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StartseiteKultur heuteNeue Töne aus Gran Canaria?06.02.2004

Neue Töne aus Gran Canaria?

Eine Uraufführung von Aribert Reimann und andere Eindrücke vom Avantgarde-Musikfestival

<strong> Spätestens seitdem Luciano Berios Schlussakte von Puccinis unvollendet gebliebenen Turandot vor zwei Jahren in Las Palmas uraufgeführt wurde, ist man auch in Deutschland auf das Musikfestival auf den Kanaren aufmerksam geworden. Dort soll nun das Aribert Reimanns Stück "Tarde" mit dem Staatsorchester Stuttgart uraufgeführt werden. Aribert Reimann gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten in Deutschland. Als Opernkomponist mit Werken wie "Das Schloss" und "Troades" fand er internationale Anerkennung.</strong>

Von Susanne Lettenbauer

Auditorio de Tenerife in Santa Cruz (auditoriodetenerife.com)
Auditorio de Tenerife in Santa Cruz (auditoriodetenerife.com)

Mit Macht ist das 21. Jahrhundert in Gestalt des National-Architekten Santiago Calatrava in die 200.000-Einwohner-Stadt Santa Cruz eingezogen. Der Star-Architekt, der die dritte Brücke von Venedig bauen soll, den Bahnhof von Luzern umgestaltete und ein neues Opernhaus für Atlanta hinstellt, durfte nach seinem Messebau im vergangenen September die Einweihung seines 2. Werkes, des 72 Millionen Euro teuren "Auditorio de Tenerife" feiern – und damit die endgültige Weihe von Santa Cruz zur Weltkulturstadt vollziehen. Vier ungeplant lange Jahre dauerte die Fertigstellung des Konzerthauses, und noch immer ziehen sich Absperrseile um das Haus. Als würde ein Rochen in den Atlantik tauchen, so wirkt das ovale Gebäude mit dem überdimensionalen, spitz zulaufendem Dachsegel, dessen Statik erst nach dem zweiten Bruch den momentanen Sandstürmen aus der 60 Kilometer entfernten Sahara trotzt.

Calatravas nach oben spitz zulaufender Konzertsaal kann mit der spektakulären Außenhülle dagegen wenig mithalten. Die Orchester des diesjährigen Festivals wie das Philharmonische Orchester Mailands, das Ensemble des Petersburger Marinskitheaters und das Staatsorchester Stuttgart brauchten eine Zeit um sich an die Akustik des Konzert-"Domes" zu gewöhnen. Der Chef der Stuttgarter Staatsoper Klaus Zehelein, eigens mit 130 Ensemblemitgliedern zur Vorstellung des neuen Werkes von Aribert Reimann angereist, besticht durch stoische Contenance angesichts der indifferenten Klangfülle. Doch der diesjährige Composer in Residence, Aribert Reimann, ist überglücklich.

Reimann ist kein Neuling auf den Vulkaninseln. Bereits seine Oper Troades, 1986 in München uraufgeführt, entstand zu großen Teilen auf Lanzarote, der Schwesterinsel im Osten. Keine Frage für ihn also, alle sonstigen Kompositionsiden für das kanarische Auftragswerk stehen und liegen zu lassen.

Mit dem 25-minütigen Werk für Sopran und Orchester mit dem Titel "Tarde" betrat Reimann - wie er freimütig bekennt - Neuland. Seit ihn Erna Berger, eine Sängerin aus den 40er Jahren als Kind tief beeindruckte schwebte ihm eine Komposition für Sopran ohne Worte vor. Er wollte der weiblichen Stimme ein wortloses Denkmal zu setzen. Das Ergebnis ist recht mystisch angehaucht. Es geht um den Ur-Menschen auf einer von innen heraus leuchtenden Erde. Einfühlsam von Lothar Zagrosek dirigiert. Seiner ehemaligen Schülerin und Sängerin der UA Claudia Barainsky ist das Werk gewidmet.

Das Engagement der Canarios für zeitgenössische Musik, der Bau des spektakulären Musikkathedrale am Meer bestätigt in beeindruckender Weise den politischen Willen der Regionalregierung, in Zukunft statt mit touristischer Quantität nur noch mit kultureller Qualität, sprich Dirigenten wie Riccardo Chailly, Riccardo Muti, Carlos Kleiber oder Valery Gergiev auf sich aufmerksam zu machen. Juan Manuel Castañeda:

Wir haben einen unglaublichen Andrang von Besuchern, die das neue Auditorio sehen wollen. Es wurde zwar erst im Septembereröffnet, deshalb können wir noch nicht soviel zur Auslastung sagen. Aber seit wir das neue Haus haben hat sich das Sitzplatzangebot gegenüber unserem Theater, der früheren Spielstätte mit 850 Plätzen, verdoppelt. Trotzdem ist fast jedes Konzert des diesjährigen Festivals ausverkauft. Wir sollten natürlich warten wie sich der Ruf des Auditorios im Ausland verbreitet, aber mit den jährlich 12 Millionen Besuchern pro Jahr bekommen wir langfristig Umweltprobleme.

Bei der Förderung der zeitgenössischen Musik auf den kanarischen Inseln würde sogar Stuttgarts Staatsintendant Klaus Zehelein den Kulturminister unterstützen. Seit er mit eigenen Augen das weißglänzende, futuristische Konzerthaus gesehen hat, weiß er, dass hier Ernst gemacht wird mit Zukunftsvisionen.

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