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StartseiteKommentare und Themen der WocheKeir Starmer, der Mann für ernste Stunden04.04.2020

Neuer Labour-ChefKeir Starmer, der Mann für ernste Stunden

Der neue Labour-Chef sei kein charismatischer Redner und möge bisweilen langweilig erscheinen - doch genau dies qualifiziere ihn für den Posten, kommentiert Friedbert Meurer. Der seriöse und erfahrene Keir Starmer habe das Potenzial zum ernsthaften Gegenspieler von Premierminister Boris Johnson.

Von Friedbert Meurer

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. 16/02/2020. London, United Kingdom. Keir Starmer. Candidate in the race to lead the Labour Party Keir Starmer, addresses a campaign rally at the Roundhouse. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY xGustavoxValientex/xi-Imagesx IIM-20790-0040 (www.imago-images.de)
Vor Keir Starmer liege noch ein langer Weg, meint Friedbert Meurer, aber der erste Schritt aus der Labour-Krise sei getan (www.imago-images.de)
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Seit 15 Jahren hat die größte linke Partei Europas keine Wahl mehr gewonnen. Viermal in Serie zog seitdem Labour den Kürzeren, beim letzten Mal in Dezember war es besonders schmerzhaft. Die Partei erhielt so wenige Sitze im Unterhaus wie seit 80 Jahren nicht mehr. Es war ein absolutes Desaster.

Die Parteilinke und Jeremy Corbyn bewahren sich allerdings ihre eigene Sichtweise auf die Dinge. Sie lautet: Der Kandidat und das Wahlprogramm waren großartig. Einzig nur der Brexit hat verhindert, dass Labour den verdienten Lohn für sein unermüdliches Streben nach Gerechtigkeit einfahren konnte. Selbstkritik bleibt hier völlige Fehlanzeige.  

Selbst wenn es stimmt, dass die Wahlniederlage vor allem mit dem Brexit zu tun hatte, dann muss sich Labour fragen lassen: Warum hat man sich denn so von Boris Johnson vorführen lassen? Johnson hat seine Partei geeint, teilweise mit brachialen Mitteln, sprich: indem widerspenstige Ex-Remainer aus der Fraktion ausgeschlossen wurden. Corbyn dagegen führte seine Partei amateurhaft wie eine Protestbewegung.

Starmer muss Corbyns Personal loswerden

Jetzt wendet sich die Partei einem neuen Vorsitzenden zu. Keir Starmer hat mit den 56 Prozent Zustimmung im ersten Durchgang einen klaren Vertrauensbeweis erfahren. Die über 500.000 Mitglieder wollen einen seriösen, erfahrenen Mann an der Spitze, der Labour einen und wieder wahlfähig machen kann. Seine vorbereitete Rede heute war ein gelungener Anfang. Keir Starmer präsentierte sich den Britinnen und Briten mit einer Rede an die Nation.

Starmer, ein ehemaliger Generalstaatsanwalt, ist eigentlich kein charismatischer und wortgewandter Redner. Während beim Amtsinhaber Boris Johnson immer noch Zweifel bestehen, ob er nicht doch ein Luftikus ist, der es mit geschliffener Rhetorik und taktischer Schläue nach oben gebracht hat, könnte jetzt mit Starmer ein echter Gegenspieler antreten. Starmer mag langweilig erscheinen. Er wird nie von den Jungen auf Popkonzerten gefeiert werden. Gesucht wird jetzt aber kein Heilsbringer und kein Redekünstler aus dem Oxford-Debattierclub, sondern ein Mann für ernste Stunden.

Jeremy Corbyn, ehemaliger Vorsitzender der britischen Labour Party (dpa/ Sputnik/ MacNaughton/ MacNaughton)Jeremy Corbyn, ehemaliger Vorsitzender der britischen Labour Party (dpa/ Sputnik/ MacNaughton/ MacNaughton)

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Aber vor Keir Starmer liegt ein langer Weg. Selbst wenn er inhaltlich Labour zumindest zunächst nicht zur Mitte hin neu verordnen, sondern am Kurs Corbyns festhalten will: Er muss dessen Personal loswerden, das den Parteiapparat im Würgegriff hält. Starmer muss die Leute aus der Partei werfen, die jüdische Parteimitglieder in Scharen von Labour verjagt haben.  Starmer kann auch gegenüber den immer noch einflussreichen Gewerkschaften nicht frei schalten, wie er will.

Labour könnte wieder zu einer ernsthaften Alternative werden

Es ist nicht nur clever, weiter einen Linkskurs zu fahren, sondern er passt auch im Moment. Selbst Boris Johnson schreibt seit Monaten bei Labour ab. Die Wahl hat er gewonnen, weil er sich von der Sparpolitik seiner Vorgänger klar abgegrenzt hat. Seinen Schatzkanzler lässt er jetzt mit Milliarden Pfund regelrecht um sich werfen, um die wirtschaftliche Folgen der Coronakatastrophe abzufedern.

Eine neue Ära hat Keir Starmer heute versprochen. Zumindest kann Labour jetzt  wieder zur ernsthaften Alternative werden. Aber die nächste Wahl ist erst in gut vier Jahren. Das Virus hat Boris Johnson schon für mehr als eine Woche außer Gefecht gesetzt. Wenn das Land demnächst das Gefühl bekommt, dass er auch nicht annähernd so wie sein großes Vorbild Churchill ist, dann könnte das Urteil über Boris Johnson schneller fallen, als alle das erwartet haben.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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