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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Extrem wichtig, auf behördliche Ansagen zu hören"23.07.2021

Neue Starkregen-Vorhersage"Extrem wichtig, auf behördliche Ansagen zu hören"

Wie sich die Wetterlage in den von Unwetter betroffenen Gebieten weiter entwickele sei unklar, sagte Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe im Dlf. Es könne erneut zu Starkregen kommen. Menschen vor Ort sollten unsichere Häuser dann dringend frühzeitig verlassen.

Wolfram Geier im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

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Die Gemeinde Schuld am Tag nach der Hochwasserkatastrophe. (picture alliance/dpa/Thomas Frey)
Ehrenamtliche Helfer seien nicht für Gefahrensituationen geschult und sollten sich dringend laufend über behördliche Anweisungen informieren, sagte Wolfram Geier im Interview (picture alliance/dpa/Thomas Frey)
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Die Aufräumarbeiten nach den Flutwellen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz laufen noch, doch es drohen bereits weitere starke Regenfälle in den betroffenen Gebieten. Es könne zu einer "neuen, kleinen Flutwelle" kommen, sagte Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe im Deutschlandfunk, von einer großen Flutwelle müsse man aber derzeit nicht ausgehen.

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In dieser Lage sei es enorm wichtig, dass Menschen vor Ort vorbereitet sind und sich laufend über die Gefahrenlage informieren. Behördliche Ansagen solle man dringend befolgen. Sollte es erneut zu Starkregen kommen, müssten Menschen vor Ort unsichere Gebäude, also teilzerstörte Häuser oder solche, die noch nicht hundertprozentig geprüft sind, frühzeitig verlassen. Menschen sollten sicherstellen, dass sie Informationen empfangen können, dazu sei eine Informationsquelle wichtig, die nich vom Stromnet oder Internet abhängig sei, beispielsweise ein batteriebetriebenes Radio, oder ein Kurbelradio.

Trinkwasser, Lebensmittel, Übungen

Auch Lebensmittel und vor allem Trinkwasser sollten Menschen – unabhängig von der konkreten Gefahrenlage – vorrätig haben, empfiehlt Geier. Auch ein Campinggaskocher oder Ähnliches sei nützlich.

Neben der persönlichen Vorbereitung brauche es auch gesellschaftlich mehr Prävention. "Wir müssen verschiedene Dinge einüben", sagt Geier. "Wir in Deutschland üben im Vergleich zu vielen anderen Ländern nicht mit unserer Bevölkerung konkrete Katastrophenlagen." Auch in Behörden müsse ein neues Bewusstsein entsthen, Risiken müssten viel kleinräumiger analysiert werden. Für kleine Fließgewässer gebe es oft keine Risikokarte.


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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Susanne Kuhlmann: In den Überflutungsgebieten ist neuer Regen vorhergesagt, drohen auch neue Gefahren?

Wolfram Geier: Momentan ist es so, dass – Stand heute, 22.07.2021 – der Deutsche Wetterdienst noch keine Unwetterwarnungen ausgesprochen hat. Es ist eine Vorhersage, dass möglicherweise Starkregen auch in den betroffenen Gebieten fallen kann, allerdings sowohl, was die zeitliche Dimension betrifft, als auch, was die Niederschlagsmengen betrifft, nicht im Ansatz vergleichbar mit dem, was in der vergangenen Woche passiert ist. Nichtsdestotrotz schürt alleine eine solche Vorhersage natürlich große Unsicherheit und auch Ängste.

"Aus unsicheren Gebäuden frühzeitig entfernen"

Kuhlmann: Wie sollen sich denn diejenigen verhalten, die zum Beispiel jetzt in ihrem halb zerstörten Haus noch ausharren und auch versuchen, das Haus und die verbliebene Habe zu trocknen?

Geier: Das Wichtigste in der jetzigen Situation, also unmittelbar nach dieser Katastrophe mit Blick auf mögliche neue Starkregenereignisse, ist, auf die behördlichen Ansagen zu hören – sei es über Radio, sei es über Lautsprecherdurchsagen, die vor Ort durch die Behörden getätigt werden. Denn momentan ist nicht klar, wie sich diese Lage entwickeln wird, diese Wetterlage entwickeln wird.

Und ich kann Ihnen sagen, die Meteorologen, die Wetterdienste stehen in ganz engem Austausch mit den Krisenstäben in den betroffenen Regionen, zum Beispiel speziell im Bereich der Ahr, wo ja die größten Schäden zu verzeichnen sind, wird stündlich eine Lagebewertung durchgeführt, gerade mit Blick auf die kommende Wetterlage. Das ist das eine, genau sich Informationen verschaffen, kommen jetzt neue Starkregenfälle, muss ich mich in Sicherheit bringen. Und wenn sie denn kommen, wenn diese Informationen sich verifizieren, kann ich nur allen Menschen empfehlen – und die Krisenstäbe werden das dann auch anordnen –, sich aus unsicheren Gebäuden, die jetzt noch nicht hundertprozentig geprüft sind, die vielleicht teilzerstört sind, die vielleicht in der Statik noch unsicher sind, sich tatsächlich aus diesen Gebäuden frühzeitig zu entfernen.

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Das gilt im Übrigen auch für die Helfer, gerade spontane Helfer, die jetzt ja wirklich als ein ganz tolles Zeichen der Solidarität in diese Gebiete gekommen sind, auch die müssen sich dringend auf dem Laufenden halten, um sich bei möglicherweise einer neuen kleinen Flutwelle, ich will es mal so sagen, von einer großen Flutwelle geht man derzeit nicht aus, sich aber auch sehr schnell in Sicherheit zu bringen. Denn das sind häufig Helfer, die über keine Katastrophenschutzerfahrung verfügen, die vielleicht die Lage auch falsch einschätzen. Deswegen ist das A und das O in der jetzigen Situation, genau hinzuhören, wie entwickelt sich die Wetterlage, was sagt die zuständige Behörde, gibt es eine Evakuierungsanordnung, gibt es eine Anordnung, sich in Sicherheit zu bringen. Dann geht es darum, sich schnell auf höhergelegene Gebiete zurückzuziehen.

"Wichtig, dass man vor allen Dingen Trinkwasser zu Hause hat"

Kuhlmann: Sich nicht in Lebensgefahr begeben, das ist das oberste Gebot. Sollte man dennoch Dokumente, Wertgegenstände, wichtige Dinge bereitlegen, die man dann mit ein, zwei Handgriffen mitnehmen könnte?

Geier: Das ist das eine, dass gerade die Menschen, die in den jetzt extrem betroffenen Gebieten leben, also in den Gebieten, in denen die letzte Hochwasserwelle ganz massiv auch Schäden angerichtet hat, wenn diese Menschen tatsächlich in ihre Häuser zurückgekehrt sind, tatsächlich noch ihre Dinge gefunden haben, Dokumente sichern und Ähnliches.

Aber es gibt ja auch, wie wir gesehen haben, bei solchen Ereignissen immer mal wieder lokale oder regionale Stromausfälle, es gibt Mobilfunknetzausfälle und Ähnliches. Deswegen ist es auch wichtig, dass die Menschen, die jetzt nicht vielleicht in ganz unmittelbar betroffenen Gebieten, aber ein paar Hundert Meter weiter davon entfernt, dass auch die sich vorbereiten. Es kann wieder Stromausfälle geben, es ist wichtig, dass man Lebensmittel zu Hause hat, es ist wichtig, dass man vor allen Dingen Trinkwasser zu Hause hat, wir sehen das ja jetzt, wie die Trinkwassersituation gerade im Ahrtal aussieht. Das Wasser kann dort nicht genossen werden, es ist zum Teil überhaupt kein Trinkwasser aus den Leitungen vorhanden. Das heißt, eine Vorbereitung jetzt auf einen Versorgungsengpass, das ist auf jeden Fall immer sinnvoll – auch unabhängig von der jetzigen Situation.

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"Sinnvoll, auch eine vom Strom unabhängige Quelle zu haben"

Kuhlmann: Welche Lebensmittel wären denn hilfreich, wenn man nicht kochen kann, weil kein Strom da ist.

Geier: Insofern ist es immer sehr sinnvoll, auch eine vom Strom unabhängige Quelle zu haben, also Campinggaskocher und Ähnliches, um sich einfach mal etwas warmzumachen. Da wir ja in einer Region leben, die jetzt nicht in der gesamten Fläche betroffen ist, sondern wir ja in einer erreichbaren Entfernung auch nach wie vor geöffnete Supermärkte oder mittlerweile auch Notsupermärkte haben, ist das Entscheidende gar nicht so sehr das Essen.

Das Entscheidende ist das Trinkwasser, das ist das A und das O. Wie gesagt, das merken wir in den betroffenen Gebieten ganz aktuell. Deswegen sollte man auch immer einen Trinkwasservorrat zu Hause haben, Mineralwasserflaschen, das ist eine ganz dringende Empfehlung neben der netzunabhängigen Informationsquelle. Ein batteriebetriebenes Radio, ein Kurbelradio, das ist eine ganz wichtige Informationsquelle gerade in solchen Situationen, wo eben Warnsystem ausfallen können, wo Kommunikationssysteme ausfallen können vor Ort. Dann verfüge ich darüber wenigstens über die wichtigste Information, dass zum Beispiel Behörden Evakuierungen oder andere Sicherheitsmaßnahmen anordnen.

"Übungen auch mit der Bevölkerung"

Kuhlmann: Prinzipiell kann ja jede Region mehr oder weniger von einem heftigen Unwetter mit eventuell verheerenden Folgen getroffen werden. Die allermeisten Menschen haben ja gar keine Routinen für einen solchen Fall. Was müssen wir einüben jetzt und in Zukunft?

Geier: Wir müssen verschiedene Dinge einüben. Zum einen müssen wir sensibler werden, das betrifft die Bevölkerung, das betrifft aber auch die Behörden. Wir müssen sensibler werden, dass wir nicht mehr auf der Insel der Glückseligen leben, was Naturkatastrophen betrifft. Der Klimawandel verändert ganz massiv auch Mitteleuropa, die Extremwetterlagen, die wir jetzt in den letzten Jahren zunehmend beobachtet haben und jetzt in einer ganz neuen Dimension erfahren haben, die zwingen dazu, dass wir sensibler werden, dass wir Risiken und Gefahren gegenüberstehen, die wir so noch nicht kannten. Das heißt, das ist ein Langzeitprojekt, ein Generationenprojekt im Prinzip. Schüler müssen schon dort erfahren, was uns drohen kann, es muss eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung stattfinden mit diesen Themen.

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Es muss auch in Behörden ein neues Bewusstsein entstehen, dass wir viel mehr über Risiken sprechen müssen, Risiken analysieren müssen, auch kleinräumig, zum Beispiel Starkregenereignisse. Viele Regionen haben keine Starkregenrisikokarte für ihre kleinen Fließgewässer. An den großen Flüssen Rhein, Elbe, Mosel et cetera ist das überhaupt kein Thema, da ist das verpflichtend, aber an den kleinen Bächen, kleinen Fließgewässern, da brauchen wir solche Starkregenrisikokarten, damit die Menschen wissen, in welchen Gebieten sie leben und wohnen und wie hoch das Risiko ist, von so einem Ereignis betroffen zu werden.

Wir brauchen darüber hinaus eingeübte Praktiken, wie ich mit einer Notsituation umgehe, das heißt Übungen auch mit der Bevölkerung. Wir in Deutschland üben im Vergleich zu vielen anderen Ländern nicht mit unserer Bevölkerung konkrete Katastrophenlagen. Das muss sich ändern. Lokal muss geübt werden, wie gehe ich mit einem Hochwasser um, lokal muss geübt werden, wie verhalte ich mich bei Evakuierungsanordnungen.

Und wir brauchen einen Warnmittelmix, einen guten Warnmittelmix von der Sirene über die App bis hin zu den jetzt ganz aktuell beschlossenem Cell Broadcast auch in Deutschland – und den Rundfunkdurchsagen und auch den Lautsprecherdurchsagen mit Fahrzeugen vor Ort. Und Bevölkerung, die gewarnte Bevölkerung, muss dann natürlich auch wissen, wie sie mit einer Warnung umgeht, wie sie sich entsprechend gut und richtig selbstschützend verhält.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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