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StartseiteRock et ceteraAchtbeinige Pferde im Stepptanz06.12.2020

Neues Album Long Tall JeffersonAchtbeinige Pferde im Stepptanz

Wie wird Folkmusik der Zukunft klingen? Diese Frage hat sich der Schweizer Künstler Simon Borer alias Long Tall Jefferson gestellt – und sie auf seinem dritten Studioalbum "Cloud Folk" durchexerziert. Das Ergebnis: Unterm Autotune lauert viel Folk-Gefühl.

Von Tim Baumann

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Ein Mann im weißen T-Shirt mit schwarzen Haaren blickt in die Kamera. Er stützt seinen Kopf in die Hand. (Ella Mettler)
Long Tall Jefferson: Simon Borer aus dem Schweizer Kanton Luzern (Ella Mettler)
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Wenn es um Folkmusik geht, ist Authentizität das dominierende Kriterium, immerhin steht das Genre im Allgemeinen nicht in dem Ruf, übermäßig abgehoben und musikalisch komplex zu sein. Mit dieser Erwartung, das sei jetzt schon verraten, bricht Long Tall Jefferson auf seinem dritten Studioalbum konsequent.

Musik: "Wild Imagination"

Denn auf "Cloud Folk" ist alles künstlich, verkünstelt, überkünstelt – und trotz gelegentlicher Melancholie mindestens genauso zuckersüß wie der Cupcake, den Simon Borer, der Kopf hinter Long Tall Jefferson, auf dem Plattencover verzehrt.

Schon im Opener "Wild Imagination" wird klar, wohin die Reise geht: Der Gesang ist, wie auf fast jedem Song des Albums, durch Autotune verfremdet, die ruhige Ballade wird fast durchweg von Trap-Beats mit stellenweise rasendschneller Hi-Hat unterlegt, Synthie-Flächen wechseln sich mit Harmonika-Passagen ab. Aber so wahnsinnig inkompatibel das alles klingt: Es funktioniert!

Musik: "Wild Imagination"

Ausgangspunkt für das Album war die Frage: Wie klingt die Folkmusik der Zukunft? Denn die der Gegenwart kennt Long Tall Jefferson zu Genüge. Von Haus aus Jazzgitarrist hat der Schweizer Musiker 2016 mit "I Want My Honey Back" und 2018 mit "Lucky Guy" zwei schöne, wenn auch eher überraschungsarme Folkalben veröffentlicht. Das aber ändert sich auf "Cloud Folk" gewaltig.

Musik: "Everything Is Wrong"

Hier gibt es immer was zu entdecken: Etwa wenn Jefferson in "Everything Is Wrong" die Posaune fast bis zur Unkenntlichkeit elektronisch bearbeitet, sodass es am Ende aber kaum mehr elektronisch klingt, sondern vielmehr, als habe er die Töne in Comedian Harmonists-Manier durch die geschlossenen Lippen gepresst. Im Hintergrund forcieren elektronische Bassklänge einen vielschichtig-unruhigen Rhythmus, der zusammen mit dem Snare-Clapping, einer Technik, die eigentlich eher aus der Electronic Dance Music bekannt ist, dem Song mit der eher schlichten Melodie viel Tiefe verleiht.

Achtbeinige Pferde im Stepptanz

Rhythmisch noch abgefahrener wird es in "Follow You Around": Unter dem hier eher apathischen Gesang Jeffersons liegen nämlich nicht nur kunstvoll gespielte Gitarrenflächen und Synthesizer-Sounds, der marschartige 4/4-Takt des Basses wird auch von Percussion unterstützt, die Assoziationen an achtbeinige Pferde wecken, die sich im Stepptanz versuchen. 

Musik: "Follow You Around"

Der einzige wirkliche Ausreißer aus dem Album und damit auch aus dem Konzept "Cloud Folk" ist der Song "I'm In Love With An Astronaut". Wenn, dann träfe hier die Bezeichnung Cloud Funk: Denn die groovige Disco-Nummer hat so gar nichts von Folk, begeistert aber mit rhythmisch skandierten Vocals  und wuchtigem Bass. Hätten die Clubs geöffnet, die Menge würde toben.

Musik: "Astronaut"

Elektro-Zigaretten

Auch textlich ist Cloud Folk ein spannendes Album: Wenn zum Beispiel im eher poetischen Text von "Young Love", der Erzählung einer verflossenen Jugendliebe, die sonst in Folk und Rocksongs üblichen Zigaretten durch die Elektro-Zigarrette, den Vaper, ersetzt werden.

Musik: "Young Love"

Insgesamt ist "Cloud Folk", trotz Themen wie toxischer Männlichkeit, Liebeskummer und Orientierungslosigkeit, ein erstaunlich positiv gestimmtes Album. Es lebt von seinen vielschichtigen Rhythmen und spannenden Sounds, die in jedem der zehn Songs aufs Neue eine Art Cloud-Kokon um das Kernstück der Musik weben. Trotz aller Abkehr von klassischer Folk-Ästhetik macht Long Tall Jefferson weiterhin Folk: mit schlichten Melodien, anspruchsvollem Gitarrenspiel und – wenn man die dicke Schicht puderzuckriger Verkünstelung wegpustet: mit viel Gefühl.

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