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StartseiteEuropa heuteNeue Parteien in Griechenland im Aufwind02.05.2012

Neue Parteien in Griechenland im Aufwind

Sozialisten und Konservative fürchten um ihr Machtmonopol

36 Parteien treten bei den vorgezogenen Neuwahlen in Griechenland an. Eine Herausforderung vor allem für die Kandidaten der sozialistischen Pasok und der konservativen Nea Dimokratia. Laut Prognosen erhalten sie zusammen weniger Stimmen, als sie vor der Krise noch jede für sich allein gewinnen konnte.

Von Rodothea Seralidou

Antonis Samaras, Vorsitzender der konservativen Partei Nea Dimokratia  (picture alliance / dpa / Stefanos Rapanis)
Antonis Samaras, Vorsitzender der konservativen Partei Nea Dimokratia (picture alliance / dpa / Stefanos Rapanis)

In einem schlichten Tagungsraum mit weißen Wänden haben rund hundert Mitglieder und Anhänger der Partei platzgenommen. Die meisten von ihnen sind über 50 Jahre alt. Fast alle sind schick angezogen und warten darauf, dass die Kandidaten ihre Rede halten, während vor dem Gebäude zwei Polizisten darauf achten, dass alles friedlich bleibt. Einer der zentralen Redner des Abends ist Evangelos Andonaros, ehemaliger Regierungssprecher und Abgeordneter des gerade aufgelösten griechischen Parlaments. Da sein Wahlbezirk auch diesen Vorort Athens erfasst, muss Andonaros wenige Tage vor den Wahlen auch hier Präsenz zeigen. Der 62-jährige Politiker appelliert an die Anhänger seiner Partei auch wirklich zur Wahl zu gehen und der Nea Dimokratia treu zu bleiben:

Andonaros weiß: Diesmal braucht seine Partei jede einzelne Stimme. Denn den Umfragen zufolge, ist die Nea Dimokratia zwar die beliebteste Partei, bekommt aber dennoch nur rund 20 Prozent der Stimmen und kann somit keine Regierung bilden.

"Am Wahltag hat jeder Grieche eine wichtige Entscheidung zu treffen. Wo will Griechenland am Tag danach stehen? In Europa oder im Abseits. Ich glaube Griechenland gehört zu Europa."

Doch die Wähler von seinem Parteiprogramm zu überzeugen, ist diesmal schwieriger als je zuvor. Die großen Wahlveranstaltungen der Vergangenheit gibt es nicht mehr. Und das nicht nur aus finanziellen Gründen, erklärt Christoforos Vernardakis, Politologie-Professor an der Universität Thessaloniki:

"Es ist für die zwei großen Parteien- und vor allem für die Pasok-Partei- diesmal unmöglich, große Menschenmengen zusammen zu trommeln. Denn die Bürger haben sich abgewandt und das geht bis hin zur Gewalt gegenüber der Kandidaten. Deswegen haben die Parteien vor allem kleine geschlossene Räume ausgesucht, die sie leichter kontrollieren können und die sie trotzdem oft nicht voll bekommen."

Den Missmut und das Misstrauen der Bürger bekommt auch Evangelos Andonaros zu spüren. Diese Wahl sei anders als alle Wahlen zuvor, sagt er:

"Der Kontakt mit den Wählern ist nicht mehr so einfach; Vage Versprechungen kommen gar nicht mehr an. Sie sind verunsichert, sehr skeptisch. Es ist also eine Sisyphus-Arbeit, die Leute zu überzeugen und das Programm glaubhaft zu machen. Die Leute sind kritisch und stellen sehr viele Fragen."

Und um diese Fragen in kleiner Runde beantworten zu können, ist Evangelos Andonaros diese Tage rund um die Uhr unterwegs. Denn sein Wahlkreis "Athen b" ist mit 1,5 Millionen Stimmberechtigten der größte Wahlkreis des Landes. Im selben Wahlkreis kandidiert auch Lambros Michos. Der 59-jährige Rechtsanwalt mit dem dicken Schnurrbart wurde von der sozialistischen Pasok-Partei gestrichen, als er das letzte Sparpaket nicht mittragen wollte. Jetzt kandidiert er mit der neuen Partei "koinoniki symfonia", was auf Deutsch so viel wie "Sozialpakt" bedeutet. Alle Kandidaten der Partei sind abtrünnige Sozialisten, die sich mit der Politik ihrer alten Partei nicht mehr identifizieren konnten.

"Wir haben dieses Risiko auf uns genommen, weil die jetzige Pasok nur noch den Namen von der alten Pasok hat. Wir mussten unsere Gefühle bei Seite lassen und uns mit der heutigen Situation auseinandersetzen. Jetzt fühle ich mich endlich frei."

Die "Koinoniki Symfonia" ist nur eine von insgesamt 36 Parteien, die diesmal um die Gunst der Wähler kämpfen wollen. Den Umfragen zufolge, erreicht die neue Partei weniger als zwei Prozent der Stimmen. Sie würde somit die drei Prozent-Hürde für den Einzug ins griechische Parlament nicht schaffen. Trotzdem trägt sie zur Aufsplitterung der politischen Parteienlandschaft bei, indem sie vor allem enttäuschte Sozialisten für sich gewinnt. Der Politologie-Professor Vernardakis schaut mit Spannung auf die kommenden Neuwahlen.

"Alles geht auf eine Koalitionsregierung hinaus. Fragt sich nur, mit welcher Zusammensetzung. Oder uns erwarten bald erneut Neuwahlen. Eins ist sicher: Egal wer die Regierung stellt, sie wird schwach sein. Mehr als fünf oder sechs Monate wird sie nicht durchhalten können."

Das wollen die zwei traditionell großen Parteien Nea Dimokratia und Pasok um jeden Preis vermeiden. Evangelos Andonaros von der Nea Dimokratia glaubt, dass ein langer Zeitraum politischer Instabilität das Land in den Abgrund stürzen würde:

"Griechenland kann sich eine Zeit der Unregierbarkeit nicht leisten! Wir haben keine Zeit. Wir haben durch die große finanzielle Hilfe, die wir von unseren Partnern in Europa erhalten haben, eine Verschnaufpause erhalten. Wir müssen zusehen, dass wir davon profitieren, um die Zukunft zu organisieren. Griechenland hat ein sehr großes Potenzial, das muss jetzt zur Geltung gebracht werden."

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