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StartseiteSport am WochenendeNeue Verdachtsmomente13.05.2011

Neue Verdachtsmomente

UCI-Geheimliste über dopingverdächtige Radprofis veröffentlicht

Die französische Sportzeitung "L'Equipe" – in letzter Zeit relativ zahm geworden, was die Berichterstattung über Doping angeht – hat heute wieder einmal zugeschlagen und eine geheime Liste der internationalen Radsportunion UCI über Dopingverdacht hinsichtlich aller 198 Teilnehmer der Tour de France 2010 veröffentlicht.

Von Hans Woller

Der US-amerikanische Radprofi Lance Armstrong. Sein RadioShack-Team steht unter größtem Dopingverdacht. (AP)
Der US-amerikanische Radprofi Lance Armstrong. Sein RadioShack-Team steht unter größtem Dopingverdacht. (AP)

Die Fahrer wurden dabei nach einem Index bewertet, der von 0 (für unverdächtig) bis 10 (für sehr verdächtig) reicht und für die UCI und die unabhängigen Experten der Welt-Antidoping-Agentur WADA bestimmt war, um bei der Frankreichrundfahrt 2010 möglichst gezielte Dopingkontrollen vornehmen zu können. Die UCI hat die Existenz dieser Liste bestätigt, ihre Veröffentlichung allerdings scharf kritisiert.

Die Liste ist von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Dopinglabors in Lausanne erstellt worden. Sie ist kein Inventar von Schuldigen und Dopingsündern, aber ein interessantes Arbeitsdokument, dessen Grundlage die Blutpässe der Radprofis waren, sowie die Bluttests zu Beginn der Tour 2010.

Die beiden suspektesten Teilnehmer mit der Note 10 waren der Russe Jaroslaw Popovich und der Spanier Carlos Barredo, gleich dahinter, mit der Note 9, der Tour-Dritte von 2010, Denis Menchov. Sehr verdächtig auch mehrere deutsche Spitzenfahrer: Das Blutbild von Daniele Hondo wurde mit der Ziffer 8 bewertet, das von Andreas Klöden und Tony Martin mit 7, Linus Gerdemann und Christian Knees liegen bei 6 - noch vor Alberto Contador, der es auf 5 bringt.

Für viele der Radprofis enthält der Index auch eine Reihe von angeblich sehr präzisen Anmerkungen, die von L'Equipe allerdings nicht veröffentlicht wurden. Jedoch, so der Autor des Artikels, seien diese Kommentare über 42 Fahrer mit den Noten 5 bis 10 zum Teil niederschmetternd - von immer wiederkehrenden abnormalen Blutbildern, von enormen Veränderungen bei gewissen Werten und von Gebrauch von Dopingmitteln und der Art der Verabreichung sei da die Rede.
Was die Teams angeht, so ist ihre Rangordnung kaum überraschend: Unter größtem Verdacht stehen Lance Armstrongs RadioShack und Alberto Contadors Astana Team, am besten platziert sind vier französische Mannschaften und das Garmin Team, die allesamt der "Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport" angehören. Der Teammanager und französische Exprofi Jean René Bernaudeau:

"Man sieht in diesen Statistiken ziemlich klar, dass die Teams, die sich die Mittel gegeben haben und wirklich gegen Doping kämpfen wollen, weniger verdächtig sind."

Die Liste bestätigt in gewisser Weise auch, was angesichts der seit Jahren schlechten sportlichen Ergebnisse der französischen Radprofis vermutet wurde: Frankreichs Fahrer sind überwiegend sauber, die Hälfte ihres Kontingents erhielt die Note null.

Entsprechend liegt auch, nach Ländern geordnet, Frankreich auf der Liste knapp vor Holland auf Platz 1, weit unten rangieren Spanien und Italien, ganz am Ende osteuropäische Länder wie Russland und Kasachstan. Die Reaktion von Tour de France Direktor Prudhomme auf die Veröffentlichung der Liste fiel eher knapp aus:

"Der Blutpass ist ein Plus im Kampf gegen Doping, mehr hab ich dazu nicht zu sagen."

Dabei bleibt allerdings eine wichtige Frage unbeantwortet: Wenn dieser Index erstellt wurde, um verdächtige Fahrer gezielt zu kontrollieren, warum fielen dann bei der Tour de France 2010, mit Ausnahme des Sonderfalls Contador, sämtliche Dopingtests negativ aus?

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