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StartseiteCorso"Wir haben einen eigenen Stil, der nie veraltet"01.10.2016

Neues Album "Toy""Wir haben einen eigenen Stil, der nie veraltet"

Auch Musiker, die mit dem Computer komponieren, könnten die Klänge formen und eine absolute Authentizität der einzelnen Töne hervorzubringen, sagten Dieter Meier und Boris Blank vom Elektropopduo "Yello" im Corso-Gespräch. Die "Charakteristik unseres Sounds" sei auch nach 38 Jahren noch immer dieselbe.

Dieter Meier und Boris Blank im Corso-Gespräch mit Luigi Lauer

Das Schweizer Musiker-Duo "Yello", bestehend aus Dieter Meier und Boris Blank. (Luigi Lauer)
Das Schweizer Musiker-Duo "Yello". (Luigi Lauer)
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Luigi Lauer: Herr Meier, als Hobby-Weinbauer verstehen Sie ja sicher etwas von Jahrgängen. Wird 2016 für Yello ein gutes Jahr?

Dieter Meier: Man soll das ja nicht verschreien, ob es ein gutes Jahr wird oder nicht. Aber die Zeichen stehen eigentlich doch gut. Wir sind in wunderbaren Vorbereitungen für unsere Live-Konzerte hier im Kraftwerk in Berlin. Unsere neue CD kommt von London bis nach Moskau eigentlich sehr gut an. Nicht nur bei den alten Fans, sondern auch bei den jungen Leuten, weil wir ja sozusagen einen eigenen Stil haben, dass der nie veraltet.

Boris Blank: Ich denke, dass es ein guter Jahrgang wird, weil die letzte Platte ja 2009 auf den Markt kam. Das heißt, in diesen sieben Jahren ist die Musik gereift, und ich denke auch, dass die Stimmung auf dieser Platte eine gute ist und es ein guter Jahrgang wird deswegen.

Lauer: Heutzutage kann jeder mit wenig Geld elektronische Musik machen. Hören Sie den Unterschied, ob ein Computerfreak Musik macht oder ein Musiker mit Computern arbeitet?

Meier: Ja, vieles ist schon so aufgebaut, dass nicht etwa der Musiker das Instrument spielt, sondern das Instrument spielt den Musiker. Und da kommt natürlich sehr viel Ähnliches dabei raus, es kommt sehr viel Konfektionsware raus. Weil eben nicht von den wunderbaren Möglichkeiten, die diese elektronische Welt bietet, Gebrauch gemacht wird, sondern es wird einfach Ware von der Stange produziert.

Dabei ist ja, wie Boris Blank beweist, die Möglichkeit, ganz tief in die Klänge einzudringen, sich die Klänge zu formen und eine absolute Authentizität nicht nur der Komposition, sondern der einzelnen Töne hervorzubringen. Das ist eine ganz wunderbare Sache, aber wenige Leute machen wirklich davon Gebrauch. Und vieles, was man heute hört auf diesem Gebiet, da weiß man gar nicht, ist das jetzt 20 Jahre alt oder wurde es gestern gemacht.

"In unserer Musik sind sehr viele spielerische Fragmente eingewoben"

Lauer: Hat Yello trotz der Fülle an Veröffentlichungen im Bereich elektronischer Musik noch etwas Eigenes?

Blank: Ich denke schon. Ich glaube auch, dass das musikalische Gesicht von Yello in den letzten 38 Jahren gewisse Veränderungen durchgemacht hat, durchgelebt hat eben auch. Aber trotzdem erkennt man heute noch eine gewisse Signifikanz, eine Charakteristik unseres Sounds, die eigentlich immer noch dieselbe ist. Und auch die Freude, die in der Musik zu hören ist, hoffe ich mindestens, ist immer noch vorhanden.

Lauer: "Toy", also Spielzeug, ist der Titel des neuen Albums. Hat das mit der Verspieltheit von Yello zu tun?

Blank: Das ist eigentlich lustig, was Sie sagen, weil, tatsächlich scheint das so, dass in unserer Musik sehr viele spielerische Fragmente eingewoben sind. Wie meine Tochter noch klein war, da gab es ja Elternabende, und da wurde ich dann von anderen Eltern gefragt: "Sag mal, Boris, was macht die Musik? Ich muss sagen, ich stehe unheimlich auf eure Musik, aber jetzt kann ich sie nicht mehr anhören. Weißt du, meine Tochter, die hört von morgens bis abends immer eure Musik." Und irgendwas muss da dran sein, dass eine gewisse spielerische Geschichte da in der Musik vorhanden ist.

Lauer: Früher war es erheblich mehr Arbeit, elektronische Musik zu produzieren. 1978 haben Sie angefangen, da waren Sie quasi an der Schwelle zwischen analog und digital. Nutzen Sie auch die heutigen, neuen Möglichkeiten?

Blank: Schon. Ich denke auch, dass diese Möglichkeit der modernen Musiktechnologie heutzutage sehr verführerisch ist und eben auch weitgehend bequemer geworden ist. Man hat mehr Zugriff, man hat schneller Zugriff natürlich. Und ich denke schon, dass das ein Mittel für mich bleiben wird, wo ich eben auch in die molekulare Struktur eines Sounds eintauchen kann und da letztlich eben auch diese DNA eines Klangs unmittelbar verändern kann. Das war schon immer mein Ziel respektive meine Methode, Klänge zu erzeugen. Also ich bin nicht sentimental diesen analogen Teilen verbunden. Ich glaube an die Zukunft der Technologie in der Musikwelt.

"Ich liebe Schreibmaschinen."

Lauer: Trotzdem treffen Sie sich noch ganz altmodisch im Studio, statt fertige Soundfiles hin und her zu schicken?

Blank: Wenn Dieter ins Studio kommt, dann entsteht da eine gewisse Chemie, die letztlich dann das Stück fertig verpackt. Auch wenn Ideen so ein bisschen clashen, meine und seine Welt, ist das sehr dienlich, und ich glaube auch sehr wichtig für den kreativen Prozess des jeweiligen Stückes.

Lauer: Ich sehe gerade das Bild vor mir, dass Boris Blank vor Dutzenden hochentwickelter elektronischer Geräte sitzt, und dann kommen Sie mit einer alten Schreibmaschine ins Studio, um die Texte zu schreiben?

Meier: Absolut, ja! Für mich ist das so wie der Unterschied zwischen Vinyl und CD. Ich liebe Vinyl-Platten und ich liebe Schreibmaschinen. Das ist für mich ein schon fast sinnliches Erlebnis, wenn ich da auf eine Taste drücke und dieses Hämmerchen schnellt nach vorne und lässt einen Buchstaben auf dem Papier liegen. Und bis auf den heutigen Tag, auch meine Texte und Essays und Kurzgeschichten, die entstehen alle auf der Schreibmaschine. Ich habe einen Essay-Band veröffentlicht vor ein paar Jahren und der hieß "Hermes Baby", das ist eine Schreibmaschine. Und daraufhin habe ich sehr viel Schreibmaschinen zugeschickt bekommen von Leuten, die das nicht mehr brauchen und die dachten, der muss ja einen Vorrat haben, weil: Das wird ja nicht mehr gebaut, diese Maschine.

Lauer: Sie sind, neben vielen anderen Tätigkeiten, auch ein leidenschaftlicher Hobby-Schauspieler. Gehen sie mit dieser Haltung auch ins Studio, wenn das Vertexten der Musik von Boris Blank ansteht?

"Die Texte sind ja alle ein bisschen Film-Noir-geprägt"

Meier: Das ist auf jeden Fall so, ja. Die Musik von Boris ist für mich wie Musik eines nicht existierenden Films, und für mich wird dieser Film sofort belichtet in meinem Hirn drin. Und dann nehme ich eigentlich eine Rolle an in diesem Stück. Ich habe ja nicht eine einzige Identität als Sänger von Yello, sondern ich bin die verschiedensten Figuren, je nachdem, in welchem Film von Boris ich auftrete.

Lauer: Das hat ja dann vermutlich auch Einfluss auf die Texte.

Meier: Sicher, klar. Die Texte jetzt, die sind ja alle so ein bisschen Film-Noir-geprägt, also Einzelgänger, verlorene Seelen. Da hat es auch natürlich lustige Nummern dabei, aber das ist schon die Stimmung der Musik für mich gewesen, die Boris jetzt mit dieser neuen CD hervorgebracht hat.

Lauer: Yello gibt es seit 38 Jahren. In diesem Monat treten Sie zum ersten Mal live auf. Ist man da auch im fortgeschrittenen Alter aufgeregt?

Blank: Also mich persönlich in erster Linie macht das ganz sicher ein bisschen nervös. Ich bin auch immer wieder im Zweifel, ob das auch gut kommt. Dieter für sich kann wahrscheinlich sagen, dass er eher Erfahrung hat live. Aber für mich ist immer ein bisschen Nervosität im Spiel.

Lauer: Was soll denn schief laufen, wenn Sie mit Ihrem Rechner auf der Bühne stehen und Start oder Stopp drücken?

Blank: Nein, nein, die Bläser-Equipe, das sind fünf Mann, letztlich dann auch drei Backing-Vokalistinnen, die dazu kommen, zwei Gitarristen, zwei Perkussionisten. Also letztlich werden da neben uns zwölf weitere Musiker auf der Bühne stehen. Es ist also sicher eine Art Modul, die ein bisschen gespielt wird als Basis. Aber die meisten Sachen werden da live inszeniert.

Lauer: Weiß das Publikum davon? Weiß es überhaupt, was es erwartet?

Meier: Ich glaube nicht, dass die wissen, was passiert. Die gehen davon aus, dass sie die Yello-Klassiker hören und natürlich auch die wunderbaren neuen Stücke von der CD. Aber ich glaube, die werden überrascht sein, auch vom ganzen Lichtkonzept. Wir bespielen ja eine riesengroße Leinwand, das ist sozusagen unser Bühnenbild. Da haben wir sehr eigene und lustige Videos gemacht, die da abgespielt werden. Wir haben eine richtige Live-Show. Das war auch der Grund, wieso Boris nach all den Jahren endlich zugestimmt hat, das zu machen, weil wir die Möglichkeit gesehen haben, wirklich Yello live auf die Bühne zu bringen und nicht einfach auf den Knopf zu drücken. Es ist wirklich live.

Hörer werden wieder zu Kindern

Lauer: "Toy" heißt das Album, und auf dem Cover sieht man Sie beide mit Küchenutensilien auf dem Kopf, an denen sich Antennen befinden. Das sieht ein bisschen aus wie Biene Maja auf der Enterprise. Zu ihren Konzerten erwarten Sie aber schon Erwachsene, oder?

Meier: Ja, aber die werden eben wieder zu Kindern, wenn sie Yello hören. Das ist auch unser Ziel irgendwo. Dieser wunderbare Satz des Wanderpredigers aus Nazareth, der da gesagt hat: "Werdet wie die Kinder." Das heißt ja eigentlich, all die Verschüttungen dieser Welt, werdet sie los und werdet diese einmaligen Kreaturen, die ja im Grunde genommen in jedem Menschen drinstecken. Und ich glaube, dieses Kindliche und diese Freude, dieses auch Ungewöhnliche der Sounds von Boris hilft den Leuten, zu sich und zu ihrer Kindheit zurückzufinden. Ich glaube, das ist einer der Gründe, wieso die Fans immer Yello-Fans geblieben sind und für sie offensichtlich Yello sehr viel bedeutet, eben eine Erinnerung auch an die Zeit der Jugend. Durchaus im Sinne von Marcel Proust und seinem wunderbaren Roman "A la recherche du temps perdu".

Lauer: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit." Dann viel Erfolg! Eines noch: Demnächst soll es Yello sogar zum Lecken und Kleben geben?

Meier: Das ist lustig, ja. Das ist natürlich auch durchaus eine Alterserscheinung, wenn man da auf Briefmarken ist. Die nächste Stufe ist ja dann - wobei wir nicht glauben, dass wir das jemals offeriert bekommen werden - wenn man tot ist, kann man in der Schweiz erst auf eine Banknote kommen. Lebendige kommen nur auf Briefmarken.

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