Montag, 23.07.2018
 
Seit 08:10 Uhr Interview
Startseite@mediasresDie Macht des Selfies16.07.2018

Neues ForschungsprojektDie Macht des Selfies

Fotos, die man von sich selbst macht, sind längst Bestandteil der digitalen Alltagskommunikation geworden. Die sogenannten Selfies bewegten sich stets in einem Spannungsfeld zwischen Empowerment und Narzissmus, erklärt Wissenschaftlerin Kristina Steimer im Dlf.

Kristina Steimer im Gespräch mit Stefan Koldehoff

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Touristen machen vor dem Trevi-Brunnen in Rom Selfies. (imago stock&people)
Touristen machen vor dem Trevi-Brunnen in Rom Selfies. (imago stock&people)
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"Weibliche Teenager mit Duck Face vor dem heimischen Badezimmerspiegel", das sei das Klischee-Beispiel par excellence in Selfie-Debatten, findet Kristina Steimer, die Leiterin des neugegründeten Selfie-Forschungsnetzwerks in München. Im Deutschlandfunk sagte sie, es handle es sich dabei aber mehr um eine einseitige Betrachtung als um eine Beschreibung der real sehr vielfältigen Selfie-Formen. Sie hält die Zuschreibung für zu kurz gegriffen, es handle sich bei dieser Form der Fotografie, um ein Produkt narzisstischer, aufmerksamkeitssüchtiger Millennials: "Ich glaube, dass diese Zuschreibung eher eine Art von Kapitulation ist, vor der Komplexität und Unüberschaubarkeit des Selfie-Phänomens."

Bisher ist das Phänomen der Selfies vor allem von der Kommunikationswissenschaft und der Pädagogik untersucht worden, nicht aber von der Medienwissenschaft. Diese Lücke will das neue Forschungsnetzwerk nun schließen, das an das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft angegliedert ist. Dazu gehört auch die introspektive Selbsterfahrung, selber Selfies zu machen. "Man kann besser über etwas sprechen, wenn man es selbst erfahren hat", sagt Steimer über ihr methodisches Konzept.

Selfie-Forschung frage eben auch nach der Motivation hinter dem Selfie-Taking, nach der Erwartungshaltung, die damit einhergehe. Dies ließe sich besser erfassen, wenn man "im Selbstversuch weiß, wie das ist, und sich auch mit Freunden darüber austauscht oder Kommilitonen –  und auch in den Netzwerken beobachtet, was da dann für Reaktionen kommen. Das ist schon ganz hilfreich", erklärt die Forscherin.

"Narzissmus und Empowerment"

Selfies bewegten sich stets in einem Spannungsfeld zwischen Empowerment und Narzissmus und hätten Fluchtlinien zu beiden Polen. Welche Bilder und Botschaften damit produziert werden und wie diese medial aufgegriffen und verhandelt würden, all das sei Kerninteresse des neuen Forschungsnetzwerks.

"Selfie ist ein Phänomen, das in alle Ebenen hineinspielt und sinnbildlich für gewisse Tendenzen steht, was gemeinschaftliche Werte, individuelle Werte anbelangt." Darüber erhoffe man sich mehr Aufschluss zu bekommen. Der Einzelne, der mit Selfies arbeitet; die Gesellschaft, in der das Selfie eine immer größere Rolle spielt; die Medien, die darauf eingehen – all das gelte es in den Fokus zu nehmen, so Steimer.

Sie findet, dass Selfies eine Wirkung auf soziale Wertesysteme und Handlungsentscheidungen haben, deswegen müssten sie als gesellschaftliche Ausdrucksform ernstgenommen werden. In diesem fotografischen Ausdruck spiegele sich auch wieder, "in welcher Gesellschaft wir leben wollen".

Eine Form der Selbstversicherung

In der schieren Unendlichkeit des Internets seien Selfies auch ein Mittel, um Gemeinschaft und Nähe herzustellen.

"Es gibt bestimmte Vorstrukturierungen von Kommunikation, die diesen Raum organisieren. Und das Selfie zum Beispiel kann natürlich dann auch als eine Form von Orientierung wirksam werden, wo dann auch ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen kann."

So ein Zugehörigkeitsgefühl sei ein zutiefst menschliches Grundbedürfnis, so Steimer.

Sie können das Gespräch mit Kristina Steimer bis mindestens 22. Januar 2019 nachhören.

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