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StartseiteSport am WochenendeVetternwirtschaft statt Transparenz28.01.2017

Neuer Chef der FIFA-FinanzkommissionVetternwirtschaft statt Transparenz

Die FIFA hat vor Kurzem die Mitglieder seiner ständigen Kommissionen bekannt gegeben. Vorsitzender der Finanzkommission ist ausgerechnet der Paraguayer Alejandro Domínguez: der Präsident der südamerikanischen Fußballkonföderation Conmebol - dem Epizentrum des größten Fußball-Korruptionsskandals der Geschichte.

Von Carsten Upadek

FIFA-Präsident Gianni Infantino (r.) mit Alejandro Dominguez, Vorsitzender der FIFA-Finanzkommission und Präsident von Conmebol, südamerikanischen Fußballkonföderation (NORBERTO DUARTE / AFP)
Die Ernennung von Alejandro Dominguez (l.) zum Chef der FIFA-Finanzkommission könnte für FIFA-Chef Gianni Infantino vorteilhaft sein. (NORBERTO DUARTE / AFP)
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Januar 2016: Sonderkongress der südamerikanischen Fußballkonföderation Conmebol in Asunción, Paraguay. Auf den Ehrenplätzen: viele unbekannte Gesichter. Erst einen Monat zuvor ist Präsident Juan Angel Napout verhaftet worden, auch seine beiden Vorgänger sitzen wegen des "FIFA-Gate"-Skandals in Haft sowie diverse Bosse nationaler Verbände. Nun auf der Bühne: ein Mann aus der zweiten Reihe: Alejandro Domínguez.

"Die Wahrheit ist, diese Krise ist die größte und tiefste, die die Conmebol je durchleben musste. Es darf keine schlechten Praktiken mehr geben bei der Vermarktung von Übertragungsrechten, kein weiteres korruptes Verhalten! Keine weiteren Privilegien Einzelner, die über den Interessen des Fußballs stehen!"

Domínguez ist gerade zum neuen Präsidenten des Kontinentalverbandes gewählt worden und gelobt nun Offenheit und Transparenz:

"Mein wichtigstes Versprechen ist es, die Glaubwürdigkeit und Reputation der Conmebol wieder herzustellen."

Eine neue Conmebol?

Zuständig für die angekündigten "großen Reformen" in der Konföderation sind Kommissionen, deren Mitglieder Domínguez fast ein Jahr später, im Dezember 2016 vorstellte. Darunter: Orlando Salvestrini, angeklagt im Siemens-Korruptionsfall in seiner Heimat Argentinien. Er soll 106 Millionen US-Dollar Schmiergeld bezahlt haben. Oder auch: Jorge Brito, verwickelt in den "Boudougate"-Skandal um Argentiniens Ex-Vizepräsidenten Amado Boudou. Das seien mehr als Fehlgriffe, sagt der argentinische Journalist Javier Lanza. Er wirft Conmebol-Boss Domínguez Vetternwirtschaft vor:

"Er spricht viel über die FIFA-Statuten. Aber die sagen ganz klar, dass es keine direkten Familienverbindungen innerhalb der Organisation geben darf. Warum arbeitet er dann mit seinem Schwager zusammen? Rodrigo Pérez Codas ist der Bruder seiner Frau Mércedes."

Schwager Pérez sorgte für Aufsehen, weil er schon vor seiner Ernennung ein Gehalt berechnet hatte und weil er 2003 wegen Check-Betrugs in Höhe von vier Millionen US-Dollar verurteilt worden war. "Er hatte mit ungedeckten Checks bezahlt. Aber das Urteil wurde in nächster Instanz in einer merkwürdigen Art annulliert", so Journalist Lanza.

Unmoralische Partner

Unter den neuen Führungskräften von Präsident Domínguez sind weitere Freunde sowie ehemalige Geschäftspartner um die Telefongesellschaft "Tigo". Der Mobilfunk-und Kabelanbieter hält exklusiv die Übertragungsrechte an Spielen der paraguayischen Fußballliga. Der Vertrag wurde 2011 vom Landes-Verband APF um gleich zehn Jahre verlängert - ein super Geschäft für Tigo, sagt der langjährige paraguayische Sportjournalist Marcos Velázquez:

"Tigo verdient damit pro Jahr 30 Millionen Dollar und zahlt an die APF nur 4,6 Millionen. Das wird aufgeteilt auf alle Klubs der 1., 2. und 3. Liga. Die wichtigsten Teams wie Cerro oder Olimpia bekommen pro Jahr aus Übertragungsrechten nur 360.000 Dollar. Das sorgt dafür, dass der paraguayische Fußball völlig am Boden ist."

Der Vertrag beraube die Klubs und damit den Fußball in Paraguay, so Velázquez. Ausgehandelt wurde er vom damaligen Führungsduo des Verbandes, Juan Angel Napout, inzwischen in den USA in Haft, und dessen damaligem Vize: Alejandro Domínguez, heute Südamerikas Fußball-Boss. In die Conmebol-Chefetage holte der nun: Ex-Tigo Manuel Astigarraga als Generalsekretär, Ex-Tigo Arturo Montero als Marketing-Direktor und den Ex-Geschäftsführer von Tigo Paraguay, Mario Zanotti, als rechte Hand. Journalist Velázquez findet, das sei unmoralisch, mindestens:

"Es kann nicht sein, dass der Ex-Präsident der APF als wichtigsten Berater den Mann ernennt, mit dem er Verträge unterschrieben hat, die alle Klubs und den paraguayischen Fußball betreffen. Einen Vertrag, der heute sehr infrage gestellt wird. Und es drängt sich mir der Verdacht auf, dass es da einen mafiösen Zusammenhalt gibt, um offene Fragen der Verträge und Geschäfte zu verdecken."

Exekutivkomitee entmachtet

Seit Langem versucht Velázquez ein Interview mit dem neuen Conmebol-Präsidenten zu bekommen – ohne Erfolg. Auch die Anfrage des DLF blieb unbeantwortet. Dem Sender SporTV sagte Alejandro Domínguez zur Frage, was sich in der Conmebol geändert habe:

"Alles hat sich geändert. Das System der Administration: eine offene Administration, Rechnungsbelege, Ziele und Maßnahmen."

Journalist Javier Lanza beobachtet anderes: "Er hat das Statut geändert, um seine Macht auszubauen. Im alten war das Exekutivkomitee das mächtigste Organ. Die neue Satzung sagt, im Notfall kann der Präsident Entscheidungen ohne Exekutivkomitee treffen, und muss es hinterher nur informieren."

Eigenmächtig änderte Domínguez den Zeitplan für Südamerikas wichtigsten Vereinswettbewerb, die Copa Libertadores. Das Ergebnis: Mexiko zog sich im November 2016 aus dem Wettbewerb zurück. Javier Lanza: "Ohne die Mexikaner könnte die Conmebol 25 bis 30 Prozent an Einnahmen verlieren."

Aufarbeitung von Korruption?

Im September 2016 schon sollte ein unabhängiges Gutachten erscheinen - Fehlanzeige. Außerdem wollte sich die Conmebol von den Firmen trennen, die Millionen-Schmiergelder für Übertragungs- und Marketingrechte bezahlt hatten und deren Besitzer allesamt in Haft sind. Auch das sei nicht passiert, so Journalist Velázquez:

"Nicht nur, dass man sich nicht getrennt hat von diesen Unternehmen, man macht auch weiter Geschäfte mit ihnen. Was ist also mit dem Versprechen geworden, die Conmebol zu reinigen, zu sanieren?

Kollege Lanza: "Alle Vorgänger waren schlecht, aber er ist der schlimmste von allen. Domínguez ist ein machtfiebernder Mann, der nicht zuhört, den Konsequenzen nicht interessieren, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Wir haben hier ein Sprichwort, das auf ihn und die Conmebol zutrifft: Manchmal ist ein Medikament schlimmer als die Krankheit!"

Oder kuriert an anderer Stelle: für FIFA-Präsidenten Gianni Infantino ist Domínguez wertvoll. Er soll wohl gegen den Widerstand der mächtigen Verbände Brasilien und Argentinien durchboxen, dass die Länder aus Nord-und Südamerika gemeinsam um die Qualifikation für die WM 2026 spielen. Das Ziel der FIFA: höhere Gewinne.

 

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