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StartseiteForschung aktuellNeues vom unbekannten Menschen23.12.2010

Neues vom unbekannten Menschen

Genom eines ausgestorben Urmenschen aus Sibirien präsentiert

Paläoanthropologie. - Heute existiert nur noch eine Menschenart. Doch lange Zeit lebten in Europa unsere Vorfahren zusammen mit Neandertalern, auf der indonesischen Insel Flores wurde eine vermutlich dritte nahezu zeitgenössische Menschenart entdeckt. Und jetzt präsentiert ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Nature" das Genom eines Urmenschen, der vor rund 30.000 Jahren den sibirischen Altai bewohnte.

Von Michael Stang

Rund 30.000 Jahre alt ist der Zahn einer neuen sibirischen Urmenschenart. (Nature)
Rund 30.000 Jahre alt ist der Zahn einer neuen sibirischen Urmenschenart. (Nature)

2008 entdeckten Forscher in der Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge einen Fingerknochen, dessen genetische Analyse vor einem halben Jahr für Aufregung sorgte. Vor 30.000 Jahren lebte dort neben Neandertalern und unseren Vorfahren noch eine weitere Menschenform. Der Knochen und ein Zahn eines weiteren Individuums waren so gut erhalten, dass die Genetiker nun auch Kern-DNA untersuchen konnten, sagt David Reich von der Harvard Medical School Boston in Massachusetts.

"Wir konnten sehr viel Erbgut dieser Menschenform analysieren und haben nun sogar bessere Daten als von dem Neandertalergenom. Jetzt können wir mit Sicherheit sagen, dass es sich bei den Menschen aus der Denisova-Höhle weder um Neandertaler noch um unsere Vorfahren handelt."

Um herauszufinden, wie nahe diese Menschenform mit heutigen Menschen verwandt ist, verglichen der Populationsgenetiker und seine Kollegen die Erbgutdaten aus der Denisova-Höhle mit den Daten heutiger Europäer, Chinesen und Afroamerikaner. Dabei sahen sie, dass die unbekannte Menschenform mit all diesen heute lebenden Menschen gleich weit entfernt beziehungsweise nah verwandt ist. Als sie jedoch die Daten mit Erbgutmaterial aus Papua-Neuguinea verglichen, trauten sie ihren Augen nicht. Menschen aus Melanesien sind näher mit den Menschen aus der Denisova-Höhle verwandt als jede andere heutige Population. Demnach muss es einen regelmäßigen genetischen Austausch zwischen ihnen und den Vorfahren heutiger Menschen in Papua-Neuguinea gegeben haben.

"Das war eine unglaubliche Überraschung, geradezu ein Schock. Wir haben unseren Daten natürlich zuerst misstraut und gedacht, dass wir einen Fehler gemacht haben, also dass unsere Knochen- und Zahnproben irgendwie verunreinigt waren oder wir uns verrechnet haben. Also haben wir weitere Proben aus Papua-Neuguinea untersucht, alles überprüft und so weiter – stets mit demselben Ergebnis. Die Menschen aus Papua-Neuguinea tragen ein genetisches Erbe, das es nirgendwo anders auf der Welt gibt."

Auch Chris Stringer vom Naturhistorischen Museum in London ist von den neuen Daten fasziniert. Der Paläoanthropologe gilt als einer der Experten für Frühmenschenfunde in Asien.

"Es ist sehr überraschend. Wenn man raten müsste, wo es diese Vermischungen gegeben haben könnte, würde man natürlich auf die Region tippen, wo die Nachfahren heute leben, also auf Papua-Neuguinea, aber doch nicht auf Südsibirien! Demnach müssen diese Menschen aus Sibirien weit herumgekommen sein, also bis runter nach Melanesien, denn es gibt keinerlei Belege, dass es die Insulaner je nach Sibirien verschlagen hätte."

Die neuen genetischen Daten könnten damit vielleicht eine völlig neue Interpretationsrichtung vorgeben für Fossilien, die bislang weder eindeutig als Homo erectus, noch als Homo sapiens oder als Neandertaler klassifiziert werden konnten.

"Es gibt in Südasien eine Reihe menschlicher Fossilien, die wir nie eindeutig zuordnen konnten. Vielleicht sind es tatsächlich die Nachkommen von Homo heidelbergensis, der als Vorfahr von uns und den Neandertalern gilt. Vielleicht ist dieser Urmensch tatsächlich von Westen her bis nach Sibirien vorgestoßen und hat dort eine neue Population gegründet, deren genetische Überreste wir nun vorliegen haben."

Ob es sich bei den Funden aus Sibirien tatsächlich um den berühmten Heidelbergmenschen handelt oder nicht, können die Forscher rund um David Reich nicht sagen.

"Wir haben uns entschieden sie einfach Denisova-Menschen zu nennen und ihnen keinen eigenen Speziesnamen zu geben. Wir wissen einfach nicht, ob diese genetischen Eigenschaften eine eigene Art rechtfertigen. Dennoch zeigen sie eigenständige Merkmale, die sie als eigene Population ausweisen, die ihre eigene Geschichte hat."

Obwohl diese menschliche Linie heute ausgestorben ist, tragen Melanesier noch Reste ihres Erbguts in sich. Dies zeige, so David Reich, dass unsere Vorfahren die Denisova-Menschen nicht verdrängt, sondern sich mit ihnen vermischt haben.

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