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StartseiteBüchermarktMänner dominieren den Literaturbetrieb05.10.2018

Neue Studie Männer dominieren den Literaturbetrieb

Zwei Drittel aller Feuilleton-Rezensionen beschäftigen sich mit Büchern von Autoren. Männer schreiben vor allem über Männer. Und sie bekommen mehr Raum für ihre Kritiken als Rezensentinnen. Das sind einige Ergebnisse einer aktuellen Studie. Aber wie männerdominiert ist der Literaturbetrieb wirklich?

Von Gisa Funck

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Mehrere Bücher liegen auf drei Stapeln nebeneinander. (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)
Zwei Drittel aller Feuilletonrezensionen besprechen Bücher von Männern, belegt die Studie des Projekts #frauenzählen (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)
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Eigentlich dachte man als Bücherfreundin ja, man käme um eine MeToo-Debatte im Literaturbetrieb herum. Schließlich: Ein Frauen-Unterdrücker, der gleichzeitig gern Bücher liest? Nee, so jemand ist für viele in Deutschland immer noch sehr schwer vorstellbar. Wer seine Nase regelmäßig zwischen zwei Buchdeckel steckt, also regelmäßig neue Gedanken und Bildung in sich aufsaugt, der muss doch – so ein verbreiteter Irrglaube – auch ein besserer Mensch sein. Und die Bücherwelt somit auch eine bessere Welt. Und eben auch eine gleichberechtigte.

Doch weit gefehlt! Denn schon seit Jahren belegen Untersuchungen immer wieder, wie ungerecht es in Wahrheit auch in der angeblich so hehren, schöngeistigen, deutschen Literaturwelt zwischen den Geschlechtern zugeht. Und die neue Studie des Projekts "Frauenzählen" passt da bestens ins Bild. Sie besagt, dass Autorinnen in der deutschen Literaturberichterstattung offenbar massiv benachteiligt werden.

Zum Beweis dafür ergehen sich die Initiatorinnen dann gar nicht erst langatmig in Gender-Überlegungen, sondern haben einfach nur mal ganz praktisch nachgezählt. Nämlich einfach aufgelistet, welche Bücher von wem im Monat März 2018 eigentlich in deutschen Medien besprochen wurden.

Doppelt so viele Bücher von Männern wie von Frauen

Und siehe da: Es waren in diesen vier März-Wochen rund doppelt so viele Bücher von Männern wie von Frauen. Hinzu kam, dass männliche Rezensenten deutlich mehr Platz als Rezensentinnen zugebilligt bekamen. Und Männer wiederum auch meistens Bücher von Männern besprachen.

Das Projekt #frauenzählen dokumentiert in seiner Pilotstudie die Sichtbarkeit von Frauen in Rezensionen und Literaturkritiken (Diagramm: Institut für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät Universität Rostock / www.frauenzählen.de / Gerda Bergs)Das Projekt #frauenzählen dokumentiert in seiner Pilotstudie die Sichtbarkeit von Frauen in Rezensionen und Literaturkritiken (Diagramm: Institut für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät Universität Rostock / www.frauenzählen.de / Gerda Bergs)
Was aber bedeutet das jetzt? Oder anders gefragt: Ist dieses Ergebnis einer deutlichen Männer-Bevorzugung im Literaturjournalismus nun wirklich gleich ein Skandal, wie die Initiatorinnen der Studie suggerieren? Nein, das wohl eher doch nicht.

Denn erstens sind vier Wochen Untersuchungszeitraum zu wenig repräsentativ für ein valides Forschungsergebnis. Und zweitens zeigen die Jury-Entscheidungen bei den wichtigen deutschen Literaturpreisen gerade, dass es um die Frauenliteratur hierzulande keineswegs schlecht bestellt ist. Im Gegenteil: Die aktuelle Büchner-Preisträgerin heißt Terezia Mora. Die aktuelle Wilhelm-Raabe-Preisträgerin Judith Schalansky. Den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann in diesem Jahr Tanja Maljartschuk. Und die Shortlist des Deutschen Buchpreises, sie ist mit vier Autorinnen gegenüber zwei Autoren ebenfalls durchaus frauenfreundlich besetzt.

Männer sind die maßgeblichen Literaturkritiker

Also, letztlich alles nur heiße Luft bei der Klage über einen allzu Männer-dominierten Literaturbetrieb? Nein, das nun wiederum auch nicht! Dafür reicht schon ein kurzer Blick in die deutschen Literaturredaktionen. Die nämlich werden immer noch hauptsächlich von Männern geleitet. Und es sind ebenfalls vorwiegend Männer, die hierzulande als maßgebliche Literaturkritiker wahrgenommen werden.

Woran das liegt?! Ob an fortbestehenden patriarchalen Strukturen der Medienhäuser oder am stressig-familienunfreundlichen Journalistenalltag? Oder vielleicht doch auch am mangelndem Zutrauen und fehlender Durchsetzungskraft von Literaturkritikerinnen?! All’ das wäre weiterer interessanter Fragestoff für künftige Forschungsstudien. Doch Tatsache ist: Die Literatur-Deutungsmacht, sie liegt in Deutschland immer noch klar in Männerhand. Und das, obwohl Bücherlesen hierzulande, statistisch betrachtet, schon lange eine Frauendomäne ist und zunehmend mehr Schriftstellerinnen die großen deutschen Literaturpreise einheimsen. Umso mehr ist das Studienergebnis des Projekts "frauenzählen" alarmierend – und in der Tat beklagenswert.

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