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Startseite@mediasresSubjektiver Journalismus ist "nicht schlechter"04.08.2020

Neue "taz"-Co-ChefredakteurinSubjektiver Journalismus ist "nicht schlechter"

Die Berliner Tageszeitung "taz" versteht sich als dezidiert links. Die neue Co-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann hält das nicht für problematisch. Im Dlf sagte sie, die "taz" habe immer schon auch subjektiven Journalismus gemacht und der Leserschaft einen anderen Blickwinkel angeboten.

Ulrike Winkelmann im Gespräch mit Christoph Sterz / Text: Nina Magoley

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Ulrike Winkelmann, taz-Chefredakteurin (tageszeitung/Jörn Neumann)
"Voller Idealismus": Die neue "taz"-Chefredakteurin Ulrike Winkelmann (tageszeitung/Jörn Neumann)
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Die Tageszeitung "taz" reklamiert für sich, die erste Zeitung in Deutschland gewesen zu sein, "die Feministisches wirklich ernst nahm und daraus eine für andere Medien vorbildliche Publizistik entwickelte". Zwar gab es bereits Chefredakteurinnen, nie aber bestand die gesamte Redaktionsspitze nur aus Frauen. Jetzt ist neben Barbara Junge auch Ulrike Winkelmann Chefredakteurin. 

Barbara Junge, Tageszeitung, Chefredakteurin (tageszeitung/David Oliveira)Doppelspitze: "taz"-Co-Chefin Barbara Junge (tageszeitung/David Oliveira)

Bereits am 1. Mai hatte Barbara Junge, zuvor stellvertretende Chefredakteurin, den Chefposten von Georg Löwisch übernommen.

Mit der neuen Doppelspitze werde künftig "ein starkes Frauenduo die Geschicke der "taz"-Redaktion lenken", sagte Vorstandsmitglied Pascal Beucker. Stellvertretende Chefredakteurin ist und bleibt Katrin Gottschalk, die auch die Leitung der digitalen Produktentwicklung übernimmt.

Zurück zu den Wurzeln

Ulrike Winkelmann kehrt mit diesem Schritt zu ihren journalistischen Wurzeln zurück: Nach ihrem Volontariat in der Hamburger "taz"-Redaktion war die studierte Gemanistin und Politikwissenschaftlerin viele Jahre Redakteurin für Sozialpolitik und Parlamentskorrespondentin in der Hauptredaktion in Berlin.

2014 ging es zum Deutschlandfunk nach Köln. Als politische Redakteurin war Winkelmann Autorin zahlreicher Folgen der Sendung "Hintergrund" – bis das Angebot der "taz"-Chefredaktion kam. Es gebe für sie "keine Zeitung, kein Medium wie die 'taz': so voller Idealismus, so lebendig und menschlich", hatte sie ihre Entscheidung, wieder in die berufliche Heimat zurückzukehren, im April begründet.

"Männer verändern sich auch"

Dabei sei das Ziel bei der "taz" "natürlich das gemischte Team", betont Ulrike Winkelmann im @mediasres-Interview. Eine rein weibliche Führungsspitze sei nur eine Etappe. Frauen brächten vielleicht noch mehr Talente mit als Männer, "um einen Laden wie die taz zu führen", so Winkelmann, aber das müsse gar nicht so bleiben, denn: "Männer verändern sich ja auch."

Das Gebäude der "taz" in Berlin-Mitte (picture alliance/Sven Braun/dpa)Das Gebäude der "taz" in Berlin-Mitte (picture alliance/Sven Braun/dpa)

Die 1978 in Berlin gegründete taz gilt als linke, kritische, "grüne" Tageszeitung. Ihre Auflage liegt derzeit bei etwas mehr als 51.000 Exemplaren, wobei der Anteil der Abonnenten mit 78 Prozent vergleichsweise hoch ist. Regelmäßig liegt der "taz" die deutsche Ausgabe der französischen Monatszeitung "Le Monde diplomatique" bei.

Neue Leserschichten zu erreichen bleibe "eine Daueraufgabe", sagt Winkelmann. Sie sehe die taz da aber auf einem guten Weg - der "reine Aktivismus-Journalismus" sei schon lange Vergangenheit. Die "taz" habe sehr früh die Bedeutung des Themas Klima entdeckt, "und wir freuen uns, dass das jetzt vielen anderen auch so geht".

Für das bevorstehende Wahljahr erhoffe sie sich, dass viele Leser entdecken, "dass bei uns dazu die interessantesten Details stehen, dass wir dazu vertiefte Einsichten liefern". Aber auch die Folgen der Coronakrise stünden auf der Agenda der Zeitung: Der jetzt drohende wirtschaftliche Einbruch werde viele Umverteilungs- und Gerechtigkeitsfragen aufwerfen, denen sich die "taz" widmen wolle.

Objektivität hält Winkelmann für ein schwieriges Wort im Journalismus. Die "taz" habe immer schon Haltung bezogen und auch subjektiven Journalismus gemacht, "aber dadurch ist der Journalismus nicht schlechter". Man mache dem Leser "ein Angebot, die Welt so zu sehen". Das heiße nicht, dass die Fakten falsch seien, "vielleicht helfen sie sogar, die Welt besser zu verstehen".

Geerbt: Ärger wegen Polizei-Kolumne 

Heftige Kritik musste sich die "taz" zuletzt gefallen lassen, nachdem es in einer Kolumne geheißen hatte, dass Polizisten auf der Müllhalde entsorgt werden könnten. Reaktionen darauf hatte es bis in die Bundespolitik gegeben - mit denen Ulrike Winkelmann als neue Co-Chefin noch zu tun haben wird.

Die Debatte darüber habe auch innerhalb der Redaktion hohe Wellen geschlagen, räumt sie ein. Doch das daraus gewonnene "Diskussionspotential" habe sich in der Zeitung bereits abgebildet - so zum Thema Identitätspolitik oder darüber, was Rassismus in der Polizei bedeutet und wie es komme, "dass viele Leute einen nicht ganz neutralen oder vielleicht sogar realistischeren Blick auf die Polizei haben".

Man wolle die Debatte nun "produktiv wenden": Vielleicht könne die "taz" eine Zeitung sein, die stellvertretend für andere "offen darüber reden kann, was wir unter Freiheit von Diskriminierung verstehen", inwiefern man schwarze Menschen und anderen Migranten "personalpolitisch zu mehr Repräsentanz verhilft".

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