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StartseiteInterviewNeue Studie der OECD zur Bildungsmisere30.10.2002

Neue Studie der OECD zur Bildungsmisere

Edelgard Bulmahn

<strong>Meurer: </strong> In der PISA-Studie haben die deutschen Schulen bekanntlich relativ schlecht abgeschnitten. Eine neue Studie der OECD nennt jetzt einige Gründe, woran die Bildungsmisere hierzulande liegen könnte. Zum einen: In Deutschland wird für die Grundschulen der Studie zufolge zuwenig Geld ausgegeben, deutlich weniger als zum Beispiel in Dänemark oder Österreich. Zum zweiten: Die Unterrichtsmethoden an deutschen Schulen seien veraltet; die Lehrer wirkten häufig unmotiviert und lustlos. Zum dritten: An Grundschulen werde zuwenig unterrichtet; andere Länder hätten deutlich mehr Unterrichtsstunden bei den Erst- bis Viertklässlern. Über die Ergebnisse der Studie, die Situation unter anderem an den Grundschulen, möchte ich mich nun unterhalten mit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, SPD. Frau Bulmahn, in der Grundschule und vorher im Kindergarten wird für das Leben gelernt, wird der Grundstein für das Lernen gelegt. Was muss sich ändern an den Grundschulen?

Bulmahn: Wir wissen, dass gerade in den ersten Jahren praktisch ganz viel vorbereitet, angelegt wird, und deshalb hat die Bundesregierung da auch die Konsequenzen gezogen. Wir haben vorgeschlagen und beschlossen, dass wir vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen, um die Bundesländer zu unterstützen, Ganztagsschulen aufzubauen, weil wir durch Ganztagsschulen erreichen können, dass Kinder besser individuell gefördert werden, dass mehr Zeit zum Lernen zur Verfügung steht, und dass Lehrerinnen und Lehrer Unterrichtsmethoden einsetzen können, die zeitaufwendiger sind, zum Beispiel nicht frontal zu unterrichten, sondern Kindern die Chance geben, selber etwas zu erarbeiten, braucht mehr Zeit, bringt aber ein deutlich besseres Ergebnis.

Meurer: Aus welchem Grund soll der Unterricht besser werden, wenn Sie mehrere Stunden auf den ganzen Tag verteilen, oder wenn Sie sagen, die Erst- bis Viertklässler sollen eben morgens fünf und nicht nur vier Stunden haben?

Bulmahn: Wenn Sie den Unterricht auf den ganzen Tag verteilen, haben Sie einfach mehr Zeit, sich um das einzelne Kind zu kümmern, auf das Individuum einzugehen, auf die individuellen Lernfortschritte stärker einzugehen, und genau das wird aus den Befragungen auch deutlich, dass die Kinder einfach möchten und wünschen, dass sie individueller betreut werden, dass der Lehrer, die Lehrerin auch stärker ihren eigenen Lernfortschritt berücksichtigt. Dazu braucht man aber andere Lernmethoden, die zeitaufwendiger sind, und deshalb ist die Ganztagsschule ein ganz wichtiger Rahmen, und das Programm ist so angelegt, dass wir Ganztagsschulen gerade in der Grundschule und in der Sekundarstufe I damit schaffen wollen. Und dieses wird begleitet von einem Programm zur Verbesserung der Unterrichtsqualität, damit eben Lehrerinnen und Lehrer die Methoden kennen, einsetzen können, um diesen besseren Unterricht dann auch erteilen zu können.

Meurer: Was werden Sie Eltern sagen, die befürchten, die Ganztagsschule überfordert mein Kind?

Bulmahn: Die Eltern müssen sich einfach mal umschauen, in andere Länder schauen, aber auch in unsere sehr guten Schulen schauen. Wir haben auch in Deutschland sehr gute Ganztagsschulen, wo eben nicht traditioneller Unterricht gegeben wird, wo nicht praktisch sechs Stunden Frontalunterricht gegeben wird, sondern wo sich zum Beispiel musische und fachliche Fächer abwechseln, wo stärker themenorientiert gearbeitet wird, wo Kinder teilweise auch sehr stark selber den Lernprozess steuern, zum Beispiel mit anderen Kindern gemeinsam lernen, und all das, wie gesagt, erfordert Zeit, Experimente durchführen, aber es führt zu erheblich besseren Ergebnissen, weil Kinder nicht mehr etwas hören, sondern sich selber etwas erarbeiten und damit auch können und beherrschen, und darum geht es uns ja schließlich.

Meurer: Der Plan der Bundesregierung sieht ja vor, bis zum 2007 diese vier Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Wann wird es denn losgehen mit den zusätzlichen Ganztagsschulen?

Bulmahn: Es wird im nächsten Jahr losgehen. Das Programm startet im nächsten Jahr. Das ist eine ganz wichtige Säule, aber eine ebenso wichtige zweite Säule ist zum Beispiel die Verständigung auf bundesweite Bildungsstandards, weil alle Studien auch deutlich machen, dass es ganz wichtig ist, dass man klare Ziele, klare Kriterien, klare Standards hat, an denen sich alle orientieren können, Lehrer, Eltern. Auch das ist ein wichtiger Schritt, um ein besseres Bildungssystem zu erreichen, und genauso wichtig ist auch eine größere Selbstständigkeit der Schulen, damit sie eben auch für ihre Kinder in dieser Schule den Unterricht optimal gestalten können.

Meurer: Werden nationale Bildungsstandards die Schulen nicht zusätzlich einengen?

Bulmahn: Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall, weil Standards eben nicht Stoff beschreiben, also nicht beschreiben, zu welchem Zeitpunkt man welchen Inhalt zu vermitteln hat, sondern, wenn Sie wollen, Zielvorgaben geben für bestimmte zeitliche Phasen, was man zum Beispiel am Ende des vierten Schuljahres im Fach Mathematik können muss, welche Rechenoperationen durchgeführt werden müssen. Und das gibt den Schulen erheblich mehr Freiheit, denn die heutigen Lehrpläne schreiben sehr im Detail vor, mit welchen Aufgabenstellungen, mit welcher Lektüre sie arbeiten müssen. Das wird dann alles nicht mehr in Lehrplänen vorgegeben werden, sondern es werden, wie gesagt, knappe präzise Standards gesetzt, und die Schulen haben erheblich mehr Freiheit, sicherlich damit auch eine ganz große Verantwortung für Kinder, diese Standards dann auch zu erreichen, und da muss man auch unterschiedlich vorgehen können, weil Kinder auch unterschiedlich sind.

Meurer: Wann werden denn die nationalen Bildungsstandards kommen?

Bulmahn: Die Kultusministerkonferenz und die Bundesregierung gehen davon aus, dass die Bildungsstandards im Jahre 2004 beginnen können, nicht sofort in allen Fächern, sondern zunächst in einigen Kernfächern. Ich selber habe bereits eine Wissenschaftlergruppe mit der Erarbeitung von Bildungsstandards beauftragt, um hier auch die notwendige wissenschaftliche Unterstützung zu geben, denn dieses sind Standards, die von Seiten der Wissenschaften und der Unterrichtspraktiker erarbeitet werden müssen.

Meurer: Noch ein Blick auf die Hochschulen: Die OECD konstatiert in ihrer Studie, dass es in Deutschland pro Jahrgang mehr Studierende an den Universitäten gibt, aber immer noch nicht genug. Fühlen Sie sich bestätigt oder kritisiert in dieser Hinsicht?

Bulmahn: Ich fühle mich bestätigt, denn wir haben deutliche Fortschritte an den Hochschulen erreicht. Das stellt die OECD-Studie auch fest. Ich habe immer darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland mehr sehr gut qualifizierte Menschen brauchen. Das weisen alle Vergleiche mit anderen Ländern auch. Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Bildungsstandard, und es gibt auch einen ganz klaren Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum, Chancen von Volkswirtschaften und dem Bildungsstand der Bevölkerung, und es ist deshalb ganz klar, dass wir mehr gut qualifizierte Menschen brauchen, sowohl über den Weg der beruflichen Ausbildung als auch über die Hochschule, und hier haben wir Erfolge festzustellen, das ist das Ergebnis der Politik der Bundesregierung, Bafög-Reform, mit der wir endlich wieder Jugendliche aus finanzschwächeren Familien das Studium ermöglicht haben, aber auch zum Beispiel Reformen in der Professorenbesoldung, Evaluierung von Lehre und Forschung. Das zeigt jetzt Wirkung, und das wird sich ganz sicherlich in den nächsten Jahren auch noch verstärkt zeigen.

Meurer: Was sagen Sie den Kritikern, die meinen, so viele Studenten brauchen wir gar nicht, die Jugendlichen sollen lieber eine Berufsausbildung machen als an die Uni zu gehen?

Bulmahn: Erstens sage ich, es ist eine völlig überholte Vorstellung zu glauben, dass wir mit einem niedrigeren Bildungsniveau wirklich international mithalten können. Zweitens sage ich den Kritikern, dass es kein Gegensatz ist zwischen beruflicher und Hochschulausbildung. Ich möchte im Gegenteil, dass noch mehr Jugendliche zum Beispiel die Möglichkeit einer parallelen Hochschul- und beruflichen Ausbildung nutzen, auch zum Beispiel mit einer Berufsausbildung an die Hochschule weiterzugehen. Wir brauchen viele Menschen mit einem sehr guten Bildungsabschluss, mit einer sehr hohen Qualifikation, und es ist nachrangig, über welchen Weg diese Qualifikation erworben wird. Entscheidend ist das Niveau der Qualifikation, und da werde ich auch nicht nachlassen.

Meurer: Vielen Dank für das Gespräch.

Link: Interview als RealAudio

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