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StartseiteEssay und DiskursKeine Parolenkultur gegen Rassismus23.06.2019

Neuer Antisemitismus (2/6)Keine Parolenkultur gegen Rassismus

Es sei wegen der vielen Motivmuster nicht möglich, "den Antisemitismus" zu definieren, so der Soziologe Friedrich Pohlmann. Es gäbe Unterschiede im historischen und gegenwärtigem Antisemitismus - gegen das aktuelle Erstarken aber würden Toleranzpostulate nicht weiterhelfen.

Von Friedrich Pohlmann

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Etwa 700 Menschen protestieren am alljährlich stattfindenden Al-Quds-Tag in Berlin gegen Israel. Mehrere hundert Gegendemonstranten protestieren auf mehreren Kundgebungen entlang der Demonstrationsroute gegen Antisemitismus.  (imago images/Christian Mang)
Al-Quds-Tag in Berlin - Stimmungsmache gegen Israel: Antisemitismus lasse sich nicht mit einer Parolenkultur eindämmen, sagt Friedrich Pohlmann. (imago images/Christian Mang)
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Die Häufung spezifischer Gewalttaten und die zunehmende Verbreitung unzweideutiger Hassparolen haben die Ansicht genährt, dass in jüngerer Vergangenheit der Antisemitismus auch in Westeuropa enorm wiedererstarkt sei und entsprechend bekämpft werden müsse.

Steht der gegenwärtig hervortretende Antisemitismus aber tatsächlich in ungebrochener Kontinuität zu früheren Ausprägungen desselben? Wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo die Differenzen? Welche historischen Grundformen des Antisemitismus müssen unterschieden werden? Gibt es ein gemeinsames Sinnsubstrat, das die Rede von dem Antisemitismus überhaupt rechtfertigt?

Im September 2017 einigte sich die Bundesregierung auf eine Definition: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

Friedrich Pohlmann, geboren 1950, arbeitete als Privatdozent am Institut für Soziologie in Freiburg und war viele Jahre als Rundfunkautor für den SWR2 Essay tätig. Seine Dissertation bei Heinrich Popitz an der Philosophischen Fakultät 1979 betrachtet "Das soziologisch-philosophische Werk Georg Simmels und sein geistesgeschichtliches Umfeld". 1990 habilitierte Pohlmann zum Thema Ideologie und Terror im Nationalsozialismus.

(Teil 3: "Anders, als alle dachten" von Mirna Funk, am 30.6.2019)

Antisemitismus und Ideologiekämpfe

Immer häufiger werden wir mit Nachrichten konfrontiert, die - gewöhnlich im Tonfall der Empörung vorgetragen - von einem Erstarken des Antisemitismus in Westeuropa künden. Die Evidenz der nackten Fakten ist so eindeutig, dass Zweifel an der Grundtendenz nicht mehr möglich sind: Wenn Juden im öffentlichen Raum beschimpft und gewalttätig attackiert werden, wenn selbst martialische Schutzvorkehrungen die Sicherheit jüdischer Einrichtungen nicht mehr zuverlässig garantieren können und wenn in einem Land wie Frankreich das Bedrohungsgefühl derart anwächst, dass sich Juden zunehmend zur Auswanderung entschließen, dann werden Verleugnungen oder Bagatellisierungen unglaubwürdig: Der Antisemitismus ist ein machtvoller Akteur in der Arena gegenwärtiger Ideologiekämpfe geworden.

Wie aber ist dieses Erstarken zu deuten? Als ein Wiedererstarken in dem Sinn, dass darunter eine Anknüpfung an die finsterste Phase der deutschen Geschichte zu verstehen ist? Gehörige Zweifel an solch simplen Kontinuitätsvorstellungen nährt schon der oberflächliche Blick auf den typischen Träger des heutigen Antisemitismus. Er ist mittlerweile den meisten Zeitgenossen hinreichend bekannt, obwohl in unseren Medien noch immer kräftig auf Ablenkung und Zerstreuung der Aufmerksamkeit hingearbeitet wird. Beides illustrierten auch die Reaktionen auf eine lautstarke antisemitische Verbalattacke gegen den bekannten Publizisten Alain Finkielkraut am Rande einer sogenannten Gelbwesten-Demonstration vor kurzem in Paris, die einen medialen Entrüstungssturm auslöste. Die Vermutung mancher Beobachter, dass der Sturm vor allem die Diskreditierung dieser neuartigen Protestbewegung bezweckte, zu deren Parolenfundus antisemitische Anwürfe doch gar nicht passen, bestätigte sich, als man auf die ganz klein gehaltene Information Finkielkrauts über einen Täter muslimisch-arabischer Herkunft stieß, der ja kaum als typischer Gelbwesten-Repräsentant herhalten kann.

Natürlich stellen solche Fingerzeige die Bewacher politisch-korrekter Diskurse mit ihren phraseologisch verfestigten Täter-Opfer-Mythologemen vor große Probleme. Denn wenn einer Personengruppe, die mittels des prominent gewordenen Unwortes von der "Islamophobie" vor allem auf die Rolle einer diskriminierten Minderheit festgelegt werden soll, zugleich jene potenzielle Tätereigenschaft attestiert werden muss, die vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit den unangefochtenen Spitzenplatz auf der Liste verwerflicher Ideologiesünden einnimmt, dann können leicht liebgewonnene Weltbildpfeiler ins Wanken geraten.

Gegenwartsantisemitismus und Geschichte

Von einem weit angemesseneren Problembewusstsein zeugte dann doch eine Bemerkung des kürzlich verstorbenen Modeschöpfers Karl Lagerfeld. Wie kann ein Land mit einer solchen Vergangenheit, hatte Lagerfeld gefragt, die millionenfache Einwanderung antisemitisch geprägter Bevölkerungsgruppen zulassen? - eine berechtigte Frage, die sich mangels mobilisierbarer Gegenargumente kaum skandalisieren ließ. Freilich: Stimmt denn die in solchen Bemerkungen regelmäßig mitschwingende Prämisse einer weitgehenden Sinnverwandtschaft zwischen dem Gegenwartsantisemitismus und demjenigen aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte überhaupt? Ich jedenfalls halte sie für irreführend und werde aufzeigen, dass beide von ganz unterschiedlichen Motivmustern bestimmt sind, die höchst fraglich erscheinen lassen, ob man sie in dem Oberbegriff von "dem" Antisemitismus zusammenfassen sollte. Ohne spezifizierende Zusatzbestimmungen suggeriert das Wort eine Nähe von Ideologietypen, die nicht besteht.

Dem Antisemitismus auf die Spuren zu kommen, ist weitaus schwieriger als gemeinhin angenommen. Ich skizziere eingangs einige Warnhinweise und methodische Maximen, die für Annäherungen ans Phänomen empfehlenswert sind.

Erstens: Man halte Distanz zu jener Funktion des Wortes, die in einer Zeit hysterisierter politischer Meinungskämpfe besonders ins Auge sticht: derjenigen eines politischen Kampfbegriffs, einer Wortkeule zur moralischen Maximalverdammung des Gegners. Als solche erfreut es sich in den Niederungen jener Parolenkultur großer Beliebtheit, in der man sich gern unter einem Großbanner für "Vielfalt und Toleranz" versammelt und gegen "Rassismus, Islamfeindschaft und Antisemitismus" zu Felde zieht, mit weitgehend bedeutungsleeren und deshalb ganz willkürlich nutzbaren Schlagworten also, die freilich unterstellen, dass Islamfeindschaft und Antisemitismus aus einer "gleichen Wurzel" stammen, dem "Rassismus" nämlich. Dass sich damit Fragen nach antisemitischen Mustern im islamischen Selbstverständnis wirkungsvoll blockieren lassen, ist evident. Unlauter ist aber auch jene andere wohlfeil gewordene Variante des Antisemitismusvorwurfs, die auf ein Verbot jeglicher Kritik an israelischer Politik zielt. Grundsätzlich gilt: Wer in einer argumentativ ausgerichteten, das heißt nicht herabsetzenden und jeden kollektiven Schuldvorwurf meidenden Kritik den Vorwurf des Antisemitismus oder der "Islamophobie" zu hören bekommt, hat mit illiberalen Meinungsgegnern zu tun, mit denen ein weiteres Debattieren nicht lohnt.

Zweitens: Manche historisch prominent gewordenen judenfeindlichen Anschuldigungen haben offenkundigen massenpsychologischen Wahncharakter, und deshalb nimmt kein Wunder, dass das weitaus häufigste Bild vom Antisemitismus den Blick ganz ausschließlich auf den vergifteten Quell pathologischer psychologischer Prozesse lenkt. Der bekannte Publizist Henryk M. Broder beispielsweise erklärt sich das Phänomen allein aus "hysterischen Ängsten, Erfindungen, Projektionen, Neidgefühlen" und Wünschen nach "Sündenböcken", und noch einfacher macht es sich der frühere Leiter des Berliner Institutes für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, der allen Ernstes glaubt - und darin mit gängigen Lehrbüchern zur Sozialpsychologie und einem Großteil der etablierten Forschung zum Thema übereinstimmt -, das Geheimnis des Antisemitismus erschöpfe sich in "falschen Verallgemeinerungen" und "Diskriminierungen", in Prozessen der Verhärtung negativer Vorurteile also, die sich weitgehend strukturverwandt auch in der Islamfeindschaft zeigten. Wäre dies so, dann wären wir alle potenzielle strukturelle Antisemiten, denn Alltagsinteraktionen ohne den Makel des Vorurteils und Stereotyps sind ganz unvorstellbar.

"Mehr als ein Sammelsurium isolierter Anschuldigungen"

Dass Antisemitismus keineswegs nur als Pathologie á la Broder oder nur als simples Vorurteil á la Benz verstanden werden kann, zeigt sich erst, wenn man in Anknüpfung an Maximen Hannah Arendts antisemitische Ideologeme als Produkte sozialer Wechselwirkungen deutet; von Wechselwirkungen zwischen einem jüdischen Selbstverständnis einerseits und demjenigen anderer sozialer Akteure in ihren jeweiligen Zeitkontexten. Zwar geriete man leicht auf Irrwege, wenn man den Aspekt des jüdischen Selbstverständnisses "Semitismus" nennen würde, wie es die Logik des Wortes vom Anti-Semitismus nahelegt, aber ohne die Voraussetzung der Existenz eines spezifisch jüdischen Sinnpols ist eine Analyse von Antisemitismus schlicht unmöglich. Nur wenn dieser Gesichtspunkt ernst genommen wird, enthüllt sich, dass in den antisemitischen Wahn- und Vorurteilsgebilden gewöhnlich auch Wirklichkeitsbezüge steckten, durch die die Ideologeme ihren nicht beliebigen Charakter bekommen. Hätte sich in ihnen nicht auch Wirkliches - in freilich mehr oder weniger verzerrter Form - niedergeschlagen, dann hätten sie niemals ihre historische Wirkmacht erlangen können und die Juden als Opfer wären nichts weiter gewesen als ein austauschbarer "Sündenbock". Auch in einer weiteren These folge ich Hannah Arendt, darin, dass genuiner Antisemitismus mehr ist als ein Sammelsurium isolierter Anschuldigungen. Historisch virulent wurde er vielmehr immer in Form spezifischer Motivkonstellationen, ideologischer Syndrome also, die einen engen Bezug auf relevante Zeitprobleme aufwiesen. Harter Kern derartiger Syndrome war die Kollektivanschuldigung, die nicht nur eine Erklärung, sondern auch die praktische Lösung dieser Zeitprobleme suggerierte.

Drittens: In der Fixierung auf den Nationalsozialismus hat man sich angewöhnt, Antisemitismus primär in Weltbildern der politischen "Rechten" zu verorten, aber nichts könnte falscher sein. Tatsächlich haben alle relevanten modernen politisch-gesellschaftlichen Bewegungen in Europa - "linke", "liberale" und "rechte" - seit ihrer Konstitution im frühen 19. Jahrhundert sich zeitweise antisemitische Ideologeme einverleibt und im modernen antizionistischen Antisemitismus dominieren sogar Motive einer "linken" Provenienz. Die mächtigste zeitgenössische Form ist aber ein Amalgam aus antizionistischen und islamischen Motiven, ein Ideologiegebilde, in dem uralte religiöse Feindschaftsverhältnisse als fanatisierende Brandbeschleuniger eines Antisemitismus wirken, der sich als radikale Kampfansage gegen das Existenzrecht des Staates Israel versteht. Sie ist die Grundform des Gegenwartsantisemitismus, mit der wir auch in Westeuropa im Zusammenhang mit der islamischen Masseneinwanderung immer stärker konfrontiert werden.

Historische Einordnung

Besonderheiten des Gegenwartsantisemitismus enthüllen sich nur, wenn man ihn aus der Perspektive früherer Antisemitismen komparativ in den Blick nimmt. Das Verständnis des Heute bedarf des Blickes in die Vergangenheit, und zwar auch in eine unendlich fern scheinende Vergangenheit, denn Judenfeindschaft hat es seit den frühesten Herausbildungen des jüdischen Selbstverständnisses als eines Volkes gegeben; - in ganz vielfältigen Ausprägungen bis in die Gegenwart, die man aber, wie ich im folgenden kürzestmöglich versuche, auf wenige Grundtypen reduzieren kann.

Der historisch früheste ist natürlich der religiös gespeiste Antisemitismus, der auf die Entstehungsgeschichte des Monotheismus und das Konkurrenzverhältnis seiner drei Ausprägungen verweist. Ohne ein Wissen um diese uralten konfliktträchtigen Beziehungen ist auch ein realistischer Blick auf die Moderne nicht möglich, denn sie haben prägend in alle "säkularen" Antisemitismusvarianten hineingewirkt und werden durch das Erstarken des Islam auch im europäischen Hier und Jetzt wiederbelebt. Ihre Erkenntnis bedarf eines kurzen Hinweises auf Besonderheiten des jüdischen Monotheismus, der den Juden in Jahrtausenden über alle Verfolgungen hinweg zur Behauptung ihrer religiös-kulturellen Identität verhalf und sie auch in der Diaspora nie die Hoffnung auf Rückkehr in "ihr" heiliges Land verlieren ließ. Ursächlich dafür waren erstens die Idee des qua Bund vom einzigen Gott erwählten Volkes, das all sein Unglück als Folge von Übertretungen seiner Gebote interpretierte; und zweitens die riesige Sammlung ritueller Alltagsnormen im Talmud, mit denen es sich zugleich strikt von anderen Völkern, den sogenannten Gojim, abgrenzte.

In den beiden Nachfolger‑Monotheismen, die im Gegensatz zur partikularistischen jüdischen Erstform dann wirklich missionierende Weltreligionen wurden, findet man einen tendenziell feindlichen Bezug aufs Judentum bereits in Zentralmotiven ihrer Gründungserzählungen. Für das Christentum ist das ja bekannt, hier konnten die Juden als ein "Tätervolk" imaginiert werden, dem qua Hinrichtung des Gottessohnes ein Gottesmord angelastet wurde. Aber auch der Islam hat sich in vielfältigen Intensitätsgraden gegen seine zwei monotheistischen Vorgänger gewendet, deren Anhängern unter islamischer Herrschaft ja bekanntlich nur ein Status von Gläubigen zweiter Ordnung zugestanden wurde, von sogenannten "dhimmis", unterdrückten und steuerlich ausgepressten "Schutzbefohlenen". Weniger bekannt aber ist, dass bereits in der Gründungserzählung des Islam ein Sondercharakter des Antijudaismus fixiert ist, im koranischen Bericht über die sogenannte Hedschra, die Flucht des Propheten von Mekka nach Medina, wo er auf die Gegnerschaft jüdischer Stämme stieß, denen deswegen der verabscheuungswürdige Frevel einer Feindschaft gegen Gott und seinen Gesandten angelastet wurde und von denen einer in einem quasi‑genozidalen Akt - einem Massaker auf dem Marktplatz in Medina - vernichtet wurde. Die sakrosankte Vorbildwirkung der Worte und Taten des Propheten ist die Ursache dafür, dass sich in unserer Gegenwart im Zuge der islamischen Renaissance eine politische Israelfeindschaft mit solch uralten koranisch "geheiligten" antijüdischen Feindbildern verknüpfen und aufladen kann.

Die wechselseitigen religiösen Abgrenzungen wurden im islamischen und christlichen Kulturkreis bis in die Moderne durch strikte räumliche und soziale Segregationen der Juden von ihrer Umwelt verfestigt und in Europa entwickelte sich die hochprekäre soziale Beziehungsform des Geldverleihs zur weitaus wichtigsten zwischen Juden und Christen. Daraus erwuchs eine Verschmelzung der drei zentralen Leitbilder des traditionellen Antisemitismus, des Bildes vom Juden als Glaubensfeind, als Fremdem und als "Wucherer", das als archetypischer Bodensatz auch in allen modernen antisemitischen Obsessionen von jüdischer Finanzmacht weiterwirkt.

Der typisch moderne Antisemitismus aber entwickelte sich in Mittel- und Westeuropa erst im 19. Jahrhundert und hatte die rechtliche Emanzipation der Juden und die Auflösung ihrer Wohnbezirke - des Gettos - zur Voraussetzung. Im letzten Drittel des Jahrhunderts erlangte er dann trotz fortschreitender Assimilation der jüdischen Bevölkerungsgruppe eine zunehmende Verfestigung in Gestalt ideologischer Systeme, in denen sich, in Reaktion auf zentrale Zeitprobleme, typischerweise antikapitalistische, nationalistische und rassistische Grundmotive miteinander verknüpften. Juden fungierten darin, erstens, als Träger eines transnational verflochtenen "raffenden" Finanzkapitals - Stichwort Rothschild; und zweitens als Verkörperungen vielfältiger politisch-kultureller Varianten internationalistischer Prinzipien, die in einer Ära sich schroff gegeneinander absetzender Nationalstaaten zum negativen Gegenpol eines positiv konnotierten Nationalismus erhoben werden konnten und Juden dem Verdacht einer gewissermaßen "natürlichen" potenziellen Gegnerschaft zur Nation aussetzten. Auch die ideologische Zementierung des antisemitischen Wir-Sie-Gegeneinander mittels des Rassenbegriffs fällt in diese Zeit, eines Begriffs, der im Zusammenhang mit dem europäischen Imperialismus zu einem Schlüsselbegriff der Weltdeutung avanciert war und deshalb oft auch ganz fraglos in philosemitischen Kontexten und zur Akzentuierung eines spezifisch jüdischen Selbstverständnisses Verwendung fand.

Nationalsozialistische Sonderform des Antisemitismus

Der nationalsozialistische Antisemitismus knüpft zwar an das gerade skizzierte Syndrom an, sollte aber als eine ideologische Sonderform begriffen werden, in der sich ganz neuartige Zeiterfahrungen niederschlugen. Die wichtigsten waren das Trauma der deutschen Weltkriegsniederlage und die bolschewistische Revolution in Russland samt ihren Auswirkungen auf die innenpolitischen Konstellationen in vielen europäischen Ländern, - Bezüge, aus denen das nationalsozialistische Zentralideologem, der Topos vom jüdischen Bolschewismus hervorwuchs. Hauptkennzeichen der nationalsozialistischen Sonderform sind die Verknüpfung eines Radikalantisemitismus mit einem Radikalantibolschewismus in einem totalitären Ideologiesystem, in dem Grundmerkmale der abendländischen Geschichtsentwicklung als Etappen eines im Gegenwartskommunismus kulminierenden Unheilsprozesses konstruiert und einer angeblich unwandelbaren jüdischen Rassensubstanz angelastet werden. Der internationalistische Bolschewismus ist in diesem Konstrukt der aktuellste und gewalttätigste Ausdruck eines gegen die Völker gerichteten jüdischen Weltherrschaftsstrebens, das in anderer Form ebenso im scheinbaren Widersacher des Bolschewismus, dem global agierenden Finanzkapital, wirksam werde. Man darf ob des offenkundigen Wahncharakters dieser Ideologie nicht vergessen, dass die Rede vom "jüdischen Bolschewismus" sich nach der Oktoberrevolution in Europa weit verbreitet hatte, und zwar in ganz verschiedenen politischen Lagern. Das hing auch mit dem ins Auge fallenden hohen Anteil russifizierter Juden in der bolschewistischen Führungsspitze - Stichwort Trotzki - und den Sympathien für diese revolutionäre Bewegung in der jüngeren jüdischen Generation in Russland zusammen, deren Hintergrund die verschärfte Verfolgung der noch immer separiert lebenden jüdischen Bevölkerungsgruppe in den letzten Jahrzehnten des Zarenreichs - und insbesondere während des ersten Weltkrieges - war.

Von der nationalsozialistischen Sonderform des Antisemitismus, die als realpolitische Ideologiekraft bedeutungslos geworden ist, tasten wir uns an den Gegenwartsantisemitismus heran. Dazu müssen wir zunächst jene jüdische Bewegung etwas genauer ins Auge fassen, die ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war und die zum Kondensator eines ganz neuartigen jüdischen Selbstverständnisses wurde: den Zionismus. Im Zionismus mit seinem Ziel der Gründung eines eigenen jüdischen Staates in Palästina konnte die säkulare Erfahrungswelt westeuropäischer Juden und die durch das Getto geprägte der osteuropäischen zueinander finden, und er wurde der zentrale mentale Tragepfeiler, auf dem der Staat Israel seit seiner Gründung bis in die Gegenwart ruht. Der Zionismus ist eines der Schlüsselelemente in einem ganz neuartigen Konstellationengefüge, ohne dessen Konturierung die Besonderheiten des Gegenwartsantisemitismus im Kontrast zu den beiden früheren Formen des modernen Antisemitismus vollkommen unverstanden bleiben müssen. Der Gegenwartsantisemitismus, so die These, konnte sich nur in einem politischen, sozialen und kulturellen Kontext entfalten, dessen Grundmerkmale der Zionismus, die Gründung des Staates Israel samt einer damit schicksalhaft gewordenen arabisch‑israelischen Feindschaft und schließlich die Renaissance des Islam als Antipode des Westens sind. Jedes dieser Elemente sei im Hinblick auf das Antisemitismusproblem etwas näher umkreist.

Dass der Zionismus ab Ende des 19. Jahrhunderts zum zentralen Kristallisationskern eines spezifisch modernen jüdischen Selbstverständnisses werden konnte, ist auf dreierlei zurückzuführen: auf, erstens, die Zeiterfahrung des Antisemitismus. Auch das zweite Grundmotiv des Zionismus war ein Schutzmotiv, allerdings eines völlig anderer Art; es zielte auf selbstbestimmte Abgrenzung zwecks Bewahrung einer jüdischen Identität, die man durch die Tendenzen zur Assimilation, die sich am stärksten unter deutschen Juden mit ihrer Liebe zur deutschen Kultur entfaltet hatten, bedroht sah. Das dritte Zentralmotiv schließlich, das Ziel eines eigenen Staates, weist eine Besonderheit auf, die gehörig herausgestellt werden muss, weil sie zeigt, dass in der oberflächlich säkular scheinenden Bewegung des Zionismus auch ein religiöser Glutkern glomm, denn die Staatsgründung wurde als Rückkehr gedacht; als Rückkehr ins geheiligte Land der Vorväter, die seit Jahrtausenden zwar verlorene, aber messianisch besetzte "eigentliche" Heimat. Auf dem Boden dieses Motivs konnten westeuropäische und Ostjuden zueinander finden und die Verwirklichung einer jüdischen Identität anstreben, die Uraltes bewahrt, aber zugleich mit einem ganz neuen Patriotismus verbindet, der endgültig die jüdische Normalerfahrung von Unterdrückung und Demütigung zu verabschieden vermag.

Unversöhnlicher Konflikt: israelisch-arabische Feindschaft

Halten wir fest: Das zentrale Legitimationsprinzip, auf dem die Gründung eines eigenen Staates 1948 in Palästina ruhte, war ein religiöses, das zwar durch die Balfour-Erklärung von 1917 und den UNO-Beschluss von 1947 gewisse völkerrechtliche Absicherungen erfuhr, aber - wie diese völkerrechtlichen Regelungen auch - unüberwindlich mit den Ansprüchen der in und um Palästina lebenden Araber kollidieren musste. Das zeigte sich bereits in den Kämpfen zwischen jüdischen Siedlern und arabischen Stämmen in den zwanziger und dreißiger Jahren, trat in seiner ganzen Unversöhnlichkeit aber erst in den vielen israelisch-arabischen Kriegen seit 1948 zu Tage, in deren Gefolge es teilweise auch zu völkerrechtlich fragwürdigen Gebietsannexionen gekommen war.

Dass die israelisch-arabische Feindschaft zum zentralen Fokus des Gegenwarts-antisemitismus werden konnte, erklärt sich freilich keineswegs allein aus der Inkompatibilität wechselseitiger Ansprüche auf das palästinensische Territorium. Mindestens die folgenden Aspekte müssen hinzugedacht werden: Dass, erstens, Israel trotz der religiösen Legitimation seiner Existenz weitgehend die soziokulturellen Prinzipien der säkularisierten westlichen Moderne verkörpert, die mit dem Selbstverständnis einer arabisch-islamischen Traditionalität in vielerlei Hinsicht unverträglich sind; und dass, zweitens, das israelische Selbstbehauptungsstreben in einer todfeindlichen arabischen Umwelt sich des treuen Beistandes eines mächtigen Verbündeten sicher sich sein kann, der USA nämlich. In zentralen antisemitischen Gegenwartsbildern wird dieser Beistand als Folge des hintergründigen Wirkens mächtiger jüdischer Lobbygruppen in den USA gedeutet und die Achse Israel-USA als aktuelle Verwirklichungsform eines alten verschwörerisch agierenden jüdischen Weltherrschaftsstrebens. In der Ära des "Kalten Krieges" hat sich die arabische Israelfeindschaft in einem ideologischen Bezugssystem ausgelegt, dessen zentrale Pflöcke der Panarabismus und die sozialistische Imperialismusdoktrin waren. Beides war für die palästinensische PLO konstitutiv und gerade die Ideologie vom antiimperialistischen Befreiungskampf gegen die Koalition von USA und Israel ermöglichte, dass der arabische Antizionismus auch bei europäischen Linken große Sympathien finden konnte.

Ein Wandel des ideologischen Bezugssystems begann mit der iranischen Revolution und setzte sich dann nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltsystems fort, der der Renaissance eines politisch akzentuierten Islam in einem neuen globalen Gefüge den Weg ebnete, in dem die politische und kulturelle Macht des Westens beständig schrumpft. Nur in diesem Kontext konnte sich der moderne arabische Antizionismus mit der archaischen Sprengkraft einer uralten Religionsfeindschaft aufladen, die aber auf einen israelischen Selbstbehauptungswillen trifft, in dem ebenfalls Modernes - der zionistische Patriotismus - und ein uraltes religiöses Rechtfertigungsmotiv amalgamiert sind. Über die Unversöhnlichkeit dieses Konflikts täuscht man sich in Westeuropa gewöhnlich hinweg, weil sich hier ein großer Teil der sogenannten Eliten und der jüngeren Generation gedanklich in Ideologien eines universalistischen Posthistoire eingerichtet hat, deren zentraler Markenkern ein diffuser Glaube an ein kommunikativ herstellbares Irgendwie weltweiter Harmonie ist. Die harten Fakten der historischen Normalität - zuvörderst diejenigen, die die Kategorien Feindschaft, Identität und Selbstbehauptungswillen ansprechen - sind in derartigen Ideenwelten weitgehend ausgeblendet, hier vertraut man lieber der pazifizierenden Kraft von Toleranzpostulaten. Nicht zuletzt das Erstarken des Antisemitismus in Westeuropa zeigt aber die Brüchigkeit solcher Ideologien. Denn in Westeuropa wird mehr und mehr unabweisbar, was Karl Lagerfeld auf den Punkt brachte: Dass Toleranzforderungen im Kontext der Massenmigration zugleich eine Öffnung der Einlasstore für den Import neuer Formen jener Feindschaft bewirken, die man hier als Folge einer katastrophalen historischen Schuld doch weitgehend überwunden glaubte.

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