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StartseiteKommentare und Themen der WocheNur ein erster Schritt gegen Arzneimittel-Betrüger09.02.2019

Neues EU-SicherheitssystemNur ein erster Schritt gegen Arzneimittel-Betrüger

Es bleibe fraglich, ob die allesamt auf die Verpackung zielenden Maßnahmen ausreichen, kommentiert Dagmar Röhrlich das neue Sicherheitssystem für Arzneimittel. Denn: Nur wenn es gelingt, den Fälscherbanden das Handwerk zu legen, werde sich wirklich etwas ändern. Das Übel müsse an der Wurzel gepackt werden.

von Dagmar Röhrlich

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Tabletten fallen auf Kunststoff-Hüllen in einer Verpackungsmaschine (imago/blickwinkel)
Verschreibungspflichtige Medikamente müssen künftig einen Barcode auf der Verpackung tragen, mit dem der Apotheker beim Verkauf die Echtheit überprüft (imago/blickwinkel)
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Im Juni 2018 sorgte ein Fall in Dortmund für Schlagzeilen: Als ein Patient eine neue Packung seines Hepatitis-Medikaments öffnete, enthielt sie weiße statt der gewohnten orange gefärbten Tabletten. Er meldete den Vorfall, und die Behörden prüften das Mittel. Es stellte sich heraus, dass die weißen Tabletten bis auf die Farbe mit den orangen identisch sind. Nur waren sie nicht für den europäischen Markt bestimmt, sondern für Entwicklungs- und Schwellenländer. Die Pillen waren illegal umverpackt und vermutlich über die Niederlande in den deutschen Pharmagroßhandel geschleust worden. Der Anreiz für die Kriminellen: ein Preisunterschied pro Packung von rund 17.000 Euro.

Dabei hatte der Dortmunder Patient Glück. Denn das Mittel hätte genauso geholfen wie das Original. In Entwicklungs- und Schwellenländern hingegen sterben nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich zwischen 300.000 und einer Million Menschen, weil ihre Medizin unwirksam, gepanscht oder giftig ist.

Gefälscht wird alles: Am häufigsten Potenzmittel, aber auch Antibiotika, Anti-Baby-Pillen oder lebenswichtige und sehr teure Aids- und Krebsmedikamente. Gewinnspannen, die höher sein können als bei Heroin und ein relativ geringes Risiko entdeckt zu werden, locken die oft international agierenden Fälscherbanden. Und so nimmt die Arzneimittelkriminalität weltweit immer größere Ausmaße an.

Deutschlands Apotheken sind noch ein sicherer Vertriebsweg

Dabei ist Deutschland im internationalen Vergleich wenig von dem Problem betroffen. 2018, so erklärt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, hätte es in der legalen Lieferkette vom Hersteller über Großhändler bis in die Apotheken nur zehn Verdachtsfälle gegeben - bei einer Abgabe von mehr als 750 Millionen Packungen verschreibungspflichtiger Medikamente. Anders sieht es beim Internethandel aus, wo sich anscheinend neben vertrauenswürdigen Online-Apotheken auch unseriöse Anbieter tummeln. Laut WHO ist jedes zweite Medikament, das online vertrieben wird, gefälscht - und zwar in dem Sinn, dass es nicht die offiziell deklarierten Wirkstoffe enthält.

Angesichts einer wachsenden Gefährdung startet in Europa nun ein neues Schutzsystem, das zusätzliche Sicherheitsmerkmale vorschreibt: Verschreibungspflichtige Medikamente müssen künftig einen Barcode auf der Verpackung tragen, mit dem der Apotheker beim Verkauf die Echtheit überprüft. Dazu kommt ein Erstöffnungsschutz. Er soll garantieren, dass die Schachteln nicht schon aufgemacht worden sind.

Der hohe Aufwand lohnt sich auch für die Pharmaindustrie

Das neue Sicherheitssystem ist teuer: zehn Milliarden Euro, schätzt die EU-Kommission. Den größten Anteil davon trägt die Pharmaindustrie, die aber auch den größten Nutzen haben sollte, denn durch Produktpiraterie gehen ihr Ansehen und Milliarden verloren. Zwar lohnt sich der Aufwand, weil es um eine Bedrohung für Gesundheit und Leben geht: Ein wirkungsloser Blutdrucksenker kann tödliche Folgen haben. Doch angesichts der kriminellen Energie ist fraglich, ob diese allesamt auf die Verpackung zielenden Maßnahmen wirklich ausreichen. Das wird die Erfahrung zeigen. Der Aufwand, den die Pharmaindustrie treiben muss, um ihre Medikamente fälschungssicher zu machen, dürfte in Zukunft eher noch weiter steigen.

Und eines kann kein Sicherheitssystem der Welt ersetzen: Nur wenn es gelingt, den Banden das Handwerk zu legen, wird sich wirklich etwas ändern. Auch für die Patienten in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Eine Studie des National Institute of Health in den USA kommt zu dem Schluss, dass in Südost-Asien 36 Prozent aller Arzneimittel gegen Malaria gefälscht sind - dadurch sterben Menschen. Der internationale Kampf gegen die Medikamentenfälscher muss also verstärkt, das Übel an der Wurzel gepackt werden. Die 500 Tonnen, die Interpol im Oktober vergangenen Jahres bei Razzien sicherstellen konnte, sind erst ein kleiner Anfang.

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