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StartseiteForschung aktuell"Dogmatisch darf man nicht sein"16.08.2021

Neue Präsidentin des Europäischen Forschungsrates"Dogmatisch darf man nicht sein"

Die Molekularbiologin Maria Leptin ist neue Präsidentin des Europäischen Forschungsrates. Die Wissenschaftlerin hat viel internationale Erfahrung. Im länderübergreifenden Austausch sei es vor allem wichtig, gut zuhören zu können und Kompromisse zu finden, sagte sie im Dlf.

Maria Leptin im Gespräch mit Ralf Krauter

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Maria Leptin, Präsidentin des Europäischen Forschungsrates (Michael Wodak/MedizinFotoKöln)
Die neue Chefin des Europäischen Forschungsrates ERC Maria Leptin hat sehr viele internationale Kontakte und persönliche Erfahrungen im Ausland (Michael Wodak/MedizinFotoKöln)
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Der Europäische Forschungsrat ERC ist eine der wichtigsten Organisationen zur Förderung der Grundlagenforschung in Europa. Die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel ist stattlich: Bis zum Jahr 2027 erhält die Organisation rund 16 Milliarden Euro aus Brüssel, um die Grundlagenforschung in Europa voranzubringen. So steht es im EU-Forschungsrahmenprogramm "Horizon Europe".

Ab dem 1. Oktober bekommt der ERC eine neue Chefin: Dann löst die deutsche Molekularbiologin Maria Leptin den amtierenden ERC-Präsidenten Jean-Pierre Bourguignon an der Spitze ab. Ein sehr wichtiger Posten mit viel Macht, Einfluss – aber auch mit viel Verantwortung für sehr viel Geld.


Ralf Krauter:Allein im kommenden Jahr dürfen Sie 2,4 Milliarden Euro unter Europas Spitzenforschern verteilen. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Maria Leptin: Ja, die Verantwortung liegt da natürlich nicht bei mir alleine – zum Glück. Was der Europäische Forschungsrat sehr gut macht, sind die Auswahlpaneele, das sind ja Kommissionen von Experten, die das wirklich mit allergrößter Gewissenhaftigkeit und mit sehr viel Kenntnis machen. Also, ich muss da nicht allein die 16 Milliarden verteilen, das wär ja noch schöner. Und der Präsident hält sich da sowieso tatsächlich ganz raus. Das Einzige, was der Rat und der Präsident machen müssen, ist, dass die Prozeduren wirklich gut laufen, gerecht sind und allen gerecht werden.

Große Signalwirkung in ganz Europa

Krauter: Für die Professionalität dieser Auswahlverfahren wird der ERC ja auch weltweit durchaus als Vorbild gesehen. Was würden Sie denn sagen, welche Bedeutung generell hat der Europäische Forschungsrat für die Grundlagenforschung in Europa?

Leptin: Eine von den großen Errungenschaften ist ja, dass die Etablierung dieses Rats dazu geführt hat, dass die Bedeutung der Grundlagenforschung breitere Anerkennung erreicht hat und dass große, teure Projekte finanziert werden können. In vielen Ländern Europas gibt es gar keine gute Individualförderung für innovative Projekte, also da wird schon sehr viel geleistet. Sowohl die Möglichkeit für einzelne Forscher, Grundlagenprojekte so zu finanzieren, als auch die Art, wie die Auswahl gemacht wird, haben schon große Signalwirkung in ganz Europa.

Unterschiedliche Forschungsansätze akzeptieren

Krauter: Sie sind ja viel rumgekommen in Ihrer Karriere als Molekularbiologin. Nach dem Studium in Bonn und Heidelberg haben Sie in Basel promoviert, waren dann in Cambridge, San Francisco, am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, wurden dann Professorin in Köln, waren für Gastaufenthalte in Paris und am Sanger Institute in Großbritannien. Hilft Ihnen das bei Ihrem neuen Job jetzt, dass Sie sehr viele internationale Kontakte und persönliche Erfahrungen im Ausland haben?

Leptin: Ich denke schon. Ich denke, das hilft jedem, auf jedem Karriereschritt, sich auch mal woanders die Luft um die Ohren wehen zu lassen und einfach zu lernen, dass es viele, viele verschiedene Möglichkeiten gibt, mit Problemen und mit Situationen umzugehen. Und auf die Weise hat man mehr Verständnis dafür, wenn andere Leute was anders machen als man selber, und statt das zurückzuweisen, lernt man davon. Ich glaube, das ist ganz besonders in Europa wichtig und ganz besonders für den ERC. Und ich muss sagen, ich kenne das natürlich auch von EMBO, da sind auch 30 Mitgliedstaaten in Europa, die sehr verschiedene Bedingungen in der Forschung haben, sehr verschiedene Herangehensweisen. Da muss man schon zuhören können, da muss man Verständnis dafür haben, dass anderswo was anders gemacht wird, und lernen davon. Also ich denke, das ist extrem wichtig, aber nicht nur für mich, für alle. Deshalb fördern wir auch viele Institutionen, Internationalität.

"Man muss zuhören können"

Krauter: EMBO, Sie haben es gerade angesprochen, das ist die europäische Organisation für Molekularbiologie, da sind Sie seit über zehn Jahren Direktorin und haben sicher eine Menge Erfahrungen, die ja mitunter durchaus divergieren, Interessen von Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern und Disziplinen unter einen Hut zu bringen. Gibt es ein Erfolgsrezept, wie Sie das geschafft haben und hoffentlich dann auch in Brüssel künftig schaffen werden?

Leptin: Zuhören, zuhören, zuhören, wie ich gerade gesagt habe. Es sind ja nicht nur die Wissenschaftler, es sind auch die Politiker, die Finanzministerien, die Bürger im Land. Zuhören, dass alle diese Teilnehmer unterschiedliche Bedürfnisse haben, unterschiedliche Ausgangspunkte, und versuchen, durch Kompromisse die unter einen Hut zu bringen. Dogmatisch darf man nicht sein, das geht nicht, da erreicht man nichts.

"Kontinuität, Stabilität und Wachstum"

Krauter: Welche Akzente wollen Sie denn setzen als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats?

Leptin: Ich glaube eigentlich gar nicht, dass es nötig ist, Akzente zu setzen. Der ERC ist unglaublich erfolgreich, wird unglaublich bewundert. Das Allerwichtigste ist es, Kontinuität, Stabilität und Wachstum zu erreichen. Ich war ja in mehreren Auswahlkommissionen tätig für den ERC, und was man da an tollen Projekten sieht, die leider nicht gefördert werden können, weil das Geld nicht da ist, nicht, weil sie nicht gut genug sind. Es wäre fantastisch für Europa, wenn doppelt so viele Projekte gefördert werden könnten. Da müssen wir erreichen, dass einfach mindestens Stabilität erreicht wird, besser Wachstum. Das ist kein neuer Akzent, das ist einfach Stabilität.

Das Wichtigste ist, die Bedeutung der Grundlagenforschung weiterhin zu stärken und wie gesagt dafür zu sorgen, dass allen Bedürfnissen gerecht wird. Nicht jeder ist gleich gut vorbereitet, einen Antrag zu schreiben, nicht jedes Wissensgebiet kann gleich gut mit den Geldern, die da kommen, und mit den Bedingungen, die kommen, umgehen. Aber jetzt da reinzukommen und zu sagen, ich will alles anders machen, das wäre ganz unklug, denn es funktioniert ja alles fantastisch gut. Ich werde hingehen, mich umhören und langsam und behutsam gucken, wo es noch besser gemacht werden kann, als es bisher schon gemacht wurde. Aber ich krieg ja ein Schiff, was total flott ist, und da brauch ich nicht viel zu machen.

Leptin: Der ERC hat eine Ausnahmefunktion

Krauter: Schiff ist ein gutes Stichwort. Der ERC war ja vergangenes Jahr in eher unruhigem Fahrwasser: Im April 2020 ist der damalige Präsident Mauro Ferrari nach wenigen Monaten im Amt zurückgetreten, weil eine von ihm damals angeregte massive Förderinitiative zur Bekämpfung der Corona-Pandemie letztlich keine breite Unterstützung fand, mit der Folge, dass der Europäische Forschungsrat dann just zu jenem Zeitpunkt sprach- und führerlos war, als in Brüssel über den EU-Haushalt der nächsten sieben Jahre gefeilscht wurde. Hat dieses unglückliche Intermezzo den ERC nachhaltig geschwächt?

Leptin: Das glaube ich überhaupt nicht. Erstens Mal gingen die Haushaltsverhandlungen ja hervorragend. Mein jetzt direkter Vorgänger, Jean-Pierre Bourguignon, ist ja auch noch mal hingegangen und hat da wirklich noch was rausgeholt, nachdem er als Interimsdirektor wieder eingestellt wurde. Das war bewundernswert. Was das kurze Intermezzo von Ferrari betrifft: Gut, da haben wohl die Prioritäten des Präsidenten nicht mit den Prioritäten des ERC zusammengepasst. Aber ich sehe auch das nicht als Belastung, denn was Herr Ferrari wollte, war diese große COVID-Initiative. Jeder wollte damals was tun, es ist kein Wunder, dass er da auch das Bedürfnis hatte. Die Tatsache, dass es nicht angenommen wurde, bedeutet ja nur, dass eingesehen wurde, dass ERC eine Ausnahmefunktion insofern hat, als es wirklich nur für die Grundlagenforschung da ist. Und ich finde das gut, dass das erkannt wurde.

Es ist natürlich schade, dass nicht noch viele Milliarden mehr in COVID-Forschung gehen. Aber umgekehrt haben wir auch da gesehen, dass auch ohne diese Gelder viele ERC-Forscher aktiv geworden sind. Ich hab auch eine Umfrage gemacht bei den Forschern, die Mitglieder bei EMBO sind, 30 Prozent der Wissenschaftler in Europa haben umgesattelt, sofort, um irgendwie auf irgendeine Weise für COVID zu helfen. Das konnten sie, weil sie die Flexibilität von unabhängigen Forschungsgeldern hatten, die ihnen das erlaubt haben. Also noch ein deutlicheres Zeichen für die Notwendigkeit von Grundlagenforschung und die Flexibilität in Notfallsituationen von Grundlagenforschung kann man gar nicht haben. Insofern sehe ich das eigentlich eher als Stärkung. Es ist wieder bestätigt worden, dass das, was der ERC macht, das Richtige ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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