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StartseiteRock et ceteraVon wegen Schreckstarre07.03.2021

Neues Tomahawk-Album "Tonic Immobility"Von wegen Schreckstarre

Faith No More-Sänger Mike Patton hat vor 20 Jahren die Band Tomahawk gegründet. Das letzte Album ist schon ein paar Jahre her, aber jetzt beweist die Alternative Rock Supergroup, dass sie in der Zeit nichts von ihrem Feuer verloren hat. Attacke!

Von Kai Löffler

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Vier Männer blicken in die Kamera. Zwei Männer tragen Sonnenbrille. Das Foto ist bearbeitet. Die Männer sind auf eine Wasseroberfläche gespiegelt. (Eric Livingston )
Duane Denison, Mike Patton, John Stanier, Trevor Dunn (v.l.n.r.) (Eric Livingston )
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Musik: "The Gentle Art of Making Enemies" Faith No More 

Mal schreibt Faith No More-Frontmann Mike Patton Filmmusik oder nimmt seine Chamäleon-Stimme für ein Videospiel auf, mal covert er italienischen Pop aus den 50ern und 60ern. Hin und wieder spielt er auch Konzerte mit Faith No More und natürlich nimmt er immer wieder neue Musik auf. Zuletzt mit seiner Supergroup Tomahawk, die gerade - herzlichen Glückwunsch! - 20 geworden ist. "Tonic Immobility" heißt das neue Werk, aufgenommen in zahlreichen Studios in verschiedenen Teilen Amerikas. Dass die Mitglieder von Tomahawk dabei nie in zusammen in einem Raum waren, hört man der Musik nicht an.

Musik: "Dog Eat Dog"

In vielen der Songs dominiert der Bass von Trevor Dunn, Bassist von Mr- Bungle und Fantômas und seit dem letzten Album neustes Mitglied von Tomahawk. Die Grenzen zwischen Mike Pattons Projekten sind manchmal etwas unscharf, und seit Dunn bei Tomahawk spielt, sind sie noch weiter verwischt. Zur Unterscheidung: Tomahawk ist etwas experimenteller als Faith No More, aber weniger experimentell als Mr. Bungle. Und Fantômas spielt wiederum auf einem völlig anderen Planeten.

Musik: "04/04/05-Monday" - Fantômas 

Tomahawk gehört zu Mike Pattons produktiveren Bands, ist aber mit fünf Alben in 20 Jahren trotzdem kein Anwärter auf den Guiness-Rekord. Die letzten sieben Jahre war das Kriegsbeil begraben, nun ist es aber wieder gezückt. Und passenderweise bedeutet der Titel "Tonic Immobility" Schreckstarre - die Tiere und in seltenen Fällen auch Menschen ereilt.

Stakkato Surf-Gitarre und Gefüster

Tomahawk hat sich aber offenbar daraus befreit: "Tonic Immobility" ist experimentierfreudig und sehr dynamisch, mit keinem Gramm Fett. Die Band groovt, die Hooks sitzen und Mike Patton klingt kraftvoll und vielseitig wie eh und je.

Musik: "Dog Eat Dog"

Lange Zeit haben sich Bands verpflichtet gefühlt, ihre Alben bis zur Kapazitätsgrenze einer CD mit Musik zu füllen - manchmal gestreckt mit Bonus Tracks oder Album-Songs, die lieber Bonus Tracks geblieben wären. Seit ein paar Jahren geht der Trend wieder zu schlanken 40 Minuten, vielleicht auch aufgrund des Schallplatten-Revivals. Für "Tonic Immobility" ist das genau die richtige Länge. Das Album ist wie ein Gast, der auf ein Glas Wein und ein nettes Gespräch vorbeischaut und dann wieder geht, bevor man das erste Mal auf die Uhr geguckt hat. Der erste Song des Albums, "SHHH!", mit seiner chromatischen Stakkato-Surfgitare, Unisono mit dem Bass, und den abwechselnd geflüsterten und geschrienen Texten, ist ein stimmungsvoller Einstieg und klingt ein bisschen, als hätten die Deftones den Refused-Song "New Noise" gecovert. In eine etwas andere Kerbe schlägt die erste Single"Business Casual".

Musik: "Business Casual"

Mike Patton besingt in lebhaften, manchmal abstrakten Bildern die groteske Absurdität des amerikanischen Großstadtlebens, von Krinkel-Anzug bis Schlankheitswahn. Mit seiner repetitiven Basslinie und den synkopierten Powerchords im Refrain ist "Business Casual" für Tomahawk-Verhältnisse ziemlich gradlinig und könnte glatt als Faith No More-Song aus der "Angel Dust"-Ära durchgehen.

Musik: "Business Casual"

"Business Casual" ist Patton pur. Dagegen tragen die rotzigen Riffs und offenen Akkorde der zweiten Single "Dog Eat Dog" - übrigens der letzte Track des Albums - die Handschrift von Gitarrist Duane Denison, der sonst in der Band The Jesus Lizard spielt. 

Musik: "Dog Eat Dog"

"Tonic Immobility" unternimmt Ausflüge in den Noise Rock, Metal, und der vorletzte Track "Recoil" klingt wie eine Hommage an das legendäre Reggae-Ska-Trio Sublime. Während die meisten Bands sich irgendwann auf einen Sound einschießen, bleibt Tomahawk im Umbruch. Das neue Album streift und zitiert zwar seine vier Vorgänger - und auch Mike Pattons charakteristische Latin-Rock-Anklänge fehlen nicht. Vor allem ist "Tonic Immobility" eine kompakte Lehrstunde, eine Geschichte des Alternative Rock in all seinen Facetten. Also: Nicht in Schreckstarre verfallen, sondern Hefte raus und Ohren auf!

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