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StartseiteSprechstundeMit Antikörpern gegen Juckreiz 02.08.2016

Neurodermitis Mit Antikörpern gegen Juckreiz

Bei etwa jedem fünften Neurodermitis-Patienten bringen Kortisoncremes oder Antiseptika keine Linderung. Hier hoffen Mediziner auf eine Behandlungsmöglichkeit, die ihr Arsenal auch bei anderen Krankheiten erweitert hat: die sogenannten Antikörper - künstlich hergestellte Abwehrmoleküle des Immunsystems.

Von Hellmuth Nordwig

Ein Mann kratzt sich die Haut am Rücken am Freitag (17.09.2010) in der Poliklinik für Hautkrankheiten am Universitätsklinikum Münster (UKM). Experten diskutieren beim 2. Münsteraner Pruritussymposium Leitlinien für verbesserte Patientenversorgung. Das Kompetenzzentrum Pruritus am UKM ist bundesweit die erste Einrichtung für Patienten mit chronischem Juckreiz.  (picture-alliance/dpa/ Friso Gentsch )
Nicht zuletzt der aufdringliche Juckreiz belastet Neurodermitis-Patienten. (picture-alliance/dpa/ Friso Gentsch )

Gleich drei Dinge laufen bei Menschen mit Neurodermitis aus dem Ruder. Erstens hält die oberste Hautschicht Krankheitserreger nicht so gut zurück wie bei Gesunden. Und diese Keime können die Patienten, zweitens, nicht so wirksam bekämpfen. Ihre Immunabwehr ist geschwächt, die Haut entzündet sich. Und drittens ist das Immunsystem auch noch fehlgesteuert: Oft reagieren die Patienten allergisch auf Pollen oder Lebensmittel.

"Diese Schieflage der Immunreaktion, die können wir heute sehr gut beschreiben," erklärt Tilo Biedermann, Direktor der Hautklinik der TU München.

"Es gibt zwei Botenstoffe, die im Zentrum der Entzündungsreaktion in der Haut stehen. Die heißen Interleukin-4 und Interleukin-13. Und diese zwei Botenstoffe können wir heute mit Antikörpern in ihrer Wirkung völlig blockieren. Die ersten Studien, die veröffentlicht wurden, zeigen ganz phänomenale Ansprechraten, keine Nebenwirkungen. Und wir versprechen uns in einem Jahr, vielleicht eineinhalb Jahren die Zulassung dieser Präparate."

Mögliche Nebenwirkungen müssen zuverlässig untersucht werden

Es handelt sich dabei um künstlich hergestellte Abwehrmoleküle des Immunsystems, die erwähnten Antikörper. Dupilumab heißt derjenige, der am weitesten entwickelt ist. Er erkennt die Botenstoffe, die bei der Neurodermitis die Entzündung am Laufen halten und macht sie unschädlich. In den bisher veröffentlichten Studien haben weltweit knapp 130 Patienten dieses Präparat bekommen. Und bei 85 Prozent von ihnen besserten sich Entzündungen und Juckreiz deutlich - verglichen mit einer Placebo-Behandlung. Auch Thomas Bieber war an den Studien beteiligt, er leitet die Hautklinik der Universität Bonn.

"Natürlich reden wir hier über eine relativ begrenzte Patientenzahl. Wir müssen erst einmal abwarten, wie die Ergebnisse der großen, sogenannten Phase-III-Studien aussehen, um da eine endgültige Aussage zu treffen. Und dann wahrscheinlich auch nicht so endgültig, denn man braucht ja Jahre lange Erfahrungen, um wirklich das Nebenwirkungsprofil eines bestimmten Medikaments mit Sicherheit zu erfassen."

Nebenwirkungen könnten deshalb auftreten, weil Botenstoffe des Immunsystems oft mehrere Aufgaben haben. So ist es auch hier: Die Neurodermitis-Botenstoffe brauchen wir auch, um Wurmparasiten abzuwehren, sagt Tilo Biedermann.

"Bisher ist in den Studien kein Zwischenfall diesbezüglich aufgefallen, was auch daran liegen kann, dass wir nicht mehr so problematisch mit Wurminfektionen in unseren Breiten zu kämpfen haben. Da wird es eine gewisse Erfahrung brauchen, bis wir definitiv sagen können, ob wir Reisen in bestimmte Gebiete dieser Erde verbieten müssen, wenn man unter dieser Therapie ist."

Hohe Kosten für Antikörper-Medikamente

Einen Nachteil haben Antikörper-Medikamente ganz sicher: Sie sind teuer. schon jetzt geben die gesetzlichen Krankenkassen mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr dafür aus, zum Beispiel für Antikörper in der Rheuma-Behandlung. Doch die neuen Präparate sind ohnehin nur für die Neurodermitis-Patienten gedacht, denen sonst gar nichts hilft, sagt Thomas Bieber.

"Wir sprechen hier von maximal 20 Prozent der Patienten mit Neurodermitis insgesamt. Aber das sind die Patienten mit den schwersten Formen, die am schwierigsten zu kontrollieren sind."

Und für die könnten die neuen Präparate eine spürbare Verbesserung bringen - falls große Studien die ersten Ergebnisse bestätigen.

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