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StartseiteForschung aktuellWie das Smartphone vor Depression schützen soll 08.08.2018

Neue PräventionsdiagnostikWie das Smartphone vor Depression schützen soll

Amerikanische Psychiater suchen nach neuen Wegen, psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. Mithilfe von Smartphone-Daten wollen sie analysieren, ob jemand eine Depression oder Psychose entwickelt und präventiv eingreifen. Die Methode ist umstritten.

Von Martin Hubert

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(Lucas1989/photocase.de )
Wissenschaftler wollen Daten von Smartphones nutzen, um Depressionen zu erkennen (Lucas1989/photocase.de )
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"Lade Dir eine App herunter und wir sagen Dir, ob du zum Psychiater oder Psychotherapeuten gehen solltest." Die Flut von digitalen Daten, die Menschen heute erzeugen, erweckt auch bei Psychiatern Begehrlichkeiten. Denn schon lange träumen sie davon, psychiatrische Erkrankungen rechtzeitig erkennen zu können. Je früher man nämlich bei schweren Depressionen, Psychosen oder Borderlinestörungen eingreift, desto höher sind die Heilungschancen. Einer der einflussreichsten Protagonisten der neuen Entwicklung ist der Psychiater Thomas Insel. Er leitete dreizehn Jahre lang das amerikanische National Institute of Mental Health. Dann ging er mit seiner Idee zu Google bzw. Alphabet, um schließlich ein eigenes Startup-Unternehmen namens "Mindstrong Health" zu gründen.

"Wir schauen uns an, wie Sie tippen"

"Wir untersuchen die Mensch-Computer-Interaktion, genauer gesagt, wir schauen uns an, wie Sie tippen. Nicht was Sie tippen, sondern wie Sie tippen, also wie Sie am Smartphone tippen, scrollen und anklicken. Die Zeitverzögerungen und das Muster, das sich dabei zeigt, bilden ein überraschend gutes Maß für ihre Informationsverarbeitungszeit oder ihre kognitive Kontrolle. Also für Aspekte, die etwas darüber aussagen, wie sie gerade denken und wie sie sich fühlen."

"Digital Phenotpying" heißt die neue Präventionsmethode. Einige Forscher arbeiten auch daran, die Inhalte und den Sprachgebrauch der Smartphone-Nutzer auszuwerten. Auch Thomas Insel hat das versucht, stellte aber fest, dass seine Versuchspersonen solche Informationen nicht gerne preisgeben wollen. Nun pocht er darauf, dass seine Methode dem Datenschutz besser diene und die Privatsphäre schütze, weil sie nicht an Inhalten interessiert sei. Insels Unternehmen glaubt inzwischen 43 aussagekräftige Faktoren mit hohem psychiatrischem Prognosewert gefunden zu haben. Das Team verglich, ob diese Marker genau so gut funktionieren wie herkömmliche psychologische Tests an Patienten. Diese untersuchen, wie gut jemand seine Aufmerksamkeit kontrollieren oder eine Belohnung aufschieben kann.

"Wir konnten feststellen, dass unsere Faktoren sehr gut mit psychologischen Test für kognitive Eigenschaften übereinstimmen. Und die digitalen Marker für problematische kognitive Kontrolle oder Belohnungsverhalten korrelieren auch sehr gut mit entsprechenden Veränderungen in den dafür zuständigen Hirnregionen."

Relevante Veränderungen für Psychosen

Solche Veränderungen sind vor allem für Psychosen relevant. Aber Mindstrong Health untersucht auch die Stimmungslage, die etwas über bei Depressionen aussagt.

"Wir schauen uns Menschen an, wenn sie depressiv und nicht depressiv an. Wir beobachten also ihre täglichen oder wöchentlichen Stimmungsschwankungen, um die digitalen Phänotypen herauszufinden, die das abbilden. Und da haben wir auch schon erste gute Ergebnisse."

Insel proklamiert also den Durchbruch des psychiatrischen Präventionsgedankens im Zeitalter von Big Data und Digitalisierung. Denn mit seiner Methode könne die psychische Entwicklung von Millionen Menschen künftig schnell und kontinuierlich überwacht werden. Kritiker halten allerdings Insels Auffassung, seine Methode werfe keine Datenschutzprobleme auf, für naiv. Denn Versicherungen und Unternehmen könnten auch daran interessiert sein, ob jemand psychisch krank zu werden droht, wenn Digital Phenotyping keine Inhalte misst. Und der Psychiater Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat grundsätzliche Einwände.

"Es gibt normale Gründe, das Smartphone öfter zu nutzen"

"Dann renne ich jetzt einfach mal eine Woche wie ein Irrer durch die Stadt, benutze mein Smartphone in absolut hektischer Weise und damit suggeriere ich Ihnen dann, dass ich mich irgendwie gestört verhalte: bin ich dann manisch?"

Es kann viele normale Gründer geben, so Gründer, warum jemand sein Smartphone eine Zeit lang anders nutzt. Es könnte Arbeitsstress sein, Zeitdruck oder eine leichte Grippe. Diesen Kontext würde Digital Phentopyting sträflich vernachlässigen.

"Da kommt der Mensch nicht vor, man kann den Menschen doch nicht auf digitale Signale reduzieren. Also das ist doch Hokuspokus!"

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