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StartseiteDeutschland heuteKeine Angst vorm Fachwerk18.04.2016

Neue Wanfrieder BürgerKeine Angst vorm Fachwerk

Mit der Wiedervereinigung kam auch für den osthessischen Ort Wanfried, wie für viele Gemeinden an der ehemaligen Grenze, der Niedergang. Keine Zonenrandförderung mehr und weit weg von der nächsten Autobahn. Aber durch viel Bürgersinn und die Hilfe der Stadtverwaltung hat sich der Ort neu erfunden und blüht wieder auf.

Von Ludger Fittkau

Das Rathaus von Wanfried. (Imago)
Das Fachwerk-Rathaus von Wanfried. (Imago)
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Bürgermeister Wilhelm Gebhard lenkt seinen Wagen stolz durch die Straßen der Stadt Wanfried.  Die Fahrt geht vorbei an vielen frisch renovierten Fachwerkhäusern, an einer Supermarkt-Baustelle und dem Neubaugebiet, in dem beinahe jedes Grundstück schon verkauft ist. Die Stadt Wanfried im Werratal blüht nach dem industriellen Niedergang der Nachwendezeit wieder auf. Auch deswegen, weil es einer Bürgerinitiative in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung gelungen ist, rund 50 Familien aus dem In-und Ausland nach Wanfried zu locken. Viele lange leer stehende Häuser wurden renoviert. Am Steuer seines Wagens erklärt Bürgermeister Wilhelm Gebhard, wie das gelang:

"Man muss den Menschen die Angst nehmen vor dem Fachwerk. Die Angst vor der Sanierung und des Umbaus im Fachwerk. Deswegen haben wir ja das Fachwerk-Musterhaus, das jederzeit auch zugänglich ist und auch besichtigt werden kann auf Nachfrage. Dort kann man ja sehen, dass man modern leben kann in einem alten Haus. Mit moderner LED-Technik, mit hellen freundlichen Räumen, mit viel Glas. Man kann also durchaus modern und freundlich leben in einem alten Fachwerkhaus."

Die ersten, die den Charme der leer stehenden Fachwerkhäuser in der osthessischen 4000 Einwohner-Kleinstadt unmittelbar an der Grenze zu Thüringen entdeckten, waren Niederländer. Aber auch Klaus und Margarethe Wagner aus dem Raum Trier schauen sich im Urlaub nun in der Stadt um, weil sie in einer überregionalen Zeitung gelesen haben, dass Wanfried Neubürger mit offenen Armen aufnimmt. Das Paar aus Rheinland-Pfalz ist angetan: "Es ist ein schönes mittelalterliches Städtchen, ursprünglich erhalten, viele Gebäude sind noch im Fachwerkstil, sehr schön."

Klaus Wagner kann gut verstehen, dass immer mehr Menschen aus dem In-und Ausland ein Haus in Wanfried renovieren: "Ich kann es verstehen, anhand der Gebäude, anhand der ruhigen Stadt. Kann ich schon verstehen."

Ein Industriebetrieb nach dem anderen schloss seine Tore

Margarethe Wagner hält auch die abgelegene Lage Wanfrieds im östlichsten Zipfel Hessens unmittelbar am früheren Eisernen Vorhang heute nicht mehr für einen Nachteil. Gerade, weil Thüringen so nahe ist: "Durch die Wiedervereinigung, Eisenach hat sich sehr entwickelt, Erfurt, Ilmenau. Die Gegend ist im Kommen."

Nach der Wende sah das noch anders aus. Die Zonenrandförderung war weggefallen, ein Industriebetrieb nach dem anderen in Wanfried und Umgebung schloss seine Tore. Daran erinnern sich vor allem die alten Wanfrieder noch sehr genau:

"Schmirgelwerk ist weg, da haben immer noch so 70 gearbeitet. Und dann Firma Bode oben, da haben so 650 bis 700 gearbeitet."

"Kalden, das waren früher auch 400 oder 500 Leute, die Druckerei da. Und dann waren zwei Polstermöbelfabriken hier. Die hatten auch jeweils 75 Arbeiter."

Immer noch stehen m Zentrum von Wanfried etliche Ladenlokale leer, weil die alte Kaufkraft noch nicht wieder da ist. Dennoch gebe es in der Stadt heute wieder rund 700 versicherungspflichtige Arbeitsplätze, betont Bürgermeister Wilhelm Gebhard. Rentner, die aus den Ballungsgebieten in die Stadt ziehen, finden eine intakte Gesundheitsversorgung vor, berichtet eine alte Wanfriederin: "Wir haben auch Altenheime hier. Das ist eigentlich ganz in Ordnung. Sind auch sehr gut und auch gut besucht, sind keine Plätze mehr frei. Und der Pflegedienst, der fährt ja auch umher. Da fahren mehrere Autos. Und hier drüben, wo die Wirtschaft war, die bauen sie um. Da kommt eine Tages- oder Nachtpflege rein. Unser Bürgermeister ist da schon klasse drin! Der tut wirklich, was er kann und mehr kann man ja auch nicht machen."

Es fehlen noch Gästebetten

Der so gelobte Bürgermeister Wilhelm Gebhard trauert auch nicht den verlorenen Industriearbeitsplätzen hinterher, sondern setzt lieber auf den wachsenden Fahrrad- und Wandertourismus im Werratal. Er lenkt sein Auto Richtung Fluss: "Ja, wir fahren jetzt zum Wanfrieder Hafen, der ehemalige Endhafen der Weser-Werra-Schifffahrt. Der heute auch wieder touristisch sehr stark genutzt wird. Über diesen ehemaligen Hafenplatz geht der Werratal-Radweg. Der Herkules-Wartburg-Radweg. Dieser Platz wird heute gastronomisch genutzt. Und der Förderverein "Historischer Hafen" hat diesen Platz wunderbar als historische Kulisse hergerichtet. Mit einem Schiff, das wieder vor Anker liegt, auf dem man auch Heiraten kann. Alte Holzfässer. Also eine tolle Kulisse geschaffen, wie früher hier in Wanfried auch das Hafenleben mal stattgefunden hat.

Kleiner Wermutstropfen: Ein mehrstöckiges, stadtbildprägendes Fachwerkhaus am Hafen steht noch weitgehend leer. Irgendwann, hofft der Bürgermeister, wird dort mal ein Hotel untergebracht sein. Es fehlt nämlich noch an Gästebetten. Die post-industrielle Neuerfindung von Wanfried ist noch nicht zu Ende.

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