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StartseiteForschung aktuell"Picassoisieren" statt Verpixeln11.10.2018

Neue Technik zur Anonymisierung "Picassoisieren" statt Verpixeln

Menschen, die in TV-Interviews nicht erkannt werden wollen, werden oft verpixelt. Forscher arbeiten an einer neuen Methode, um Gesichter unkenntlich zu machen - mit einer Art "Picassoisierung". Damit bleiben die Menschen weiterhin anonym, allerdings können ihre Gefühle im Gesicht gezeigt werden.

Von Thomas Reintjes

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André E.'s Kopf ist verpixelt, dahinter sitzt ein Mann im weißen Hemd. (Tobias Hase / dpa)
Eine neue Technik könnte die Verpixelung von Gesichtern ablösen. (Tobias Hase / dpa)
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Das Video auf der Website des Forschungsprojekts ist ziemlich eindrucksvoll. Ein Schauspieler spielt darin einen Sportler, der erzählt, wie er gedopt hat. Zuerst sieht man sein Gesicht, dann wird es verpixelt, wodurch jegliche Mimik verschwindet. Ob er reuig zu Boden blickt oder ängstlich in die Kamera schaut, ist nicht mehr zu erkennen. Nur die Gestik der Hände, die Körpersprache bleibt sichtbar.

Dann die neue Technik: Der Sportler sieht aus wie gemalt. Die groben Gesichtszüge sind wieder zu sehen, er sieht wieder menschlich aus. Ein Computersystem hat jedes Einzelbild des Videos in ein Gemälde verwandelt. Es greift auf frühere Arbeiten der Forschungsgruppe zurück, die von Steve DiPaola an der Simon Fraser University in Vancouver geleitet wird.

"Künstler erfassen nicht nur das äußere Erscheinungsbild eines Modells, sondern auch dessen Inneres, sodass Leute sagen: 'Oh, das sieht dir nicht nur ähnlich, sondern du bist richtig gut eingefangen.' Ich habe viele Arbeiten dazu gemacht, die zeigen, dass das keine Magie ist, sondern dass sie visuelle Techniken benutzen, die ich dokumentiert habe."

Gefühle der Menschen werden sichtbar

Deshalb wollte Steve DiPaola Menschen nicht durch Avatare oder Computerspielfiguren ersetzen, um sie zu anonymisieren. Die wirken oft roboterhaft und gefühllos. In der künstlerischen Repräsentation eines Menschen könne hingegen gerade die innere Gefühlslage stärker hervorgehoben werden, während das äußere Erscheinungsbild gedämpft werde. Das erreichen die Wissenschaftler mit einer Reihe von Computerprogrammen mit Künstlicher Intelligenz.

Das Herzstück ist ein System, das hunderte Jahre Kunstgeschichte gelernt hat. Zuerst wird aber das Original-Video verfälscht, damit die Person später nicht identifiziert werden kann. Die Gesichtsform wird leicht geändert, außerdem werden Größe und Abstand der Augen manipuliert. Danach verändert ein Computersystem das Gesicht noch einmal zufallsbasiert. Im nächsten Anonymisierungsschritt kommt dann erstmals Kunst zum Einsatz:

"Wir nutzen eine kubistische Analysetechnik, wie Picasso. Wir glauben, das ist die Maltechnik, die Anonymisierung am besten garantiert. Wir verwandeln große Bereiche in einfarbige Flächen und ändern die Daten somit stark. Man könnte sagen, wir picassoisieren das Bild."

Das Gemälde "Femme au béret et à la robe quadrillée (Marie-Thérèse Walter)" von Pablo Picasso (imago stock&people)Gesichter sollen durch den Einsatz von Flächen anonymisiert werden - abgeguckt haben die Forscher das bei Picasso und den Kubisten. (imago stock&people)

Forscher arbeiten an Darstellung der Augen

Dann kommt schließlich die Künstliche Intelligenz zum Einsatz, die dem Bild einen bestimmten Stil verpasst, sodass es mehr nach Van Gogh oder mehr nach Rembrandt aussieht. Das Ergebnis ist gut, aber noch nicht perfekt. Die sprechenden Personen sind als Menschen erkennbar und die Darstellung vermittelt mehr Emotionen als nichtssagende Pixel. Aber umso mehr vermisst man als Betrachter Details: Insbesondere die Augen sind in den Bildern nicht besonders ausdrucksstark.

"Wir arbeiten daran, die Augen normaler aussehen zu lassen. Wir wissen noch nicht genau, wie wir es hinbekommen, dass das zu der Kunst-Ästhetik passt, aber wir denken, wir können es schaffen. In die Richtung wollen wir weiterarbeiten."

Letztendlich hofft Steve DiPaola, dass ein Unternehmen die Technik fertig entwickelt und vielleicht in ein zwei Jahren als Plugin für Videoschnitt-Software auf den Markt bringt. Und was ist mit Radio? An einer künstlichen Intelligenz, die Stimmen anonymisieren kann, arbeiten die Forscher ebenfalls. Dabei den richtigen Ausdruck zu treffen, sei aber schwieriger.

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