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StartseiteCorso"Die dunkle Nacht der Seele namens Heroin"13.04.2019

Neues Album von Fat White Family"Die dunkle Nacht der Seele namens Heroin"

Geschmacklose Lo-Fi-Songs über Sex und Drogen, Striptease im Konzert - Fat White Family sind die schockierendste britische Band der letzten Jahre. Vor ihrem neuen Album „Serfs Up!“ hieß es: "Der provokanteste nächste Schritt könnte sein, munterer, tanzbar und sexier zu werden", so Lias Saoudi im Dlf.

Lias Saoudi im Corsogespräch mit Bernd Lechler

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(Sarah Piantadosi)
Gerettet, aber nicht unbedingt geläutert: Fat White Family (Sarah Piantadosi)
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Schon ihr erstes Album trug den skandalfreudigen Titel "Champagne Holocaust"; vor sechs Jahren hängten sie nach dem Tod von Margaret Thatcher ein Transparent mit den Worten "The Witch Is Dead" an dem besetzen Haus auf, in dem sie wohnten, und letztes Jahr eckte ihr Sänger mit einem Tweet über "Niggerleichen" in Libyen an - Retourkutsche auf eine zynische Äußerung von Boris Johnson. Bei ihren sagenumwobenen Auftritten gab es schon Sex auf der Bühne mit anschließender Verhaftung, und man ahnt, dass solche Eskapaden nur auf harten Drogen oder mit sehr viel Alkohol möglich sind, was die Musiker fast umgebracht hatte.

Aber dank der Flucht aus London nach Sheffield sowie Entzug und Selbstdisziplinierung veröffentlichen Fat White Family nun ein vor Kreativität sprühendes, aufregendes neues Album - gezügelt und zugänglicher, aber keineswegs zahm oder verwässert. Erste Frage beim Corsogespräch an Sänger Lias Saoudi: Wie sah der Schlammassel aus, aus dem er seine Band retten musste?

Lias Saoudi: Der ganze Mythos, den die Medien und schon auch wir selber um die Band kreiert hatten, der stand uns ein bisschen zu gut. Aber letztlich hat schlicht Heroin die Band kleingekriegt. Verbunden mit dem jahrelangen Touren, das alle ruiniert hat. Man kann sich da nicht drauf vorbereiten. Wir wollten ja gar keine professionelle Tourband werden, man hat uns da reinge­schmissen. Unsere psychische Widerstandkraft war also schwach. Aber bevor das jemand auffiel, waren wir lange genug in der Wüste, um eine Identität und ein künstlerisches Vokabular zu entwickeln, um uns durch diese "Dunkle Nacht der Seele" namens Heroin zu retten. Wir mussten einfach raus aus der Stadt, weg von den Vampiren, und die Dinge in einer total drogenfreien Zone wieder aufbauen.

Am Ende des Tunnels wartete der nächste Tunnel

Bernd Lechler: Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie gesagt haben: So, jetzt reicht’s?

Saoudi: Wir hatten gar keine Zeit über irgendwas nachzu­denken. Vielleicht erscheint das neue Album auch deshalb den meisten Leuten verständlicher, handwerklich besser, ideenreicher, raffinierter: weil wir endlich ein Zuhause hatten, ein eigenes kleines Studio und Zeit, ein paar zusammenhängende Gedanken zu fassen. Wenn ich an die letzten sechs Monate der Tour zum vorherigen Album denke: Das war wie in Vietnam. Es ging nur noch ums Überleben von einem Tag auf den anderen. Diese Analogie ist natürlich etwas übertrieben, aber ich schrecke vor ein paar kleineren Übertreibungen nicht zurück.

Jedenfalls waren wir wie in einem Tunnel. Und am Ende des Tunnels kam der nächste Tunnel. Und die Aussicht nach all den Tunneln war, dass unser damaliges Label uns rausschmeißt, weil wir unsererseits unseren musikalischen Direktor Saul gefeuert hatten. Das Label bot uns einen jämmerlichen Deal an, mit dem mein Plan unmöglich umzusetzen war, nämlich die Band durch einen Umzug nach Norden zu retten. Domino Records bot uns dann etwas Substanzielleres an und gab uns einfach eine zweite Chance. Jedenfalls - nachdem wir das alles überstanden hatten, war uns klar, dass wir uns jetzt wieder ernsthafter um die Musik kümmern mussten, statt um den Mythos drumherum, den wir selber fleißig gefüttert hatten.

Das Corsogespräch mit Liam Saoudi - hören Sie hier in englischer Originalversion

Lechler: Und jetzt hat also diese scheinbar nihilistische Band einen Song, der heißt "I Believe In Something Better", ich glaube an etwas Besseres. Handelt der von all dem, wovon wir gerade sprachen?

Saoudi: Nein, der Song handelt von Ted Kacynski, dem Unabomber - dem amerikanischen Terroristen. Das ist unsere Version eines Öko-Songs. Das Label wollte noch eine Uptempo-Nummer, und wir dachten, wir brauchen mal einen Umwelt-Song. Und dann haben wir eine Zukunft ausgemalt, in der die Welt so auf den Hund gekommen ist, dass die Leute Bronzestatuen von Ted Kacynski auf den Plätzen aufstellen, und seine Geschichte an den Grundschulen unterrichtet wird, solche Sachen. Also immer noch ganz schön nihilistisch…

Lechler: Immer noch, ja, auch wenn die erste Single, "Feet", für Ihre Verhältnisse eine große Schönheit hat. Im Text geht es trotzdem am Anfang offenbar um Sex, am Ende um Krieg und Rassismus; und im Video sieht man die Band als Soldaten vor hundert Jahren, und Sie schleppen sich nackt durch eine apokalyptische Wüste zu einer Art Nazi-Tempel. Was soll das alles?

Harte Jugend im bigotten Kaff

Saoudi: Da geht es um die rassistischen Attacken, denen ich als Teenager ausgesetzt war. Ich bin in einem bigotten Kaff in Nordirland aufgewachsen, in Cookstown, wo die Protestanten bis heute die Katholiken hassen und die Katholiken die Protestanten. Mein kleiner Bruder und ich bildeten die ethnische Minderheit im Ort. Mir wurde jeden Tag "sand nigger" und "Paki" hinterhergerufen und ins Gesicht gespuckt. Irgendwann hab ich eben die ganze Wut und Verachtung in die Musik kanalisiert. Ich fand einen konstruktiven Umgang damit.

Und ausgerechnet mich brandmarkt pitchfork.com letztes Jahr als Rassist, wegen meiner satirischen Reaktion auf diese ekelhafte Äußerung von Boris Johnson - in Libyen könne ein neues Dubai entstehen, wenn man nur Leichen wegräumte. Da dachte ich: Jetzt greifen sie mich also wieder an. Ich wähnte mich auf der Seite der Guten, als Künstler, ich wollte das Böse und den Rassismus, den ich sehe, so eindringlich wie möglich kontern, damit die Leute es begreifen. Und prompt versucht der größte Musikblog der Welt deswegen praktisch meine Karriere zu zerstören. Jetzt bin ich schon wieder im Krieg, dachte ich. Und deswegen war dieser Song als Vergeltung gedacht. Ich wollte etwas machen, was unter gar keinen Umständen als Signal einer neuen Tugendhaftigkeit missverstanden werden konnte.

Lechler: Und wie sind Sie beim neuen Sound der Band angekommen? Einen Entzug und eine Neuorientierung zu beschließen ist ja eine Sache - aber das dann zu Musik zu machen, ist eine andere. Welche Entscheidungen haben Sie da getroffen?

Der Plan: Scheitern, aber auf interessante Weise

Saoudi: Nach der letzten Albumkampagne waren wir völlig erschöpft und trennten uns erst mal. Ich ging nach Südostasien, um ein paar Monate alleine rumzuziehen, mein Bruder Nathan ging zum selben Zweck nach Mexico, und Saul ging nach New York und wohnte bei Sean Lennon. Und kurz vor Ende meiner Reise schrieb er mir eine Mail, ob ich Lust hätte, dazuzukommen und am Album ihrer Band, The Insecure Men, mitzuarbeiten und Texte zu schreiben. Nathan kam auch dazu, und so waren wir alle bei Sean, und die Sessions verliefen zur Abwechslung in blendender Laune. Fat White Family arbeiteten also an einem ganz anderen Projekt mit, der ganze Druck war weg, nach jeder Session hatten wir eine kleine Party - und da saßen wir und fragten uns: Was machen wir denn als nächstes.

Und da kam eben die Idee auf, es könnte poppiger werden. Wir hatten die ganzen Heroin-Jammerlieder gemacht und diese harschen Noise-Geschichten, da könnte der provokanteste nächste Schritt doch sein, munterer und tanzbar und sexier zu werden. Wir hören ja viel Popmusik, wir sind keine Puristen, wir mögen Abba und George Michael und Tina Turner und solche Sachen immer schon. Die Frage war dann eben: Wie modeln wir uns in diese Richtung um, denn klar war: Wir sind gar nicht in der Lage dazu, wir werden ganz klar scheitern, aber es wird ein interessantes Scheitern werden. Wir waren neugierig, worauf das hinauslaufen würde.

Lechler: Und jetzt ist das alles zugänglicher. Ich weiß noch wie ich eines Ihrer älteren Videos sah, das zu "Cream Of The Young", mit diesem Büffet voller Schlachtabfälle und den Sauereien mit der Sahne - ich konnte kaum hinschauen, so unappetitlich ist das. Waren denn die Schockaktionen der letzten Jahre Mittel zu einem Zweck - oder einfach ein Spaß an sich?

Saoudi: Das klingt jetzt wie ein Unding, aber so schockierend fand ich das alles gar nicht. Wir hatten damals diesen ganzen homogenisierten, auf Nummer sicher produzierten, zielgruppengerechten Mist so satt - da fiel man eben noch mit der kleinsten provokanten Geste auf. Von daher fand ich uns nicht so skandalös, sondern eher alle anderen auf geradezu tragische Weise langweilig. Und ich habe das Gefühl, das wird eher noch schlimmer, statt besser. Die Leute haben immer noch mehr Angst, sich zu blamieren oder irgendeinen politisch nicht korrekten Fauxpas zu begehen und sich den Zorn des linken Hassmobs zuzuziehen. Dieser ganze Mist - die Leute haben zunehmend Angst, sich mit irgendetwas aus dem Fenster zu lehnen. Aber in der Kunst interessiert das nicht, da geht es doch gerade darum, sich aus dem Fenster zu lehnen und etwas zu riskieren! Natürlich läuft man dann Gefahr verspottet zu werden und sich lächerlich zu machen, aber das gehört zum Künstlerdasein dazu.

Lechler: Und mit dieser Haltung sind Sie ja auch auf die Bühne gegangen. Vor ein paar Jahren schrieb ein Rezensent des Guardian, jeder Mensch sollte wenigstens einmal im Leben Fat White Family gesehen haben. Mir fehlt das noch - was habe ich verpasst?

Das Geschäft des kalkulierten Risikos

Saoudi: Unser Geschäft ist das des kalkulierten Risikos. Und es finden sich nicht mehr viele Vertreter dieser Philosophie. Es ist aber auch dumm, sich dem zu sehr hinzugeben, es ist gefährlich, und wir haben uns selbst dadurch so viel Schaden zugefügt, dass wir alle an den Folgen heute noch leiden. Von daher war das ein gewaltiges Opfer, würde ich sagen. Eine Nach-mir-die-Sintflut-Haltung gegenüber unseren eigenen Körpern - und gegenüber der Popkultur selbst.

Lechler: Wie wird Ihre neue Richtung die Liveshows verändern?

Saoudi: Ich denke, sie werden, wie auch das Album, etwas artikulierter werden. Wir sind als Performer alle ein Stück gewachsen. Ich persönlich sehne mich danach, wieder zu spielen. Für mich sind Liveshows immer eine Art Abrechnung. Ich lasse gern die negativsten Erlebnisse meines Lebens nochmal vor meinem inneren Auge ablaufen, bevor ich auf die Bühne gehe. Das ist meine Art, sie zu verarbeiten - statt sie an den Menschen in meinem Privatleben auszulassen.

Lechler: Wer sind Ihre Fans, was würden Sie sagen? Was holen die sich bei Ihnen?

Saoudi: Wer die sind? Ich weiß es nicht, wir haben inzwischen viele Fans der unterschiedlichsten Couleur, das ist manchmal verblüffend. Und was sie von uns kriegen - auch da sind wir eine Art Zuflucht für Leute, denen diese gleichförmige Bullshit-Kultur zum Hals heraushängt, diese Idee, dass Kunst Erwartungen bedienen soll und keinem wehtun darf. Ich glaube, wir bieten eine gesunde Alternative dazu. Das geht’s auch wieder um dieses Signalisieren von Tugend und Anstand. Bands, die dir sagen, dass du nett sein sollst zu diesem und jenem, dieser ganze bevormundende Zeigefinger-Quatsch. Ich kann das nicht ausstehen. Wieviele Rechtsnationale hören wohl zu Hause BBC Radio Six Music? Null! Da bedient man doch nur die eigene Klientel, man trägt Eulen nach Athen. Wir sind das genaue Gegenteil davon.

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