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StartseiteForschung aktuellLaserkanonen fürs Schlachtfeld22.02.2018

Neue WaffentechnologieLaserkanonen fürs Schlachtfeld

Die technologischen Hürden sind gemeistert: In fünf bis zehn Jahren könnten Laserkanonen eingesetzt werden, um Drohnen oder Mörsergranaten vom Himmel zu holen. Untersucht wird nun, welche möglichen Kollateralschäden drohen.

Ralf Krauter im Gespräch mit Arndt Reuning

Eine Laserkanone wurde 2013 zu Testzwecken auf dem Lenkwaffen-Zerstörer "USS Dewey" installiert. (US Navy / John F. Williams)
Kampfdrohnen könnten mithilfe von Laserkanonen unschädlich gemacht werden - auch zum Schutz von Feldlagern. (US Navy / John F. Williams)
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Arndt Reuning: Das klingt nach Science-Fiction, ist es aber gar nicht mehr, oder?

Ralf Krauter: Nein, das wird langsam real. Zwar nicht Ronald Reagans Star-Wars-Szenario, der ja mit Laserkanonen an Bord von Satelliten oder Jumbo-Jets anfliegende Atomraketen vom Himmel holen wollte. All diese Projekte wurden vor Jahren gestoppt, weil sie technisch in absehbarer Zeit nicht realisierbar sind. 

Was aber inzwischen realisierbar ist, sind kleinere Laserkanonen mit Strahlenenergien von 50 bis 100 Kilowatt. Und so was ist militärisch durchaus auch schon interessant. Denn wenn man so einen Laserstrahl mehrere Sekunden lang auf einen Punkt fokussiert, schmilzt zentimeterdicker Stahl wie Butter. Und man kann damit etwa anfliegende Drohnen oder Mörsergranaten vom Himmel holen.

Für den Schutz von Feldlagern der Bundeswehr zum Beispiel wären solche Laserkanonen deshalb eine interessante zusätzliche Option. Zum einen, weil man damit auch sehr agile, kleine Ziele wie Drohnen bekämpfen könnte. Zum anderen, weil man keine kostspielige Munition verpulvern muss, um eine 100-Euro-Drohne abzuwehren. Man braucht bloß eine kräftige Stromversorgung für die Laserquelle, das war’s.

In fünf bis zehn Jahren einsatzfähig

Reuning: Laserwaffen für die Luftverteidigung: Ist das also das künftige Anwendungsszenario?

Krauter: Zumindest das erste, das Realität werden dürfte. Experten schätzen: In fünf bis zehn Jahren sind solche Systeme operationell auf dem Schlachtfeld im Einsatz. "Laserwaffen werden kommen – und es wird Zeit, dass wir uns darauf vorbereiten", das ist der Tenor des Berichts einer NATO-Taskforce, die das Potenzial der Technologie untersucht hat.

Reuning: Deutschland ist ja weltweit mit führend in der Lasertechnik. Wie sieht’s bei solch militärischen Anwendungen aus? Wie ist die Industrie da aufgestellt?

Krauter: In Deutschland arbeiten die Rüstungskonzerne MBDA und Rheinmetall schon länger an solchen Laserwaffen für die Flugabwehr im Nahbereich. Dass das Ganze im Prinzip funktioniert, haben beide schon vor vier, fünf Jahren gezeigt, inzwischen gibt’s Demonstratoren funktionierender Waffensysteme, also mit Zielerfassung, automatischem Tracking, und so weiter, die demnächst Prototypenstatus erreichen sollen. Und einer dieser ersten Prototypen soll 2019 auf der Korvette K130 der Marine installiert und dann ab 2020 in der Praxis getestet werden.

"Technologische Hürden sind gemeistert"

Reuning: Wie leistungsfähig ist die Technik aktuell schon?

Krauter: Rheinmetall hatte schon vor einigen Jahren eine 50 kW-Laserkanone demonstriert, die bei einem Test in der Schweiz in rascher Folge fliegende Drohnen und Mörsergranaten, die einen Kilometer entfernt waren, vom Himmel schoss.

Auch MBDA hat nach einem 2013 präsentierten Demonstrator inzwischen ein Komplettsystem, wo vier handelsübliche Hochenergie-Faserlaser über ein Spiegelteleskop zu einem 40 kW-Strahl gebündelt werden. Die Anlage passt in einen Frachtcontainer, wo das in alle Richtungen schwenkbare Teleskop oben drauf sitzt.

Auf bewegte Flugobjekte scharf geschossen hat man damit aber offenbar noch nicht, das steht noch aus. Aber dass die Zielverfolgung so gut funktioniert, dass der Laserstrahl sekundenlang auf genau denselben Punkt eines bewegten Objektes trifft – die Voraussetzung dafür, es zu zerstören – das haben Tests 2016 gezeigt.

Die Industrievertreter sagen deshalb: Die technologischen Hürden sind gemeistert. Jetzt brauchen wir Geld, um ein Serienprodukt zu entwickeln, das den Soldaten im Einsatz hilft, sich selbst besser zu schützen.

Reuning: Haben die Amerikaner so was schon? Die sind ja vermutlich auch bei dieser neuen Waffentechnologie Vorreiter?

Krauter: Die USA haben 2014 und 2017 Demonstrationen in der Golfregion gemacht, wo eine auf einem Schiff montierte Laserkanone Drohnen vom Himmel schoss. Das Geschütz namens LaWS, wo man vorne nur eine Glasscheibe sieht, wo der 30 kW-Strahl rauskommt, kostete laut Pentagon 40 Millionen Euro, dafür kostet ein Schuss damit dann angeblich auch nur 10 bis 20 Dollar, was Militärs gerne hören. Sowohl Lockheed als auch Boeing haben solche Systeme inzwischen im Angebot.

Aktuell entwickelt man für das US-Militär eine 150 kW-Version solch einer Laserkanone, die auf einem Schnellboot namens USS-Portland montiert werden soll. Dank der höheren Leistung und Reichweite könnte sie dann wohl auch Raketen vom Himmel holen könnte, bevor sie das Schiff treffen.

Gefahr zu erblinden

Reuning:  Wäre so eine Laserkanone für die Flugabwehr denn allwettertauglich? 

Krauter: Nein. Regen, Schnee, Nebel und starke Turbulenzen in der Luft sind show-stopper. Das führt dazu, dass die Strahlqualität leidet – und damit die Reichweite, weil weniger Energie das Ziel trifft und aufheizen kann. Aber adaptive Optiken, an denen geforscht wird, könnten zumindest zum Teil helfen, dieses Problem in den Griff zu bekommen. 

Ein anderes Forschungsgebiet ist aktuell die Untersuchung möglicher Kollateralschäden: Ein Teil der Strahlung wird vom Zielobjekt ja reflektiert oder gestreut und könnte deshalb ins Auge von Menschen in der Nähe fallen. Die würden das nicht mal merken, denn es geht um unsichtbare Infrarotstrahlung. Die NATO hat kürzlich Experimente auf einem US-Luftwaffenstützpunkt gemacht, um rauszufinden, wie viel Laserlicht da gestreut wird, bevor ein typisches Ziel wie eine Drohne oder Mörsergranate zerstört ist – und wie groß die Gefahr für die Augen der Umstehenden wäre.

Letztlich geht’s da natürlich um eine Abwägung von Risiken. Beim Feldlagerschutz wäre die Alternative ja in der Regel der Abschuss einer Flugabwehr-Rakete. Das Resultat ist ein großer Knall in der Luft und Trümmer, die zu Boden regnen. Über dicht bewohntem Gebiet ist das auch nicht ohne Risiko für die Menschen in der Umgebung. Da versprechen die Entwickler von Laserwaffen eben künftig chirurgische Operationen mit weniger Kollateralschäden. Aber ob sie das tatsächlich einlösen können, ist derzeit noch überhaupt nicht abzusehen.

Mich hat eine Zahl nachdenklich gestimmt, die der Fraunhofer-Forscher Bernd Eberle aus Karlsruhe heute vormittag auf der Tagung nannte. Der hat mal ausgerechnet, in wie großer Entfernung der Strahl einer 100kW-Laserkanone noch intensiv genug wäre, um das Auge ernsthaft zu schädigen. Und er kam da auf 70 Kilometer. Will heißen: Wenn man mit so einer Laserkanone sein Ziel verfehlt, könnte der Pilot eines 70 Kilometer entfernt fliegenden Flugzeugs erblinden. Man muss also schon sehr sicher sein, dass der Luftraum hinter dem Ziel wirklich großräumig frei ist, bevor man so eine Laserkanone abfeuert.

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