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StartseiteUmwelt und VerbraucherExpertin: Zustand des Waldes "historisch schlecht"24.02.2021

Neuer JahresberichtExpertin: Zustand des Waldes "historisch schlecht"

Der neue Waldzustandsbericht zeige so schlechte Werte wie noch nie, sagte die Expertin für Waldökosysteme, Nicole Wellbrock, im Dlf. Angesichts der Schäden forderte sie klimastabile Wälder. Dazu seien Anpflanzungen möglichst mit Mischwald, also nicht mehr Monokulturen, nötig.

Nicole Wellbrock im Gespräch mit Stefan Römermann

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Spaziergänger gehen durch den Wald. Die Lage in nordrhein-westfälischen Wäldern verschärft sich: Bäume werden durch Borkenkäfer und Dürre auch 2020 massenhaft absterben, schätzen Experten. Das Land stockt seine Hilfen deutlich auf. (picture alliance/dpa | Fabian Strauch)
Der neue Waldzustandsbericht zeigt historisch schlechte Werte (picture alliance/dpa | Fabian Strauch)
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Wie gut oder wie schlecht es dem Wald in der Bundesrepublik geht, das beschreibt alljährlich der Waldzustandsbericht. Aktuell sei der Zustand der Wälder "historisch schlecht", sagte Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme. Sie hat die Erhebungen zum neuen Waldzustandsbericht im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft koordiniert. Besonders bei einzelnen Baumarten, etwa bei der Fichte, seien die Zustandswerte "wirklich sehr schlecht", sagte Wellbrock.


Stefan Römermann: Woran kann man eigentlich genau einen kranken Baum als erkennen?

Nicole Wellbrock: Der Kronenzustand bezieht sich auf die Krone, das ist der obere Teil des Baumes. Und bei den Nadelbäumen sieht man ganz klar, dass die bräunlich sind, gelblich-bräunlich, oder eben auch fehlen, dass die so ein bisschen durchhängen, sage ich jetzt mal so ganz salopp. Bei dem Laubbaum wird man im Moment natürlich noch nichts sehen, das kann man, wenn man ein geschultes Auge hat, bei der Buche an der Verzweigung sehen, die sich dann bei Langschädigung ändert. Das wird man natürlich erst mit dem Blattaustrieb sehen, wenn es Kleinseitigkeit gibt oder wenn es sehr viele Früchte gibt bei der Buche zum Beispiel.

Römermann: Aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass man einen Großteil der Schäden tatsächlich auch als, ich sage mal, normaler Waldspaziergänger, als Wanderer schon mit bloßem Auge sehen kann oder sind das tatsächlich nur die schwersten Schäden, die man dann sieht?

Wellbrock: Ich denke, am Anfang ist das relativ schwer zu sehen, dass da so eine lückige Krone ist, dass da so eine Kronenverlichtung stattfindet, wird man vielleicht eher mit geschultem Auge sehen. Wenn es dann schwerer wird und man wirklich auch mitten im Sommer braune Nadeln sieht an den Bäumen, ist es schon relativ weit.

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Und wenn der Borkenkäfer da ist, dann sieht man das natürlich an der Rinde, aber das ist dann wirklich schon sehr spät. Was man natürlich im Moment auch sehen kann, sind die Freiflächen. Wir haben ja sehr große Schadflächen gehabt durch den Borkenkäfer, die sind abgeräumt worden. Und jetzt sieht man die Freiflächen im Wald, das kann man sehr gut sehen.

Römermann: Ja, das habe ich bei uns im Wald auch beobachten können, dass da große Flächen teilweise gerodet wurden. Was sagen denn die Zahlen insgesamt, wie gut oder wie schlecht geht es unserem Wald momentan?

Wellbrock: Ja, ich würde fast sagen, historisch schlecht.

Römermann: Historisch schlecht?

Wellbrock: Ja, wirklich. Wir beobachten den Grundzustand ja seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch im ganzen Bundesgebiet. Und die Zahlen einzelner Baumarten, gerade die Fichte, sind wirklich sehr schlecht – mit 44 Prozent deutliche Verlichtung. Diese Zahlen hatten wir noch nie, auch in den 1980er-Jahren nicht.

Wozu Hitzeschäden im Wald führen

Römermann: Also da ist ist fast jeder zweite Baum tatsächlich geschädigt.

Wellbrock: Genau, ohne Verlichtung 21 Prozent nur noch, auch das hatten wir in dem Ausmaß noch nicht. Das ist, ja, wirklich sehr schlecht. Und was wir auch sehen, ist, dass auch andere Baumarten wie die Buche tatsächlich auch sehr hohe Werte aufweisen mit einer deutlichen Verlichtung von 55 Prozent sogar. Und ohne Verlichtung nur noch elf Prozent, das ist eben eine Folge der drei sehr warmen und trockenen Jahre. Und bei der Buche eben sogar Hitzeschäden, die dann aufgetreten sind.

Römermann: Da sind wir dann an dem Punkt, dass teilweise nur noch jeder zehnte Baum gesund ist.

Wellbrock: Ja.

Römermann: Welche Bäume sind denn aktuell am stärksten betroffen? Ist das die Buche, die Fichte, Kiefer, was muss ich mir da vorstellen?

Wellbrock: Das ist mit Abstand die Fichte. Die ist so stark geschädigt, dass man sagt, dass in den unteren Lagen die Fichte auch keine Zukunft mehr hat für den Wald sozusagen. Und die Kiefer, der ging es immer ganz gut, die kann mit Trockenheit ganz gut umgehen, aber seit 2019 sehen wir auch da Probleme, weil sie mit Hitze nicht sehr gut umgehen kann. Die Laubbaumarten, da ist es so, dass die eigentlich vorher einen schlechteren Trend aufgewiesen haben, insbesondere die Eiche, die war eben geschädigt durch den Eichenprozessionsspinner. Da wird das jetzt ein bisschen besser, weil diese Schädlinge nicht mehr da sind. Aber insgesamt geht es bei den vier Hauptbaumarten keiner Baumart wirklich gut.

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Römermann: Und sind dann da vor allem die Wirtschaftswälder, wo wirklich eine Fichte neben der anderen steht, diese Monokulturen geschädigt oder sind auch Mischwälder davon betroffen?

Wellbrock: Diese Aussage können wir mit der Waldzustandserhebung schwer treffen, aber wir sehen aus anderen Untersuchungen, dass Mischwälder besser dastehen, weil wenn der Borkenkäfer durchgeht, sind Monokulturen davon eher betroffen, das ist ganz klar. Was wir aus der Waldzustandserhebung aber sehen, ist, dass – wir unterteilen noch mal nach Bäumen über und unter 60 Jahren –, dass insbesondere alte Bäume sehr stark auch betroffen sind.

Römermann: Und sind das aktuell jetzt nur, ich sage mal, statistische Ausreißer, dass das jetzt aktuell so schlimm aussieht? Oder sehen Sie da tatsächlich einen Trend, der sich vielleicht auch noch weiter fortsetzt?

Wellbrock: Also, wie gesagt, die Zeitreihe, das ist das Schöne, ist ja sehr lang. Und wir haben im Jahr 2003, das war ein sehr trockenes, heißes Jahr, mal so einen Ausreißer gehabt. Jetzt haben wir aber drei Jahre nacheinander. Und wir sehen, 2018 schlägt sozusagen 2003 noch an Trockenheit, dass das schon ein deutlicher Trend ist. Das ist kein einzelner Ausreißer, wie wir das in den Jahren vorher sehen, und danach beruhigt sich das Ganze, das geht nach oben. Und es ist ja so, dass durch die Trockenheit im Nachgang der Borkenkäfer kommt, der ist jetzt in den Beständen drin. Und wir sehen auch durch Untersuchungen, dass das Klima des Vorjahres eine Rolle spielt. Das heißt, da es ja 2020 warm war, wird auch das Jahr 2021 nicht viel besser. Und der Klimawandel fängt ja erst an, wir sind ja nicht am Ende.

Was für einen gesünderen Wald getan werden kann

Römermann: In den 1980er-Jahren hat ja das Schlagwort vom Waldsterben die Runde gemacht. Das hat ja auch den Ausschlag gegeben, dass überhaupt diese Waldzustandsuntersuchungen durchgeführt wurden. Inwieweit ist denn die Situation mit damals zu vergleichen? Sie haben ja schon gesagt, es ist eigentlich noch schlimmer jetzt, aber damals konnte man ja, ich sage mal, auch irgendwo ein bisschen gegensteuern. Man hat dann ganz massiv Waldböden gekalkt. Kann man gegen diese Schäden jetzt auch irgendwas machen?

Wellbrock: Ja, damals waren das ja vor allen Dingen saure Einträge auch als Ursache ...

Römermann: Also der saure Regen.

Wellbrock: Genau, aus den Schwefelemissionen. Da konnte man mit technischen Maßnahmen, Einbau von Filteranlagen, das ganz gut regulieren. Natürlich haben Böden aber auch ein Gedächtnis. Dann hatten wir so eine Zeit, wo die Stickstoffeinträge nicht zurückgegangen sind, die sind auch belastend. Das ist alles vorgeschädigt. Jetzt kommen wir zum Klimawandel, und ich glaube, wir alle wissen, dass es nicht so einfach ist, etwas gegen den Klimawandel zu machen, das heißt, wir müssen auch sehen, wie wir den Wald anpassen. Und gerade diese Fichtenbestände, die jetzt abgeräumt wurden, der Wald sollte dort wieder entstehen, weil er ja viele Funktionen hat. Auch für den Wasserhaushalt auf diesen Freiflächen, es ist sehr trocken und sehr warm dann, es gibt keinen Lawinenschutz, Erosion findet dort statt, Nährstoffabbau und so weiter. Dann ist die Frage, mit welchen Baumarten bekommt man das hin. Und wenn der Waldzustandsbericht zeigt, dass eben alle Baumarten, alle heimischen Baumarten so geschädigt sind, dann werden wir auch andere Baumarten aus südlicheren Bereichen mit einmischen müssen, um einen artenreicheren Mischwald zu bekommen, der auch klimastabil ist und die ganzen Ökosystemfunktionen, die wir ja mittlerweile alle auch haben wollen im Wald, erfüllen kann.

Römermann: Aber das klingt schon so, als ob die Stellen und Flächen, die jetzt beschädigt sind, eigentlich kaum noch zu retten sind.

Wellbrock: Na ja, die wurden zum Teil ja eben auch abgeräumt, da befindet sich gar kein Wald mehr. Und da muss eben wieder bewaldet werden, und das eben mit klimastabilen Wäldern. Dazu sind Anpflanzungen möglichst mit Mischwald, also nicht mehr Monokulturen, wichtig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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