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StartseiteKultur heuteNeurosen sind bunte, längliche Dinger28.06.2013

Neurosen sind bunte, längliche Dinger

Retrospektive auf Franz West im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt

Franz Wests Kunstwerke laden den Betrachter fast immer zur Interaktion ein. Sein intelligenter Humor kommt an vielen Stellen der Frankfurter Retrospektive zum Vorschein - manchmal auch erst auf den zweiten Blick.

Von Christian Gampert

Der Wiener Künstler Franz West (aufgenommen bei der Eröffnung der 54. Kunstbiennale Venedig 2011).  (picture alliance / dpa)
Der Wiener Künstler Franz West (aufgenommen bei der Eröffnung der 54. Kunstbiennale Venedig 2011). (picture alliance / dpa)
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Kann man Neurosen darstellen? Der im letzten Jahr gestorbene Franz West konnte es. Neurosen sind bunte längliche Dinger, die eigentlich ganz hübsch aussehen. Manchmal sind sie auch weiß und manchmal rosa, offenbar ganz nach Stimmung. West hat sogar einmal das "Ich" und das "Es" auf einem Platz beim New Yorker Central Park aufgestellt, lange, in sich gekrümmte Lulatsch-Linien; das wird ein ziemliches Hallo gewesen sein.

In Frankfurt, im Museum für Moderne Kunst, begegnen uns zunächst viele von Franz West erfundene Sitzgelegenheiten, mehrere Varianten einer Art Sigmund-Freud-Couch, auf die man sich leider nicht legen darf, weil die Exemplare schon etwas altersschwach sind und für die Nachwelt erhalten werden müssen. Auch die "Causeuse", Drahtgestell für zwei Dialogwillige, ist für den Publikumsverkehr gesperrt. Dafür kann man sich auf zwei merkwürdigen, großformatigen Sitzwürsten niederlassen, bunte, penisartige skulpturale Sinnlos-Schleifen, die erst nach Wests Tod fertiggestellt wurden: die eine, in blassrot, rekelt sich so am Boden dahin, die andere, tiefblau, strebt mehr gen Himmel. Beide sind einem Krakel des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein nachempfunden und passen grandios in die hohen schrägen Wände des Hollein-Baus – da kommt wirklich etwas ins Wanken und Schwanken, und diese Verunsicherung, diese ironische Lust am Spiel, die "Eleganz der Absichtslosigkeit", das ist es ja, was Franz West mit seiner Kunst immer erreichen wollte.

Der Autodidakt Franz West begann in den 1970er-Jahren mit sogenannten Passstücken; das sind kleine plastische Elemente aus unterschiedlichen Materialien, mit denen der Museumsbesucher hantieren soll, Ego-Erweiterungen, Prothesen, Auswucherungen. Man kann die Dinger auf dem Kopf tragen oder sich damit kratzen, man kann sie unter den Arm klemmen oder damit jonglieren – egal, was man tut: Der Zuschauer ist eingebunden, aktiv, tätig, und er entfernt sich mit absurden Aktionen aus dem hergebrachten zivilisatorischen Kosmos. Am Ende der Frankfurter Ausstellung gibt es ein Video, auf dem ein Tänzer mit einer Art Spirale kreiseln lässt – gleich daneben ein Podium, auf dem das Publikum es mal selbst versuchen kann.

Die Frage ist, ob die Rezeption des Werks sich nach dem frühen Tod des Franz West verändert hat. Ja, natürlich. Es ist ein Unterschied, ob da einer noch arbeitet, Hand anlegen und die eigenen Werke verändern, nachbessern, neu kombinieren kann – denn darauf zielte Wests Kunstverständnis. Jetzt geht es ums Bewahren und Inventarisieren, und die Merkwürdigkeit, dass manche Werke zum Schauen, andere zum Tasten und Greifen sind, und sei es als Repliken, läßt sich nicht auflösen. Der Frankfurter Kurator Klaus Goerner lebt mit diesem Widerspruch, indem er einige (benutzbare) Werke ganz monumental inszeniert, für andere aber kleine Ecken reserviert, in denen West einen Bezug zu anderen Künstlern herstellt – eine ironisch "Kasseler Rippchen" genannte Installation vereinigt eine Kühlvorrichtung von Jason Rhodes mit wilder Malerei von Oehlen und Brandl. Davor ein Tisch von Franz West, an dem man Bier trinken soll. Gute Idee.

Der Vater war Kohlenhändler, die Mutter Zahnärztin; der Sohn musste zwangsläufig Künstler werden. Franz West las viel Freud, um den Hass auf den Vater niederzukämpfen, und noch mehr Wittgenstein, um überhaupt etwas von der Welt zu verstehen. Die Titel seiner Arbeiten zeugen von diesen Quellen, Sprache, Analyse, Mythologie. Die Mutter ist über die Farbe Grellrosa im Werk omnipräsent, die an die Abgüsse von Gebissen erinnert; die "Paresia", was sowohl Lähmung als auch Redefreiheit bedeuten kann, erscheint in Form elementarer Lemurenköpfe. Dann aber die Ironie: Es gibt in der Ausstellung ein Lab-Stück, also Flaschen, an denen man sich labt, Nycnac-Schnickschnack-Paravents mit Gesichtern der New Yorker Kunstszene, eine "Synchronie", die links eine männliche, rechts eine weibliche Wohneinheit an die Wand klappt, und ein putziges "Urinello", das sind zwei Urinflaschen, die einen Pseudo-Phallus bilden.

Die sarkastische Leichtigkeit dieser Kunst wird sich nicht jedem auf den ersten Blick erschließen – aber das Innehalten vor den Objekten lohnt. Sie sind in der Frankfurter Schau kundig verzahnt mit Pistoletto-Spiegeln, Artschwager-Möbeln und Textilien von Franz Erhard Walther. Franz West und sein intelligenter Humor werden uns fehlen.

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