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StartseiteCampus & KarriereBetsy DeVos "hat sich nicht wirklich positioniert"18.01.2017

Neue US-Bildungsministerin Betsy DeVos "hat sich nicht wirklich positioniert"

Heiße Eisen gibt es im amerikanischen Bildungssystem viele. Welche die designierte US-Bildungsministerin Betsy DeVos anpacken will, sei auch nach ihrer Anhörung vor dem Senat unklar, sagte Rüdiger Bachmann, Professor an der University of Notre Dame in Indiana, im DLF. Sie habe sich beispielsweise beim Thema Studiengebühren nicht positioniert.

Rüdiger Bachmann im Gespräch mit Benedikt Schulz

(picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Donald Trump hatte Betsy DeVos im November als seine Bildungsministerin nominiert. Sie ist auf der nationalen Ebene bislang kaum in Erscheinung getreten (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
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Benedikt Schulz: Übermorgen, am Freitag, ist die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Donald Trump, und in diesen Tagen finden die Anhörungen vor den entsprechenden Ausschüssen des US-Senats für sein Kabinett statt. Solche Anhörungen können Stunden dauern. Gestern – beziehungsweise nach deutscher Zeit heute Nacht – war Betsy DeVos dran. Die 59-Jährige soll Bildungsministerin der USA werden. Sie gilt als Anhängerin eines starken Privatschulsystems und als Gegnerin von zentraler staatlicher Kontrolle, aber was sie vorhat und wofür sie wirklich steht, hat sie vor der Anhörung nicht preisgegeben, aber gestern musste sie Farbe bekennen.

Darüber will ich sprechen mit Rüdiger Bachmann, er ist Professor an der University of Notre Dame in Indiana, und dort in seinem Büro erreichen wir ihn. Hallo, Herr Bachmann!

Rüdiger Bachmann: Guten Morgen! Bei mir guten Morgen!

Schulz: Sprechen wir über Betsy DeVos – was ist das für eine zukünftige Bildungsministerin?

Bachmann: Tja, das ist, wie alle Trump-Appointees, eine sehr reiche Frau, die zumindest reich geheiratet hat, mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater  gehören zu den hundert - also ihr Schwiegervater, glaube ich, gehört zu den hundert reichsten Männern der USA, lebt in Michigan, war eine Zeit lang auch im Staat Michigan sehr politisch aktiv für die republikanische Partei, und da war eben der Etat ihr Hauptprogramm, und deswegen ist sie vermutlich auch gewählt worden von Trump, eben ein Engagement, im Bildungsbereich mehr Privatschulen – school choice wie das in den USA heißt –, also mehr Auswahl den Eltern zu geben, denn in den USA ist es tatsächlich so, wenn man auf öffentliche Schulen geht, ist das sehr abhängig davon, wo man wohnt.

Man muss dann also in die Schule gehen, also in die öffentliche Schule gehen, die zu einem sogenannten school district, also Schulbereich, gehört, und wenn es dann keine privaten oder semiprivaten Alternativen gibt, ist man abhängig davon, wie eben diese Schule da vor Ort, wie gut die ist, und da sind vor allen Dingen die Republikaner immer sehr dafür, da wegzukommen und den Eltern eben mehr Auswahl zu geben, und da war sie in meinem Heimatstaat Michigan führend eine Zeit lang.

Sie war eigentlich – muss man auch dazu sagen –, sie war eigentlich keine Trump-Befürworterin im Wahlkampf, sie war eigentlich eher hinter den Mainstreamkandidaten – Rubio, glaube ich, jetzt zum Schluss –, sie hat auch sogar nicht unbedingt positiv über Trump gesprochen während des Wahlkampfs, was es umso überraschender macht, dass er sie am Ende berufen hat, denn er gilt ja nicht gerade als einer, der großmütig verzeihen kann.

"Sie hat sich nicht wirklich positioniert"

Schulz: Lassen Sie uns über Studiengebühren reden: Es war ja eines der wenigen bildungspolitischen Themen, die im US-Wahlkampf eine wirkliche Rolle gespielt haben. Wie hat sie sich denn da positioniert?

Bachmann: Ja, sie hat in der Anhörung - Bernie Sanders hat sie gefragt – das war ja eines seiner großen Themen neben "free college", also Studiengebühren im Grunde abzuschaffen, zumindest für die öffentlichen Universitäten oder für einige öffentliche Universitäten –, da hat sie sozusagen sich nicht wirklich positioniert. Sie hat gesagt, das ist eine interessante Idee, aber letztlich kostet, irgendjemand muss es dann doch bezahlen. Das kostet immer irgendwas, wofür ich natürlich als Ökonom durchaus Sympathien habe. Das ist natürlich so.

Scheinbar freie, kostenlose Dinge sind eben nie kostenlos. Es kommt immer drauf an, wer diese Sachen zahlt. Also damit hat sie recht, aber sie hat jetzt nicht wirklich … da war sie, glaube ich – jedenfalls soweit ich das verfolgt habe –, hat sie sich nicht wirklich positioniert.

Ich sehe auch nicht, dass sie das wirklich entscheiden wird können, denn die Universitäten, die öffentlichen Universitäten in den USA sind ja in Abhängigkeit der Bundesstaaten, werden von den Bundesstaaten bezahlt, beaufsichtigt, und ich sehe nicht, wie sie da als sozusagen Bundesministerin für Erziehung da wirklich Macht hätte, das in irgendeiner Form zu beeinflussen.

Ausgleich im öffentlichen Schulsystem

Schulz: Vielleicht können Sie das in aller Kürze zusammenfassen und sagen, was sind denn so grundsätzliche Baustellen, die angegangen werden müssten im US-Bildungssystem?

Bachmann: Na ja, auf der Schulebene sicher die Finanzierung, die eben abhängig ist von lokalen Steuern, das heißt, tendenziell reiche Gebiete haben eben gute Schulen. Da gibt es meiner Meinung nach noch zu wenig Ausgleich, auch von dem öffentlichen Schulsystem. Es gibt wirklich absolut katastrophale öffentliche Schulen in den USA. Es gibt auch fantastische Schulen in den USA, je nachdem, wo man halt wohnt, und dass man da Leute, die dann im Ghetto wohnen, da auch noch zu verdammt, in Ghettoschulen zu gehen, ist natürlich in der Tat eine katastrophale öffentliche Politik.

Da haben die Republikaner und auch Frau DeVos schon recht, dass man da Alternativen aufzeigen muss. Ob das jetzt immer privat sein muss, ist noch mal eine zweite Frage, aber das muss sicher angegangen werden. Ob das die Trump-Administration macht, da habe ich meine Zweifel. Ich glaube einfach nicht, dass Bildung groß auf dem Tablett steht, aber das muss man abwarten, wie so Vieles bei ihm.

Wie College- und Universitätsausbildung erschwinglich bleibt

Auf der Universitätsseite hoffe ich, würde ich mir wünschen, einerseits natürlich, dass man sich überlegt, wie sozusagen erschwinglich College und Universitätsausbildung weiter bleibt, gibt es jedenfalls öffentliche Alternativen, die erschwinglich bleiben, wie versucht man das über - muss es immer über Studienkredite sein oder kann man zum Beispiel Studienkredite auch darüber vergeben, dass man das vielleicht über eine nachgelagerte Akademikersteuer macht. Das sind Fragen, über die meiner Meinung nach zumindest nachgedacht werden sollten, und das ist durchaus für viele junge Leute heute ein Problem.

Der andere Punkt, wo ich mir in der Tat ein bisschen was hoffe, ist sozusagen der doch etwas unglückliche und sehr stark ideologische Druck der Obama-Administration auf die Universitäten, was den Komplex von sexual assault, safe spaces, political correctness angeht. Da wurde einfach, glaube ich, zu stark die Schrauben angezogen aus ideologischen Gründen von der Obama-Administration. Da hat man den Universitäten Dinge aufgelastet, die sie einfach nicht leisten können. Also die müssen im Grunde genommen Polizei- und Gerichtsarbeit leisten, was die Aufklärung von Sexual-assault-Fällen angeht, die eigentlich in das Polizei- und Justizsystem gehören. Das scheint mir keine gute Entwicklung zu sein.

Wenn die Republikaner da ein bisschen die Sache wieder rausnehmen und dahin tun, wo es gehört, nämlich ins Justizsystem, und generell einfach eine bessere Unterstützung, sagen wir mal, für free speech, für robuste Argumentation auch dann, auch wenn einem das nicht immer gefällt, auch wenn man sich da manchmal beleidigt fühlt, an den Universitäten, wenn das wieder ein Ort wird, das würde ich mir wünschen. Ob die das machen werden, weiß man nicht.

Schulz: Herr Bachmann, viele Dank! Die designierte US-Bildungsministerin wurde gestern vor dem US-Senat angehört. Darüber habe ich gesprochen mit Rüdiger Bachmann, Professor an der University of Notre Dame in Indiana. Dankeschön!

Bachmann: Ich bedanke mich auch, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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