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StartseiteMusikjournal"Ich will einfach mein Ding machen und spielen"12.04.2021

Neues Buch von Igor Levit"Ich will einfach mein Ding machen und spielen"

Igor Levit ist nicht nur Pianist. Er ist politisch, erhebt im Netz seine Stimme gegen Rassismus und Antisemitismus - und das nicht ohne Folgen. Der Journalist Florian Zinnecker hat Levit ein Jahr begleitet. Das Gemeinschaftsbuch blickt auf seinen Weg, seine Motivation und verrät, was er in der Corona-Zeit über sich selbst gelernt hat.

Von Elisabeth Richter

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Ein Mann steht rechts im Bild vor einer Wand und schaut frontal in die Kamera. Die Wan ist ab Brusthöhe hell tapeziert, unterhalb befindet sich eine Holzverkleidung. (picture alliance/dpa/Christoph Soeder)
Der Pianist Igor Levit hat gemeinsam mit dem Journalisten Florian Zinnecker ein Buch veröffentlicht. (picture alliance/dpa/Christoph Soeder)
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Igor Levit kann - zum Beispiel Beethovens späte Klaviersonaten - mit berührender Intensität spielen. Sei es im Konzert oder auf dieser, seiner Debüt-CD aus dem Jahr 2013. Da war er gerade einmal 26 Jahre. Inzwischen hat Igor Levit Bach, Rzewski und noch mehr Beethoven eingespielt, alle 32 Klaviersonaten.

Doch Spielen allein reicht Igor Levit nicht. Kaum ein Klassik-Künstler ist in den sozialen Netzwerken so präsent, äußert sich so dezidiert politisch wie er. 

"Fehlt eigentlich nur ein Buch. Haha. Aber im Ernst", schreibt Florian Zinnecker, Journalist bei der Wochenzeitung "Die Zeit". Er hat das Buch gemeinsam mit Igor Levit verfasst. Die drei Zeilen stehen für den Schreibstil des Buches. Es sind durchgehend kurze, oft extrem kurze Sätze oder Schlagworte, sprunghafte Assoziation, auch Kraftworte. Es ist der Twitter-Stil unserer Zeit. Eine Einteilung in Kapitel, Überschriften oder ähnliches gibt es nicht. Einzelne gedankliche Abschnitte gehen selten über mehrere Seiten. Oft sind es nur halbe Seiten. Sie sind – wie sollte es anders sein – per Hashtag voneinander getrennt. Das macht es nicht immer leicht 300 Seiten lang "dranzubleiben". 

"Gespürt, dass ich kein Fake bin"

S. 218 f: "Als wir beim Mittagessen in Salzburg Über die Hauskonzerte reden, lässt Igor als Reaktion auf die Frage, was er in dieser Zeit über sich gelernt habe, das Besteck sinken. 

Ich sage dir jetzt was – nimm es einfach so hin. Wenn du es schreiben solltest, weiß ich nicht, ob es mir jemand glaubt, aber das ist mir egal.

Ich habe in dieser Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gespürt, dass ich kein Fake bin. Dass ich nicht nur so tue, als ob. Ich habe mir zum ersten Mal selbst geglaubt, dass ich Pianist bin."

Mit großer Offenheit erzählt Igor Levit nicht nur an dieser Stelle von seinen Selbstzweifeln, die man als konsumierender Klassikliebhaber bei Künstlern allzu leicht wegblendet. 

Igor Levit schaut am Flügel sitzend verschmitzt zur Seite. (imago images / Future Image) (imago images / Future Image)Zur Debatte um Igor Levit - Das Recht des Pianisten zu twittern
Ein "SZ"-Artikel über Igor Levit schlägt Wellen. Zu kritisieren, der Pianist nutze Twitter für politische Botschaften, sei absurd, meint Musikjournalist Rainer Pöllmann. Aber natürlich fördere das auch seine Karriere. Etwas Medien-Selbstkritik sei angesagt.

"Hauskonzert" heißt das Gemeinschaftsbuch. Das bezieht sich auf Igor Levits Aktion, bereits einen Tag, nachdem alle öffentlichen Konzerte Corona-bedingt ausgesetzt wurden, von seiner Wohnung aus Hauskonzerte per Twitter zwei Monate lang täglich in die Welt zu streamen. Ein riesiger Erfolg in dieser Notzeit. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gehörte zu den Followern, lud Igor Levit zu einem Hauskonzert nach Schloss Bellevue ein und verlieh ihm das Bundesverdienstkreuz. Der Pianist zeige, dass Musik trösten könne und mache auch auf die Notsituation der Künstler aufmerksam. 

S. 128: "Der Druck ist weg, verstehst du? Weg! Und ich will nicht, dass er zurückkommt."

"Druck? Hat er nicht immer behauptet, es gebe für ihn keinen Druck, Bühne und Alltag seien ein und dasselbe?"

"Ja, dachte ich auch. Merke gerade, dass das nicht stimmt. Jetzt ist es mir noch viel egaler als vorher."

Er zieht sein linkes Bein unter den Hintern.

"Ich will, dass es ist wie bei den Hauskonzerten. Ich will, dass es so bleibt. Ich will einfach mein Ding machen und spielen."

Der Blick auf die Karriere und das Corona-Jahr

Ein Jahr lang – im Wesentlichen das Corona-Jahr - hat Florian Zinnecker Igor Levit begleitet und Material gesammelt. Punktuelle Erlebnisse dieser Zeit - die Hauskonzerte, einzelne Auftritte etwa - bilden das Gerüst des Buches. Von dort gibt es Rückblenden, die den biographischen Weg beschreiben. Vieles lässt Zinnecker auch Verwandte und Freunde erzählen. Levits Mutter Elena gab ihm den ersten Klavierunterricht, aus der musikalischen Früherziehung "fliegt" der vorlaute Igor raus. Später reißen sich renommierte Klavierpädagogen wie Karl-Heinz Kämmerling oder Hans Leygraf fast darum, den begabten Igor zu unterrichten. Aber der Aufbau der Karriere war durchaus steinig. Mit 16 spielte er Grigory Sokolov vor, der ihn regelrecht auseinandernahm.

"Hat Ihnen schon mal jemand etwas über Dynamik erzählt? Ich habe gesagt, wahrscheinlich nein. Er: So denke ich auch. Sie spielen so etwas wie Forte und Piano. Aber es gibt Forte, Mezzo Forte, ... Fortissimo ... Pianissimo... Molto Crescendo. Und so weiter. Er schlug mir vor, ein anderes Instrument zu lernen: Wie wäre es mit Flöte?"

Viel Talent, viel Glück

Igor Levit ließ sich nicht entmutigen. Er hat nicht nur Talent. Er hat auch Glück und vor allem das Gespür zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und die richtigen Leute kennen zu lernen. Zum Beispiel die Journalistin Eleonore Büning, die in der FAZ Sonntagszeitung eine Eloge über den 23-Jährigen schreibt, oder Thorsten Schmidt, den künstlerischen Leiter des Heidelberger Frühlings, der dem blutjungen Pianisten die Leitung der Kammermusik-Akademie des Festivals überträgt. 

S. 218 f: "Ich habe noch nie umschalten wollen. ... Für mich ist auf die Bühne gehen und Musik machen im Grunde eine natürliche Fortsetzung meines Lebens. ...Ich spiele keine Rollen. Ich habe noch nie Rollen gespielt. ... Das ist einfach mein Leben, das hier stattfindet."

Sind so manche Künstler damit beschäftigt, nach außen ein Image zu kreieren, ist Igor Levit einfach, wie er ist. Im Gemeinschaftsbuch mit Florian Zinnecker wird durch den vertraulich-flapsigen Ton versucht, Nähe aufzubauen. Immer wieder betont Levit, wie wichtig es ihm ist, überhaupt für andere spielen zu können. Wenn auch nur virtuell.

Andererseits wird auch deutlich, wie sehr ihn künstlerische Kritik und antisemitische Anfeindungen treffen. Beschämend sind etwa die Äußerungen des Autors Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung, der Igor Levit vorwirft, er täusche Empfindungen vor. Zinnecker zieht die Parallele zu Richard Wagners unsäglichem Aufsatz "Das Judenthum in der Musik" von 1850. Wagner behauptete hier, besonders jüdischen Künstlern mangle es an deutschem Geist und eigener Schöpfung. 

S. 262: "Die Schwierigkeit liegt oft darin, dass kontrastierende Dinge auf sehr engem Raum sehr schnell hintereinander passieren. Das ist genau das, was mir Spaß macht. Und jeder, der das spielt, kann sich dadurch bestärkt fühlen, sich nicht in dienender Funktion der Musik zu ergeben, sondern zu sagen: Ich bin da, ich zähle, schaut her, was diese Musik mit mir macht."

Der Twitter-Stil des Buches verhindert wirklich tiefgehende Überlegungen zur Musik. Sogenannte konservative Leser werden sich vielleicht sehnsüchtig daran erinnern, wie faszinierend etwa ein Claudio Arrau über Musik schreiben konnte. Das möchten Igor Levit und Florian Zinnecker wohl auch nicht. Die virtuelle Nähe dieses "Hauskonzert" genannten Buches erleichtert aber einer großen Schar von Skeptikern und Interessierten den Zugang zur klassischen Musik. Und das ist auch viel wert.

Igor Levit, Florian Zinnecker: "Hauskonzert", 304 Seiten, Hanser-Verlag
ISBN : 978-3-446-26960-6, € 24,00

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