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StartseiteCorso"It's OK to love DLDGG"08.07.2017

Neues Album der "Liga der gewöhnlichen Gentlemen""It's OK to love DLDGG"

"Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen" spielt Northern Soul mit deutschen Texten, die von Fußball und Kneipen handeln dürfen, nie aber von Befindlichkeiten. "Du sollst versuchen, nicht zu langweilen", propagierte Sänger Carsten Friedrichs im Deutschlandfunk.

Carsten Friedrichs im Corsogespräch mit Bernd Lechler

Die Musiker von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen vor ihrem Proberaum in Hamburg (Bild: Stefan Malzkorn)  (Stefan Malzkorn)
"Wir dachten, wir weisen die Leute mal direkt darauf hin, wie gut diese Kapelle ist" (Stefan Malzkorn)
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Bernd Lechler: Es gibt einen berühmten Comic vom Watchmen-Erfinder Alan Moo­re, der heißt "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen". Auch als gelungene Verfilmung mit Sean Connery und David Hemmings. Wenn sich eine Band dann Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen nennt, kurz DLDGG, dann weiß man schon: Allzu ernst nehmen die sich nicht. Trotzdem sind sie Gentlemen. Und eine Liga, das gebietet Respekt. Die fünf kommen aus Hamburg, teils Berlin, machen eine Art deutschen Northern Soul und singen dazu vom Alltag, von Legenden, gern auch mal vom Fußball; verlässlich pathosfrei - und nicht zu wüst, aber schon mit ein bisschen Punk-Attitüde - die frühere Band von Sänger Carsten Friedrichs hieß ja sogar Superpunk. "It's OK to love DLDGG": diesen Titel des neuen, dritten Albums hat er mir beim Corsogespräch vor einigen Tagen als erstes erklärt.

Carsten Friedrichs: Also die Diskrepanz zwischen der Qualität unserer Band und der öffentlichen Wahrnehmung, die erschien uns erstaunlich. Und wir dachten, wir weisen die Leute mal direkt darauf hin, wie gut diese Kapelle ist.

Lechler: Und dass es OK ist, Sie zu mögen?

Friedrichs: Ja. Uns kam es ein bisschen komisch vor, zu sagen: Es ist Pflicht, diese Band zu lieben. Dann, Understatement, haben wir gesagt: It's OK.

"Gute Popmusik ist keine Raketentechnik"

Lechler: 2012 gegründet, jetzt das vierte Album in fünf Jahren. Das ist dreimal so viel, wie heutzutage üblich! Woher dieser irrsinnige Output?

Friedrichs: Ich glaube, ich verrate kein Betriebsgeheimnis, wenn ich sage, dass gute Popmusik machen keine Raketentechnik ist. Und wir haben Spaß an Musik und es geht uns relativ leicht von der Hand. Und wir sehen nicht ein, die Öffentlichkeit länger warten zu lassen, als nötig.

Lechler: Das Album ist immerhin kurz, 32 Minuten. Heißt das, dass Sie so schnell auch wieder nicht sind? Oder ist das auch ein Statement?

Friedrichs: Also ich bin Popmusik-Fan, ich sammle gerne Singles und ich finde: ein Song über drei Minuten? Da braucht es schon gute Argumente, dass der so lang sein muss.

"Ich bin gerne im Hier und Jetzt"

Lechler: Wie früher, ne? North End Soul und Punk und Beat – die Einflüsse sind eher britisch als amerikanisch.

Friedrichs: Ich würde sagen, das ging durch so einen britischen Filter. Also die haben sich ja auch alle bei Rhythm and Blues, Soul bedient – auch Punk kam ja ursprünglich aus den USA – und die haben dann ihren eigenen Sound gemacht. Und ja: Wir haben dann so uns an den britischen Varianten dieser Musiken orientiert, das stimmt.  

Lechler: Es gibt ein Schlussstück auf diesem Album, bei dem so fingierte englische Zeitgenossen – wie in einer Doku, in O-Tönen – erzählen, warum die Liga so eine historische Band ist. Einerseits lustig – aber es klingt auch wie eine wehmütige Erinnerung an vergangene Pop-Epochen. In welchem Jahrzehnt hätten Sie gern Musik gemacht?

Friedrichs: Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Hier und Jetzt. Obwohl ich Musik aus den 60ern, 70ern tatsächlich lieber mag, als die heutige Musik. Aber heutzutage finde ich das alles praktischer. Platten aufnehmen ist praktischer, Musik zu hören ist praktischer und ich bin eigentlich ganz gerne im Hier und Jetzt und mache Musik.

Lechler: Ah! Also kein Vinylfreak oder so, wie man jetzt vielleicht vermuten könnte, bei der Musik?

Friedrichs: Doch, das auch. Aber, zum Beispiel: Früher war es so. Wenn ich in Hamburg eine Platte kaufen wollte, musste ich mit dem Rad zum Plattenladen fahren durch den Regen. Und dann habe ich gefragt: Ich hätte gern die neue Stone Roses, da würde ich gerne mal reinhören. Und dann hat er gesagt: Die wurde gerade gekauft, komm in zwei Wochen wieder. Und das fand ich doof. Und da finde ich das heutzutage mit diesem praktischen Internet besser.

Lechler: Ist es wahr, dass zwei sehr unterschiedliche 80er-Jahre-Ikonen auf dem Album mitgewirkt haben? Nämlich Lloyd Cole und Andreas Dorau?

Friedrichs: Genau! Das sind nämlich beim letzten Stück keine fingierten Personen, das sind tatsächlich leibhaftige Stars in unserem Universum. Zum Beispiel Lloyd Cole gibt ein Zitat zum Besten, Bid von Monochrome Set, Jean-Hervé von Faust – das sind Freunde von uns, Bekannte. Und die haben wir gefragt, ob sie nicht ein paar warme Worte über die Liga haben würden. Und dann haben die das aufgenommen und uns geschickt – und wir haben den Song daraus gebastelt.

Der Haarschnitt der Vergessenen

Lechler: Um Ihren lyrischen Horizont mal so ein bisschen zu umreißen: Das Lied "Und Pete kämmt die Haare zurück", zum Beispiel, erzählt welches Stück Popgeschichte?

Friedrichs: Das erzählt die tragische Geschichte des ersten Beatles-Schlagzeugers Pete Best, der kurz vor dem großen Durchbruch der Beatles rausgeflogen ist aus der Band. Und es gibt mehrere Legenden, warum das so gewesen sein könnte: Eine Legende sagt, er sah zu gut aus, er hätte den anderen zu viel Konkurrenz gemacht. Andere wiederum sagen, dass die Mutter, die auch Managerin war, dass Brian Epstein nicht wollte, dass die dazwischenfunkt. Und die dritte Legende geht: Er wollte sich nicht diesen Beatles-Haarschnitt machen lassen. Also er wollte diese Rock'n'Roller-Tolle tragen. Und die Haare in die Stirn gekämmt? Das fand er bescheuert. Und da hat er nicht mitgemacht und dann haben die gesagt: Pete you are out. Und ja, diese Fallhöhe aus Frisur und "Nicht-mehr-bei-den-Beatles-Sein", die fand ich faszinierend. Und da haben wir den Song dann drüber gemacht.          

Lechler: Und der ist irgendwie typisch, finde ich. Sie haben auch schon ein Lied über den Beifahrer von James Dean geschrieben, bei der Fahrt, die am Baum endete. Woher kommt dieses Interesse an den vergessenen oder den übersehenen Figuren?

Friedrichs: Ich finde, Popmusik sollte gute Musik sein. Und wenn als Mehrwert dann noch ein guter Text ist, ein interessanter Text – am Besten über ein Thema, über das noch nicht allzu viel gesungen wurde – dann macht das für mich einen perfekten Popsong aus. Und deswegen suchen wir immer Themen, über die es, unserer Kenntnis nach, noch gar keine oder sehr wenige Stücke gibt.

"Man schreibt am besten über das, was man gut kennt"

Lechler: Ist die ganze Band dann immer einverstanden und sagt: Ja, das ist eine super Geschichte, die Du da bringst?                

Friedrichs: Also bisher gab es noch keine Beschwerden. Ich glaube, wenn ich ein ganz befindliches Lied über meine Gefühle machen würde, dann würden die eher sagen: Lass mal lieber, das können andere Leute besser. Aber so waren die bisher – solange ich im Raum war – immer sehr einverstanden mit den Texten.

Lechler: Auf die Gefühle kommen wir noch! Aber bleiben wir noch einen Moment bei den Geschichten – wo finden Sie die? Also Pete Best, gut, kriegt man so mit. Aber das mit dem Beifahrer von James Dean? Oder auch andere, der Eismann in Hamburg?     

Friedrichs: Song für Eis-Gerd, das war eine Gaststätte, in der ich früher sehr gerne selber verkehrt habe. Und mir fiel auch auf: Es gibt kaum Stücke über Gaststätten, über Kneipen. Und diesen Zustand wollten wir ändern. Und da man als Autor am besten über das schreibt, was man gut kennt, habe ich halt einen Song über meine ehemalige Stammkneipe gemacht, die es nicht mehr gibt. Und ja, die anderen Geschichten halt – Zeitung lesen.

"A tragedy upon a tragedy"

Lechler: Ein anderer Song heißt: Eine Tragödie kommt selten allein. Das ist die Geschichte, wie einer nach dem Tod von David Bowie nicht einfach RIP auf Facebook posten will, sondern das alte Tour-T-Shirt rausholt und zu Ehren des Verstorbenen tragen will. Und dann stellt er fest: Er ist dafür zu dick geworden. Eine Tragödie kommt selten allein. Das stand aber nicht in der Zeitung?

Friedrichs: Nee, das stand nicht in der Zeitung. Das war ein Facebook-Post eines Freundes, der hat geschrieben: "David Bowie has died and I am too fat for my Bowie-T-Shirt. A tragedy upon a tragedy." Und das fand ich auf der einen Seite lustig, auf der anderen Seite auch sehr berührend. Und da haben wir den Song drüber gemacht. Es ist vielleicht ein bisschen rustikal der Humor, aber den Elfmeter mussten wir verwandeln.

"Jungs, wir geben auf"

Lechler: Ein Song heißt "Lass uns ins Museum gehen" - "Lass uns ins Museum gehen / Und uns die New-Wave ansehen / Goethe-Institut? Gar nicht schlimm / Denn dort gehört sie nun mal hin." - Welcher Gedanke, welche Beobachtung steckt dahinter?

Friedrichs: Es gab hier in Hamburg mal so eine Ausstellung über New-Wave, frühe Neue Deutsche Welle – und diese Musik, die war ja in den 80ern so neu und hat so in die Zukunft gezeigt. Und ich fand das faszinierend, dass die auf einmal im Museum steht. Und diese Diskrepanz hat mich fasziniert und da haben wir den Song drüber gemacht.

Lechler: Wir haben vorhin schon über den Erfolg gesprochen oder - Sie haben es angedeutet – der nicht so große, der sich verbirgt im Albumtitel. Nun gibt es den, etwas besorgniserregenden, Song "Ballade von der Band" mit dieser Refrainzeile: "Jungs, kommt, wir geben jetzt auf". Weil die Bassanlage so schwer zu tragen ist und die Bandkasse leer und ernste Männer und Langweiler die Charts füllen, während die Liga … naja. Auch wieder witzig. Aber wie ernst war der Auslöser für diesen Song?

Friedrichs: Der Song "Ballade von der Band", das ist eine Coverversion von einer britischen Band der 80er Jahre namens Felt. Der Song hieß "Ballad of the Band". Und "It's OK to love the DLDGG" war eigentlich als Konzeptalbum über unsere Band konzipiert. Da wollten wir auch die Schattenseiten des Musikmachens beleuchten. Und der Gedanke, hinzuschmeißen, der kommt einem schon, wenn man eine unglaublich schwere Bassbox in den dritten Stock über die Treppe hochschleppen muss. Dann denkt man sich, ab und zu, ganz kurz blitzt das mal auf: Jungs, wir geben auf.

"Das ist wie eine Sucht"

Lechler: Was lässt einen weitermachen? Was sind die Hauptmomente, die einen tragen?

Friedrichs: Die Freude am Krach. Die Freude an der Selbstdarstellung. Die Freude daran, Leute kennenzulernen, sich über Musik auszutauschen, Teil einer Szene zu sein. Ich denke, wenn man einmal damit angefangen hat, dann kommt man da auch schwer von los. Das ist wie so eine Sucht.

Lechler: Hat die Liga auch Regeln? So 10 Gebote der Liga-Musik?

Friedrichs: Nee, nur eine: Du sollst versuchen, nicht zu langweilen! Das ist eigentlich die erste und einzige Regel.

Wie ernst ist zu ernst?

Lechler: Und sich nicht zu ernst zu nehmen, ne?

Friedrichs: Ja, genau. Also …

Lechler: Wie ernst ist zu ernst?

Friedrichs: Das muss jeder selbst entscheiden. Aber manchmal neigen Künstler oder Musiker dazu, sich selber zu ernst zu nehmen, mit einem heiligen Ernst auf einer Mission zu sein. Und ich finde, das wirkt immer so ein bisschen unfreiwillig komisch. Und ich bin ein sonniges – vielleicht auch ein bisschen schlichtes – Gemüt und ich nehme mich selber auch ungern zu ernst.             

Lechler: Lieber freiwillig komisch!

Friedrichs: Genau!

"Fröhliche Up-Tempo Musik mit todtraurigem Text"

Lechler: Und gerne auch albern. Aber es groovt ja auch. Man will ja auch sexy sein, oder? Also hinter der Albernheit muss noch was stecken – Sie sind keine Quatschband!

Friedrichs: Nee, also albern würde ich das jetzt auch gar nicht sagen. Nur: Es ist halt letztendlich Unterhaltungsmusik, die wir machen. Und das Wohl und Wehe der Welt hängt davon nicht ab. Unseres vielleicht schon. Klar, es soll schon so ein bisschen … glamourös ist das für mich sowieso, wenn ich auf eine Bühne gehen kann, wenn eine Platte rauskommt, wenn ich jetzt interviewt werde. Dann ist das für mich glamourös genug.

Lechler: Ein Song heißt: Liebe wohnt hier nicht mehr. Den Songtitel gab es in den 70ern bei Rolls Royce, "Love don't live here anymore" - hat Madonna gecovert. Und als ich den Titel las, dachte ich: Ach, da kommt jetzt mal eine Ballade! Aber nix. Das poltert auch wieder lustig. Schreiben Sie auch manchmal einen ernsten Song und müssen den dann wegwerfen, weil das nix für die Liga ist?

Friedrichs: Nee, also der Song, der Text ist ja eigentlich ziemlich ernst. Und das ist halt dieser alte Motown-Bauerntrick: Fröhliche Up-Tempo-Musik mit einem todtraurigen Text. Und weil wir halt Soulfans sind und dieses Konzept großartig finden, haben wir halt so einen Song versucht, zu machen.

"Ich kann es nicht ändern"

Lechler: Gibt es auch so richtig todernste Musik, auf die die Band sich einigen könnte oder kann? Radiohead?

Friedrichs: Weiß nicht. Also es gibt bestimmt Bandmitglieder, die bei der Band Radiohead was gefunden haben, was ich auch nach langem Suchen vermutlich nie finden werde. Und ja, unser Keyboarder zum Beispiel, der hört gerne elektronische Musik der 70er Jahre, Krautrock und abstrakte Musik – vielleicht empfindet der das auch humorig, aber mir kommt diese Musik auch immer sehr ernst vor.

Lechler: Hm. Nick Cave?

Friedrichs: Nick Cave hatte ich mal eine Single, die hieß "The Singer". Die fand ich ziemlich gut, aber dann habe ich die Karriere nicht mehr so verfolgt. Also ich mochte den Song mit Kylie Minogue sehr gerne. Und ich glaube, da könnten wir uns auch alle in der Band drauf einigen.

Lechler: Revolverheld?

Friedrichs: Welchen Song hatten die noch mal?

Lechler: Nein, war … ist Spaß! Ich meine, wir haben das Lied mit den ernsten Männern, die Erfolge feiern vorhin schon kurz angesprochen – aber ich hätte auch sonst gefragt, weil ich das Gefühl habe: Wer deutschsprachige Songs macht wie Sie, mit so absolutem Gefühligkeitsverbot, den nervt so einiges an den deutschsprachigen Songs, die sonst so gerade durch die Charts gehen?

Friedrichs: Das ist richtig. Viele deutsche Songs – sehr pathosgeladen, auch sehr einfällig. Nervt mich das? Ja, nervt mich. Es regnet gerade in Strömen, das nervt mich auch. Ich kann es nicht ändern, ist halt so. Ich kann es besser machen – und wir machen es besser.

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