intensität und Unmittelbarkeit bieten, wie der physisch wirkende und sich energetisch in der Horizontalität der Zeit entfaltende Klang, so Illés. Seine Komposition beschreibt er selbst als einen einzig neurotischen Anfall, als "tobendes Gejammer", wobei die Klangsprache dem Ausdruck zuliebe befreit von jeder Wohltemperierung und Eleganz sei. Dem Hörer bleibt ein Eintauchen in dichtes Klanggewebe mit kleinen melodischen Inseln.

Musik: Marton Illés - Psychogramm I Jagatós (Jammernd) für Viola

Aus dem "Psychogramm I Jagatós" für Viola solo von Marton Illés hörten Sie abschließend einen Ausschnitt mit der Solistin Megumi Kasakawa.

Vorgestellt habe ich Ihnen heute aus der Solistenreihe des Ensemble Modern zwei Musikerinnen, die in sehr persönlicher Weise auf jeweils eigenen CDs ihre Gedanken zu kammermusikalischer und solistischer Konzertliteratur des 20. und 21. Jahrhundert eingespielt haben. Erschienen sind die CDs kürzlich beim Label Ensemble Modern Medien, im Vertrieb erhältlich über Edel. Kultur AG.

Perc.width
Rumi Ogawa, Schlagzeug
Ensemble Modern Medien, EMCD-035, LC 14544
EAN: 4260131640360

For viola
Megumi Kasakawa, Viola
Ensemble Modern Medien, EMCD-036, LC 14544
EAN:4260131640377

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