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StartseiteCorsoDie intergalaktische Föderation des Pop11.06.2019

Neues Album von Vanishing TwinDie intergalaktische Föderation des Pop

Eine Band wie das Raumschiff Enterprise: Das psychedelische multiethnische Londoner Kollektiv Vanishing Twin stellt dem Kleingeist des Brexit seine retrofuturistische Utopie der universalen Offenheit entgegen. Ein Album, das auch ein metaphorisches Statement gegen den Zeitgeist des Brexit setzt.

Von Robert Rotifer

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(Elliott Arndt)
"Wir sind tatsächlich ein bisschen wie die Enterprise", sagt Phil MFU, eines von vier Mitgliedern der in Geschlechtern, Ethnien und Sexualitäten diversen Band Vanishing Twin (Elliott Arndt)
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Im Büro des Londoner Plattenlabels Fire Records hat sich die Kommandobrücke eines musikalischen Raumschiffs zum Aufbruch in unendliche Weiten versammelt.

"I'm Phil MFU, and I play keyboards and guitar in the band" "I'm Valentina, and I play drums and percussion" "Hi I'm Cathy Lucas and I'm the singer."

Ein amerikanischer Tastenspieler und Gitarrist, eine trommelnde Italienerin, nicht zu hören ein schweigsamer japanischer Bassist. Und eine französisch-britische Sängerin, die sagt: Star Trek habe es dermaßen auf den Punkt gebracht. Das sei, wonach wir streben sollten.

"I think Star Trek is so spot on. That's what we should be aiming for." "We are a little bit Enterprise, a little bit Enterprise."

Klangästhetik im Stil von Raumschiff Enterprise

Wir sind tatsächlich ein bisschen wie die Enterprise, sagt Phil MFU, eines von vier Mitgliedern der in Geschlechtern, Ethnien und Sexualitäten diversen Band Vanishing Twin.

Der Vergleich mit der damals in den Sixties so progressiven Fernseh-Science Fiction-Utopie liegt tatsächlich auf der Hand, nicht nur von der gemischten Zusammensetzung der Crew, sondern auch von der klanglichen Ästhetik her.

Weiblicher Captain mit Liebe zur EU

Ein nicht unwesentlicher Unterschied: Captain ist bei Vanishing Twin eindeutig eine Frau. Cathy Lucas ist nicht nur die Stimme der Band, sie spielt und schreibt auch die Streicherarrangements und den Großteil der Songs, nicht zuletzt aber formuliert sie auch die ideologischen Grundsätze des Projekts.

Sie hat sowohl einen britischen als auch einen französischen Pass und ist ein klassisches Kind der europäischen Integration: "Ich wuchs in Brüssel auf, das gab mir ein warmes heimeliges Gefühl zur EU wegen ihrer Ideologie. Ich glaube an diese große, föderalistische Idee. Wir sind alle menschliche Wesen, und es gibt keinen wirklichen Grund, warum es Konflikte geben sollte."

"The Age of Immunology", das zweite Album von Vanishing Twin, leiht sich seinen Titel von einem Buch des Anthropologen David Napier, erschienen 2003, als das zuvor konsensfähige Ideal des Multikulturalismus von der nach dem Trauma 9/11 aufkommenden Rhetorik des Kampfs der Kulturen abgelöst wurde.

"Ihm zufolge hat das Konzept der Medizin, wonach der Körper abstößt, was von außen hereinkommt, mit verheerenden Folgen die ganze Gesellschaft infiziert. Wir sind in einer Periode, wo Grenzen geschaffen werden, aber bei dieser Band geht es darum, das Andere willkommen zu heißen."

Melodien für eine kosmopolitische Zukunft

Cathy Lucas' Sicht der Europäischen Union als reale Utopie menschlichen Zusammenlebens klingt aus kontinentaler Perspektive einen Deut naiv. Doch in London, wo ihre Band zu Hause ist, ist der unmittelbare Gegner der nationalistische Kleingeist des Brexit. Dagegen spendet der retrofuturistische Avantgarde-Pop von Vanishing Twin melodiös kosmopolitische Erleichterung.

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