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StartseiteForschung aktuellBeginnt Parkinson im Darm?27.06.2019

NeurowissenschaftBeginnt Parkinson im Darm?

Die Parkinson-Krankheit beginnt im Magen-Darm-Trakt und wandert über den Vagusnerv ins Gehirn: Das vermutete schon 2003 der deutsche Neuroanatom Heiko Braak. Nun haben US-Forscher den bislang besten Beleg für diese Hypothese vorgelegt.

Von Christine Westerhaus

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Dopaminergic neuron, illustration Dopaminergic neuron, computer illustration. Dopaminergic neurons are brain cells whose primary neurotransmitter is dopamine. Degeneration of these cells leads to the symptoms of Parkinson s disease. These symptoms include tremor, muscular rigidity, poor balance and depression. Glial cell-derived neurotrophic factor promotes the survival and differentiation of dopaminergic neurons and therefore may be useful as a treatment. PUBLICATIONxINxGERxSUIxHUNxONLY KATERYNAxKON/SCIENCExPHOTOxLIBRARY F021/3549 (imago stock&people)
Bei der Parkinson-Krankheit werden wichtige Nervenzellen im Gehirn zerstört, die für die Bewegung wichtig sind (imago stock&people)
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Bevor eine Parkinson-Krankheit ausbricht, können 20, vielleicht sogar 30 Jahre ins Land gehen. Weil viele Menschen schon lange vor den typischen Symptomen über Magen-Darm-Probleme klagen, vermutete ein deutscher Forscher 2003, dass die Krankheit nicht im Gehirn, sondern im Verdauungstrakt entsteht. Damals war das eine gewagte Hypothese. Doch jetzt haben Ted Dawson von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore und sein Team handfeste Indizien für diese Theorie vorgelegt.

"Eine der Ideen war, dass krankhaft veränderte Proteine, die für die Entstehung der Parkinson-Krankheit verantwortlich gemacht werden, vom Magen aus über den Vagusnerv in das Gehirn gelangen. Also über Nervenbahnen, die die inneren Organe versorgen. Wir haben deshalb bei Mäusen, denen wir diese krankhaft veränderten Proteine verabreicht hatten, diese Verbindung zum Gehirn getrennt. Und tatsächlich konnten wir zeigen, dass diese Tiere keine Parkinson-Krankheit entwickelten."

Krankhaft veränderte Proteine sind Auslöser

Die Proteine, die für die Entstehung der Parkinson-Krankheit verantwortlich gemacht werden, heißen α-Synukleine. Bei Parkinson-Patienten sind sie krankhaft verändert und führen im Gehirn dazu, dass Nervenzellen absterben. Ted Dawson und sein Team spritzten Mäusen diese krankhaften veränderten Eiweiße in Magen und Darm. Normalerweise zeigen die Mäuse einige Zeit später Parkinson-Symptome – nicht aber, wenn der Vagus-Nerv durchtrennt ist. Für Ted Dawson ein klarer Beleg, dass die schädlichen Proteine ihren Weg aus dem Darm ins Gehirn finden:

"Ich denke, dass diese Beobachtung den Fokus der Parkinson-Forschung verändern wird. Wir sollten untersuchen, warum sich α-Synukleine im Verdauungstrakt krankhaft verändern. Sind es die Darmbakterien? Das, was wir essen oder irgendwelche Infektionen? Das Ganze erinnert an die Entdeckung, dass Magengeschwüre von Bakterien verursacht werden. Niemand hätte das damals gedacht!"

Dass körpereigene Bakterien in Zusammenhang stehen mit der Parkinson-Krankheit, legen mehrere Studien nahe. Sie zeigen, dass die Bakteriengemeinschaft im Darm von Parkinson-Patienten verändert ist. Eine Publikation im Fachmagazin "Cell" konnte sogar nachweisen, dass diese Veränderungen im Mikrobiom die fatalen Veränderungen im α-Synuklein beschleunigen. Doch was genau ist Ursache und was Folge?

Vom Darm zum Hirn oder vom Hirn zum Darm?

Andere Parkinson-Forscher geben zu bedenken, dass sich die veränderten α-Synukleine auch vom Gehirn aus in den Körper ausbreiten können. Es sei also weiterhin unklar, wo genau sie entstehen und welchen Weg sie im Körper nehmen. Ted Dawson:
 
"Für mich würde das nächste Experiment so aussehen: Wir verändern bei Mäusen die Darmflora und schauen, ob sich die α-Synukleine dadurch krankhaft verändern. Dann könnten wir unsere ganzen Ergebnisse zusammenführen und wüssten, was genau die Parkinson Krankheit auslöst. Ob es tatsächlich die körpereigene Mikrobengemeinschaft ist oder Infektionen mit Bakterien oder Viren."

Frühere Diagnose möglich

Im besten Fall könnten aus den jetzigen Ergebnissen neue Therapien entstehen. Beispielsweise über nützliche Bakterien als Probiotika oder auch als Stuhltransplantation. In jedem Fall aber könnten die Ergebnisse dabei helfen, eine Parkinson-Krankheit schon viel früher zu diagnostizieren. Sammeln sich vermehrt krankhaft veränderte Eiweiße im Verdauungstrakt an, kann das ein Warnzeichen sein, von dem Patienten profitieren würden. Denn eine frühe Gabe von Dopamin, also dem Botenstoff, der Bewegungen ermöglicht, verlangsamt den Krankheitsverlauf.

"Ich denke, dass unsere Ergebnisse auch andere Neurowissenschaftler motivieren werden. Viele neurodegenerativen Krankheiten hängen mit krankhaft veränderten Proteinen zusammen. Man wird sich das genauer ansehen. Die Frage ist: Spielt der Darm auch bei der Alzheimer-Krankheit oder anderen Demenzen eine Rolle?"

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