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StartseiteBüchermarktHanser macht Blau04.12.2018

Neues Hanser-ImprintHanser macht Blau

Veränderungen auf dem Buchmarkt spiegeln sich in der Gestaltung von Büchern wider: Die großen Verlage favorisieren zunehmend das Paperback-Format.

Von Heidemarie Schumacher

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Verlagsleitung Ulrike von Stenglin und die erste Programmvorschau von Hanserblau
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Bücher haben nicht nur Schicksale sondern als Trägermedium von Literatur auch Einbände, in der Branche Ausgabeformate genannt. Von denen gibt es drei: das Hardcover, der Liebling all jener, die im gebundenen Format mit festem Deckel und zusätzlichem Umschlag die einzig wahre Form des Buches sehen, zweitens das Taschenbuch, klein, handlich und durch Broschur zusammengehalten, und dann, als Zwischenformat, das Paperback, ebenfalls broschiert, aber größer und meist glänzender als das Taschenbuch und mit Seitenklappen versehen.

Hardcover sind teurer als die broschierten Formate, weil die Produktionskosten höher sind. Das Paperback hat sich inzwischen auch bei großen Verlagen etabliert. Sie gründeten in den letzten Jahrzehnten zunehmend eigene Imprints und Programme in dieser Form. So hat laut Buchreport Rowohlt seit 2010 mit Rowohlt Polaris Titel in Klappenbroschur eingeführt, Random House startete 2011 ein Paperback-Roman-Imprint und Ullstein bringt erzählende Sachbücher als Ullstein Extra-Paperbacks.

Nun eröffnet auch der Hanser Verlag mit Hanser Blau einen Publikumsverlagsteil, der mit ca. 16 Titeln pro Jahr Belletristik und Sachbücher überwiegend im Paperback-Format auflegen will. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Hanser das Zürcher Imprint Nagel & Kimche mit seinen gebundenen Büchern letztes Jahr an die MG Medien Verlags GmbH verkaufte. Verantwortlich für das neue Segment Hanser Blau ist Ulrike von Stenglin, die das nötige Know-how von Ullstein mitbrachte:

"Ich glaube, das hat ganz gut gepasst mit mir und Hanser, weil ich eben alles schon mal gemacht habe und ein etwas breiteres Erfahrungsspektrum mitbringe als Kollegen aus anderen Häusern, wo es oft noch sehr stark getrennt ist, da darf man dann nur in der internationalen Literatur einkaufen oder eben nur im Sachbuch, nur fürs Taschenbuch oder nur fürs Hardcover, und das war eigentlich ganz schön, bei Ullstein gab´s diese Trennung einfach nicht mehr."

Ein größeres Publikum erreichen

Während Ulrike von Stenglin im Ullstein Verlag ein literarisches Spielfeld aufmachte, erweitert sie den Hanser-Kanon nun um ein prinzipiell offeneres Feld, um eine breitere Leserschaft zu erreichen. Auf meine Frage, ob es jetzt umgekehrt bei Hanser in den Bereich Unterhaltung gehen solle,  verweist die Programmleiterin auf die Tradition des Verlags:

"Man muss sagen, dass Hanser in seiner Historie auch immer - und das finde ich auch so toll an dem Verlag – auch immer Titel gemacht hat, die ein großes Publikum erreicht haben. Ich meine, bei Autoren wie Anna Gabalda oder wie bei Alex Capus oder auch wie bei dem kürzlich verstorbenen Philip Roth, muss man sagen, es ist oft zusammengekommen eine starke Focussierung auf zeitgenössische Themen verbunden mit einer hohen Lesbarkeit."

Auf keinen Fall wolle man mit dem neuen Imprint Hanser Blau jetzt Unterhaltung im Sinne von Genre-Literatur  produzieren. Verständlichkeit, Lesbarkeit sowie Unterhaltung als erzählerische Qualität, sollen die Auswahlkriterien für die neuen Angebote sein. 

"Mit dem Programm, das wir jetzt machen wollen, wollen wir eben möglichst viele Leser erreichen, aber es muss trotzdem in die Hanser-DNA passen. Diese Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Literatur gibt es im Ausland z.B. gar nicht mehr, im angelsächsischen Raum spricht man häufig von upmarket oder upmarket commercial, was bedeutet, dass die Stoffe zugänglich erzählt sind, aber auch durchaus mit sehr schwierigen Themen hantieren können."

Größere Flexibilität bei der Produktion

Das Paperbackformat erlaube prinzipiell, Dinge stärker auszuprobieren. Man wolle u.a. Autoren verlegen, die auch mit einer TV-Präsenz ihre Themen einem größeren Publikum vermitteln können. Personalisierung könne sich möglicherweise auch in Autorenfotos auf dem Cover ausdrücken. Als Beispiel für den Sachbuchbereich nennt die Programmleiterin das Buch von Heike Blümner und Laura Ewert mit dem Titel: "Schluss jetzt. Von der Freiheit, sich zu trennen", das sich dem Thema Trennung bei Frauen über 30, die lange mit einem festen Partner zusammen waren, widmet. Eine letzte Bastion, die der Feminismus noch zu erobern habe, so Stenglin. Das Buch operiere mit vielen Zahlen und Statistiken, etwa zu Alleinerziehenden, sei jedoch auch leicht und teilweise humorvoll geschrieben. Damit sei das billigere Paperback generell in der Lage rascher zeitsensible Themen zu erfassen und Bücher zu verlegen, die man in 20 Jahren nicht mehr lesen wolle.

Für den Bereich Belletristik sind  unter anderen Rocko Schamoni und sein Roman "Grosse Freiheit" über die Hamburger Kiezlegende Wolli Köhler angekündigt. Weiterhin der Roman "Agathe" von Anne Cathrine Bomann, in dem ein alternder Psychiater vor dem Ruhestand durch die Gespräche mit seiner letzten Patientin neue Wege und neue Zuversicht erfährt. Auffallend ist, dass auch die Cover des neuen Imprints mit einer verspielten Leichtigkeit und hellen Farben daherkommen und damit eine positive Ausstrahlung vermitteln wollen.   

Bücher für den passageren Lesegenuss

Unter medientheoretischen Gesichtspunkten ist die zunehmende Beliebtheit des Broschurformats möglicherweise aber auch selbst dem Zeitgeist geschuldet. Bücher ohne festen Deckel sind schon von der Machart passager, nicht für die Ewigkeit sondern eher für ein einmaliges Lesen gedacht. Lesern, die heutzutage vorwiegend über Bildschirme wischen, um umzublättern, erscheinen gebundene Bücher zunehmend wie Ziegelsteine, die dann für Jahrzehnte auf Regalen verstauben. Die glatte Oberfläche der Paperbacks erinnert haptisch eher an Bildschirme und sie erscheinen einen Hauch immaterieller als die festen Einbände mit Umschlag. Aber nicht nur der Buchdeckel ist flexibel, das Paperback erlaubt den Verlagen ein rascheres Reagieren auf den Buchmarkt, damit größere Gestaltungsspielräume hinsichtlich der Programmplanung. Oder wie Marshall McLuhan es einst formulierte: "das Paperback ist genauso für tiefgründige Literatur wie für Schaumschlägerei geeignet." Auf  den neuen Verlagsteil von Hanser darf man jedenfalls gespannt sein.

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