Mittwoch, 06. Juli 2022

Neun-Euro-Ticket
Für die Verkehrswende braucht es Digitalisierung, kein einmaliges Schnäppchen

Das Neun-Euro-Ticket entlaste die Bürger, die Verkehrswende käme dadurch aber nicht voran, kommentiert Piotr Heller. Denn dafür müsse die ÖPNV-Mobilität dauerhaft leichter zugänglich werden. Im Herbst hätten die Kunden sich aber wieder durch Tarifgebiete und Kurzstrecken-Regelungen zu wühlen.

Ein Kommentar von Piotr Heller | 23.05.2022

Ein 9-Euro-Ticket für den Monat Juni ist am Bahnsteig der Kölner Verkehrsbetriebe zu sehen.
Die Deutsche Bahn und zahlreiche Verkehrsverbünde haben mit dem Verkauf des 9-Euro-Monatstickets begonnen (picture alliance/dpa | Oliver Berg)
Wenn man das Neun-Euro-Ticket oberflächlich betrachtet, kann es nur ein Erfolg sein. Das liegt am Preis. Es kann für drei Monaten wohl fast jeden entlasten: Den Autofahrer, der seinen Wagen stehen lassen kann, oder den Regionalbahn-Pendler, der sich das Monatsticket spart. Aber alleine daran darf man das Ticket nicht messen. Denn in ihm steckt auch ein Versprechen: Es soll Menschen in die öffentlichen Verkehrsmittel locken und die Verkehrswende voranbringen. Doch das kann so nicht gelingen. Drei Monate ein einfaches System anbieten und danach wieder zurück zum regionalen undurchsichtigen Kleinklein?

Das Neun-Euro-Ticket überzeugt durch seine Einfachheit

Die Schönheit des Neun-Euro-Tickets steckt ja in seiner Einfachheit: Einsteigen, losfahren und keinen Gedanken an Tarifstrukturen, Ticketautomaten und obskuren Kurzstrecken-Regelungen verlieren. Aber dafür bräuchte es gar kein Neun-Euro-Ticket, sondern nur etwas guten Willen. Der fehlt bisher. Dank der Digitalisierung darf es heute kein Problem sein, Mobilität zu verkaufen anstatt Tickets. Der Kunde gibt auf dem Handy sein Ziel ein und das System kauft im Hintergrund Fahrkarten, reserviert ein Leihfahrrad für die letzte Meile, bei Regen ruft er ein Taxi. Das wäre moderne Mobilität.

Drittanbieter brauchen Zugang zum Ticketverkauf

Das Rückgrat solcher Konzepte ist der öffentliche Verkehr. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Verkehrsbetriebe schaffen selbst Mobilitätsangebote, bei denen sie ihre Busse und Bahnen mit Leih-Fahrrädern und Co. kombinieren. Solche Ideen gibt es zuhauf – aber auch gescheiterte Versuche. Die Alternative: Die Betriebe erlauben Dritten, ihre Tickets für den ÖPNV zu verkaufen und zu attraktiven Paketen zu kombinieren, die mit dem Auto konkurrieren. Doch das lehnen sie bislang kategorisch ab.

Finnland zeigt, wie nahtlose Mobilität aussehen kann

Ein Blick ins Ausland zeigt, wie es anders gehen kann: In Finnland muss jeder Verkehrsbetrieb Dritten erlauben, seine Tickets zu verkaufen. Und tatsächlich klappt etwa in Helsinki die nahtlose Mobilität ganz gut. Die Initiative ging dabei nicht von den Verkehrsbetrieben, sondern von der Politik aus. Hier ist auch in Deutschland der Schuldige zu suchen: Solche Vorstöße fehlen derzeit.
Vielleicht wird sich das ändern – mit Druck von außen. Die Europäische Kommission will mit einer Gesetzesinitiative multimodale, digitale Mobilitätsdienste fördern. Die Verkehrsbetriebe in Deutschland haben sich bereits zu Wort gemeldet: Von einer Öffnung der Vertriebskanäle für Tickets möge die Kommission die Finger lassen, fordern sie. Die Einfachheit, die das Neun-Euro-Ticket bringt, wird spätestens im September wohl wieder Geschichte sein.