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StartseiteBüchermarktNeuer Geist des kontinentalen Denkens20.09.2006

Neuer Geist des kontinentalen Denkens

Diaphanes-Verlag importiert französische und italienische Philosophie

Kunst und Politik, Ästhetik und politische Philosophie bilden die Hauptthemen des Diaphanes-Verlags. Er engagiert sich für neue Philosophen und versucht Autoren aus anderen Wissenschaftskulturen wie Italien oder Frankreich wirkungsvoll in den akademischen Debatten in Deutschland zu platzieren.

Von Johan Hartle

Der Diaphanes-Verlag setzt sich für neue Philosophen ein. (AP)
Der Diaphanes-Verlag setzt sich für neue Philosophen ein. (AP)
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Zu den großen avantgardistischen Sehnsüchten zählt jene, vormals Unbeachtetes brandheiß zu platzieren, so dass es einschlägt wie ein Blitz und sich ins Zentrum der Debatten schiebt. In der Verlagslandschaft findet diese Sehnsucht immer wieder ihre Verwirklichung. Vor allem in der philosophischen Kultur bleibt dieses beinahe heroische Geschäft kleineren Verlagen vorbehalten, die von den Rändern des Diskurses ihren Ausgang nehmen.

Jene großen vier französischen Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - Jacques Derrida, Jean François Lyotard, Michel Foucault und Gilles Deleuze - haben in den frühen achtziger Jahren über Verlage wie den Berliner Merve Verlag und den Wiener Passagen Verlag, den Weg in die kulturellen Debatten gefunden, die schnell unter dem Stichwort "Postmoderne" zusammen¬gefasst wurden. In der jüngeren philosophischen Debatte spielen mit Alain Badiou, Jacques Rancière, Jean Luc Nancy und nicht zuletzt Giorgio Agamben erneut zunehmend Autoren aus dem französischen und italienischen Sprachraum eine Rolle, deren Denken erst in den letzten Jahren in größerem Stil in deutscher Übersetzung zugänglich wurde.

Sie deuten einen durchaus avantgardistischen Geist des kontinentalen Denkens an und ihre wissenschaftliche Bedeutung ist zu einem großen Teil dem publizistischen Engagement kleinerer Verlage zu verdanken, die sich mit ihrer Veröffentlichung profiliert haben. Neben dem Turia und Kant Verlag aus Wien tritt dabei vor allem ein kleiner Verlag mit Sitz in Berlin und Zürich hervor, der in diesem Jahr mit mehreren neuen Titeln dieser Autoren auf sich aufmerksam gemacht hat: Der Diaphanes-Verlag. Für seinen Verleger Michael Heitz steht das inhaltlich motivierte Engagement für jene neuen Philosophen auch am Anfang des eigenen publizistischen Engagements:

"Diese Autoren standen mit anderen Autoren ganz am Anfang von daher, dass ich im Grunde von der Philosophie her komme und nicht aus der Verlagsbranche und mich genau für dieses Umfeld immer schon interessiert habe und dann festgestellt habe, dass es in Frankreich, Italien, teilweise auch auf Englisch wesentlich mehr Publikationen gibt, als man vorfinden kann in Übersetzung. Teilweise konnte ich natürlich profitieren von deutschsprachigen Verlagen, die auch schon diese Autoren publiziert hatten und von daher waren diese Autoren im absoluten Fokus der ersten Überlegungen, wie man denn ein Programm eines Verlages dann aufbauen kann.

Als kleiner Verlag, der natürlich zunächst auch erst einmal bekannt werden muss, ist es gar nicht einfach, auch in die Öffentlichkeit zu kommen. Wenn das Namen sind, die zum Teil eben auch schon bekannt sind, dann hat man eine Chance, ein Profil aufzubauen im Programm, auch indem sich die Autoren und auch die Texte wechselseitig kommentieren, kritisieren, so dass sie eben auch miteinander etwas zu tun haben, so dass dann eben auch, wie wir glauben, ein relativ klares Profil sichtbar wurde und von daher dann eben auch Stück für Stück der Verlag als Ganzes bekannter wurde. "

Die Strategie des Imports französischen und italienischen Denkens steht für den Diaphanes-Verlag an vorderer Stelle. Die Frage der Übersetzung, des Vermittelns zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Kulturen ebenso wie zwischen verschiedenen Sprachen ist dabei zentral. Das größte Projekt des Verlags, das jüngst erschienene Hauptwerk Alain Badious, "Das Sein und das Ereignis" ist in dieser Hinsicht hervorragend. Gernot Kameckes Übersetzung ist preisgekrönt - ausgezeichnet mit dem Übersetzerpreis der DVA-Stiftung.

"Die Übersetzung ist sicherlich ganz zentral. Man macht das natürlich auf der anderen Seite auch nicht im luftleeren Raum. Es gibt hier natürlich auch Traditionen, die im Grund noch einmal quer laufen zu den einzelnen Autoren. Denn es gibt eine gewisse Begriffsgeschichte, eine Geschichte wiederum der Übersetzung von Begriffen und von Bezügen. Also das ist sicherlich ganz zentral, dass man eben schaut, dass man Übersetzungen vorlegen kann, die den Text wiederum auch aufschließen, denn darum geht es ja auch, den Text nicht zu verschließen, sondern ihn aufzuschließen, deswegen publiziert man ja die Bücher auch im Deutschen."

Zu erschließen gibt es einen neuen Geist des kontinentalen Denkens, dessen Atmosphäre nicht ganz leicht und noch lange nicht ex post zu bestimmen ist. Hegels Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung und jene zweite Generation nachstrukturalistischer Philosophie steht noch in gleißendem Rampenlicht. Auf den ersten Blick präsentiert sich jene neuere Philosophie daher in größter denkbarer Vielfalt und der Zusammenhang tritt nicht unmittelbar hervor. Während Rancière die Inkonsistenzen in den diskursiven Ordnungen des Sagbaren und Sichtbaren analysiert, geht es Alain Badiou um nicht weniger als eine mathematische Grundlegung der universalen Struktur des Seins.

Und während sich Giorgio Agamben in seinen Hauptthesen mit der politischen Konstitution des menschlichen Körpers befasst, spürt Jean-Luc Nancy den politischen und ontologischen Perspektiven des Heideggerschen "Mit-Seins" und den Oberflächenspannungen unserer visuellen Moderne nach. Eine disparates philosophisches Feld, so scheint es. Dennoch lassen sich, Michael Heitz zufolge, einige Grundfragen erkennen, die sich durch das Denken jener vier jüngeren Philosophen, des Denkens von Agamben und Badiou ebenso wie von Rancière und Nancy hindurch ziehen.

"Es gibt bestimmt auch Fragestellungen, die man bei allen vier Autoren erkennen kann. Das ist sicherlich ein sehr spezifischer Zugang oder eine spezifische Beschäftigung mit der Politik, also mit einem Denken der Gemeinschaft, der Gesellschaft, des Staates - das heißt bei den unterschiedlichen Autoren dann auch anders. Also das ist sicherlich ein Grundzug, der sie verbindet. Und vielleicht auch, dass alle vier, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise, wohl einerseits ein genuin philosophisches Denken haben, das auch immer wieder politische Grundsatzfragen behandelt, auf der anderen Seite aber auch im Grunde von allen Autoren ästhetische Schriften zu finden sind."

Doch nicht nur die doppelte Orientierung auf Ästhetik und Politik, sondern gerade deren eigensinnige Verknüpfung kennzeichnet ihre Gemeinsamkeit. Die Fundierung von Politik im Ereignis und die politische Orientierung an jenen Grundbegriffen des Singulären, des Unbestimmten und Unentscheidbaren - Aspekte, die in der philosophischen Tradition vor allem den Augenblick ästhetischer Erfahrung kennzeichneten - tritt als neue Dimension politischen Denkens hervor. Jacques Rancière und Alain Badiou sind in diesem Zusammenhang die Schlüsselautoren, wie auch in zwei Neuerscheinungen deutlich wird, die der Diaphanes-Verlag in diesem Jahr vorgelegt hat. Das ästhetische Ereignis, in dem vormals Unbewusstes hervorbricht, bildet den thematischen Schwerpunkt jenes Buches von Jacques Rancière, in dem es um "Das ästhetische Unbewusste" geht.

Die Strukturanalogie von ästhetischer und politischer Revolution nimmt Alain Badiou in seinem Opus Magnum "Das Sein und das Ereignis" in den Blick. Politik, der Augenblick, in dem sich die Totgeschwiegenen zu Wort melden und ein neues diskursives Paradigma auf den Plan tritt, erscheint im Denken von Badiou und Rancière als Sonderfall, der sich nur selten ereignet. Etwas, das keinen Einzug erhalten hat in die Systeme der Repräsentation, verschafft sich tosend Ausdruck - diskursive Revolutionen des Sichtbaren und Sagbaren, epistemische Brüche. Die ereignishafte Dimension der Politik, wie sie von Badiou und Rancière betont wird, steht im Zusammenhang einer Marx-Rezeption, die die Emphase des Pariser Mai 68 überlebt hat. Michael Heitz erkennt darin eine neue, zunehmend entspannte Marx-Rezeption:

"Und ich glaube auch, dass man von daher sagen kann, dass es sich um eine neue Generation handelt. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Beschäftigung mit Marx jetzt einfach auch in eine andere Phase getreten ist. Das hängt sicherlich auch allgemein mit Konjunkturen zusammen. "

"Anything went" sagte einmal der Soziologe Niklas Luhmann als polemische Verabschiedung der inzwischen modisch gewordenen Postmoderne. Und vertraut man den philosophischen Tendenzen, die sich im Programm des Diaphanes-Verlages andeuten, dann stehen politische und systematische Verbindlichkeit auch im kontinentalen Denken wieder hoch im Kurs. Alain Badious Denken entfaltet sich entlang der mathematischen Mengenlehre, wie sie von Georg Cantor vorgestellt wurde und verpflichtet sich damit auch dem Anspruch der formalen Stringenz.

Das jüngst erschienene Hauptwerk Badious ist ein ontologisch großer Wurf, das sich in die Kette aus Heideggers "Sein und Zeit" und Sartres "Das Sein und das Nichts" einreiht. Badious "Das Sein und das Ereignis" stützt die Philosophie dabei weniger auf das "Poem", wie es Heidegger versucht hatte, als vielmehr auf das "Mathem". Mathematische Formeln begleiten seine Argumentation, die sich auf vier Ebenen des Seins erstreckt.

Badiou streitet um Wahrheit und zwar in der Liebe, der Kunst und der Politik ebenso wie in der Wissenschaft. In allen vier Fällen, so ist seine starke Annahme, gründet sie im Ereignis, das etwas grundlegend Neues, Ungeahntes und Ausgespartes hervorbrechen lässt. Dass für diese historisch dynamische Konzeption des Seins ausgerechnet die Mathematik Pate steht, ist verblüffend. Der Leser wird jedoch leicht bemerken, dass sich Mathematik in den Händen des Romanciers und Dramaturgen Alain Badiou selbst zu einer poetischen Disziplin entwickelt.

Gemeinsam ist den philosophischen Autoren des Diaphanes-Verlags ein ästhetisches Interesse, das nicht rein theoretisch bleibt. Die Öffnung der Philosophie zur Kunst ist keine Einbahnstraße. Sie hat im Verlagsprogramm des Diaphanes-Verlags ihre Entsprechung in kulturwissenschaftlichen Analysen, in denen gleichermaßen philosophische Ansätze zum Tragen kommen. In dieser Hinsicht stechen die Publikationen Louis Marins heraus, einem der bedeutendsten französischen Kunstwissenschaftler, der die dekonstruktive Lektüre in die bildende Kunst trug und im Diaphanes-Verlags mittlerweile mit acht Publikationen vertreten ist.

Kunst und Politik, Ästhetik und politische Philosophie bilden den Fokus des Diaphanes-Verlags. Dabei gelingt es ihm immer wieder, Autoren aus anderen Wissenschaftskulturen, vorwiegend aus Italien und Frankreich wirkungsvoll in den akademischen Debatten hierzulande zu platzieren. Insbesondere mit "Das Sein und das Ereignis", dem opulenten Hauptwerk Alain Badious, aber auch mit Jacques Rancières "Das ästhetische Unbewusste", Jean-Luc Nancys am Grund der Bilder und der Werkreihe Louis Marins ist ihm das erneut in hervorragender Weise gelungen.

Bücherliste

Jacques Rancière: "Das ästethische Unbewusste"
Diaphanes Verlag, 64 S., 12,90 €

Alain Badiou: "Das Sein und das Ereignis"
Diaphanes Verlag, 560 S., 49,00 €

Jean-Luc Nancy: "Am Grund der Bilder"
Diaphanes Verlag, 173 S., 19,90 €

Louis Marin: "Das Porträt des Königs"
Diaphanes Verlag, 448 S., 49,00 €

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